Tagung "Museum und Schule"

Ende Oktober fand im Kloster Banz eine von der Hanns-Seidel-Stiftung mit ausgerichtete Tagung zum Thema „Museum und Schule — eine erfolgreiche Partnerschaft?“ statt.

Dort habe ich im abendlichen Eröffnungsvortrag das Kompetenzmodell „Historisches Denken“ vorgestellt und auf den „Lernort Museum“ bezogen.

Ein Tagungsbericht der Veranstalter findet sich hier, ausführlicher hier.

Der Vortrag wird in leicht überarbeiteter Form erscheinen als:
Körber, Andreas (18.11.2010): „Historisches Denken zwischen Museum und Schule“. In: Christoph, Barbara; Dippold, Günter (Hgg.; 2010): Museum und Schule – erfolgreiche Partner? Bayreuth (Banker Museumsgespräche; 2).

27.11.2009: Gastvortrag von Prof. Dr. Bea Lundt (Flensburg)


Liebe Kommiliton(inn)en,

am 27.11. startet der Arbeitsbereich Geschichtsdidaktik eine neue Reihe mit Gastvorträgen. Den Anfang macht Frau Prof. Dr. Bea Lundt von der Universität Flensburg:

A.Körber

Gastvortrag von Frau Prof. Dr. Bea Lundt:

Das Afrikanische Mittelalter als Herausforderung für die Geschichtsdidaktik.


beafrika_1Afrika im Mittelalter? Bei dem Begriff „Mittelalter“ tauchen cbeafrika_1hristliche Dome vor unseren inneren Augen auf, Ritter in glänzenden Rüstungen, städtische Handwerker, aber auch arme und unwissende Bauern in ihren unzivilisierten Dörfern. Gerade erst erschienen sind Unterrichts-materialien, die auch weiterhin „das Reich“ und seine Kaiser als Vorform Deutschlands präsentieren; noch immer eingesetzt wird eine dreigliedrige Lehnspyramide zur Kennzeichnung einer statischen sozialen Ordnung, die angeblich die Vormoderne kenn-zeichnete. Dabei zeigt uns die Forschung seit einigen Jahren eine differenzierte, multireligiöse und multikulturelle Epoche von hoher Mobilität in einem weit über Europa hinausreichenden Raum. Am Ende der Karawanenstraßen durch die Sahara befanden sich große Städte und Reiche. Zur Zeit werden in dem mittelalterlichen Gelehrtenzentrum Timbuktu zahlreiche arabische Handschriften gesichert, die von Reichtum und Wissen einer islamischen Schriftkultur des Mittelalters zeugen. In Afrika ist man sich dieser Tradition bewusst und pflegt sie. Doch in die mitteleuropäischen Geschichtsbilder sind solche Erkenntnisse noch nicht eingearbeitet. Wir werden „unser“ Mittelalter teilen müssen…

Frau Prof. Dr. Bea Lundt ist Professorin für mittelalterliche Geschichte und für die Didaktik der Geschichte an der Universität Flensburg, ebenso nimmt sie Lehraufträge und Assoziierungen an der Humboldt-Universität zu Berlin wahr.

Datum: 27. November 2009

Uhrzeit: 18.00 Uhr

Ort: Anna- Siemsen- Hörsaal

(Von- Melle- Park 8 )

Reflektiertes Geschichtsbewusstsein – Elemente einer Definition und Operationalisierung (Stand: 23.10.2008)

Körber, Andreas: „Reflektiertes Geschichtsbewusstsein – Elemente einer Definition und Operationalisierung (Stand: 23.10.2008)“

  1. Definition:
  2. Reflektiertes Geschichtsbewusstsein ist diejenige Art und Weise des Umgangs mit Geschichte, der historischen Sinnbildung, die sich ihrer eigenen Voraussetzungen und der weiteren Determinanten und Faktoren sowie des Verfahrens, seiner Leistungen und Grenzen bewusst ist. Während der Begriff des „Geschichtsbewusstseins“ in seiner Definition als „Sinnbildung über Zeiterfahrung“ auch un- und unterbewusste Prozesse und Strukturen einschließt, ist reflektiertes Geschichtsbewusstsein eine gesteigerte, informierte Form.

  3. Prämissen:
    1. „Geschichte“ ist nicht gleich Vergangenheit, sondern immer eine partielle, gedeutete, konstruierte Vergangenheit.
    2. „Geschichte“ ist perspektivisch.

  4. Determinanten:
  5. Determinanten von Geschichtsbewusstsein, die in einem reflektierten Geschichtsbewusstsein selbst bewusst gemacht werden und argumentativ bewertet werden können müssen, sind u.a.:

    1. das jeweils eigene Bedürfnis, welches ein historisches Denken ausgelöst bzw. angestoßen hat, darunter auch: inwieweit dieses Bedürfnis aus der eigenen persönlichen Erfahrung entspringt,
    2. vorgängig in den Prozess des historischen Denkens eingebrachte Vorstellungen dessen, was am Ende dabei heraus kommen könnte: Vorstellungen von der Leistung historischen Wissens und Denkens, über die „Orientierungskraft“ für das Individuum und die Gesellschaft.
    3. eigene politische, soziale, religiöse etc. Positionen (bzw. die eigene Zugehörigkeit zu gegenwärtigen sozialen Gruppen mit eigenen Werten etc.)
    4. Vorstellungen über das Zustandekommen historischen Wissens (Informationen)
      1. Wissen und Vorstellungen über Überlieferungswege von Informationen (Quellen, Tradition, Überrest etc.)
      2. Vorstellungen über Wahrheit und Objektivität in der Geschichte
        1. Überzeugungen im Hinblick auf die Frage, ob es eine erkenntnisunabhängige Realität gibt und ob sie zugänglich ist
        2. Vorstellungen darüber, woran man „objektive“ Geschichten erkennen kann
      3. Vorstellungen über Perspektivität und Kontroversität von geschichtlichem Wissen
    5. Auffassungen über Pluralität und/oder Einheit „richtiger“ Geschichte(n)
    6. Vorstellungen über die historischen gewordenen Bedingungen der eigenen Gegenwart und des eigenen Fragens
    7. Vorstellungen über „denk-leitende“ Formeln etc.
    8. Bewusste Unterscheidung zwischen Analyse, Sachurteil und Werturteil

Andreas Körber; Fußleiste


Distanzierung von verwiesenen Seiten;
zuletzt geändert: 23.10.2008; Dr. Andreas Körber

Graduierungsversuche zum Kompetenzmodell "Historisches Denken".

Graduierungsversuche zum Kompetenzmodell „Historisches Denken“. Materialien zum Workshop „Standards“ der FUER-Tagung; 10.9.2005:

Graduierungsversuche_3

Kompetenzmodell Historisches Denken

Kompetenzmodell „Historisches Denken“

SCHREIBER/KÖRBER u.a. (2006): Kompetenzen historischen Denkens: Sonderdruck_Kompetenzen_klein_1

Das Kompetenzmodell „Historisches Denken“ wurde zwischen 2003 und 2006 von der FUER-Gruppe um Waltraud Schreiber, Bodo von Borries, Wolfgang Hasberg, Reinhard Krammer, Sylvia Mebus und anderen (darunter mir) entwickelt.

Der hier zur Verfügung gestellte Text erschien 2006 unter dem Titel:

Schreiber, Waltraud; Körber, Andreas (u.a.; 2006): Kompetenzen historischen Denkens. Neuried: ars una.

Er ist inzwischen vergriffen und freigegeben.

Eine ausführliche Publikation ist 2007 erschienen:

Körber, Andreas; Schreiber, Waltraud; Schöner, Alexander (Hrsg.; 2007):  Historisches Denken. Ein Kompetenz-Strukturmodell. Neuried: ars una.

Schulgeschichtsbuch – Geschichtsschulbuch

Körber, Andreas (15.9.2009): „Schulgeschichtsbuch – Geschichtsschulbuch“

Eine kleine Beobachtung:

Sucht man im GVK-Online-Katalog nach dem Suchwort „Schulgeschichtsbuch“, erhält man signifikant mehr Treffer als bei einer Suche nach dem Suchwort „Geschichtsschulbuch“. heute sind es 331 zu 103 Treffer.

Der Begriffsgebrauch scheint dabei durchaus uneinheitlich zu sein, d.h. eine systematische Differenzierung zwischen beiden Termini ist nicht erkennbar.

Dazu ein paar kurze Fragen an die geschichtsdidaktische Community:

  1. Sind für Sie/Euch die beiden Termini gleichbedeutend?
  2. Ist eine Differenzierung dahingehend sinnvoll, dass unter „Schulgeschichtsbuch“ eher eine Darstellung der oder einer Geschichte für den Gebrauch in der Schule, unter „Geschichtsschulbuch“ aber ein Schulbuch über den Gegenstand Geschichte (oder gar „historisches Lernen“) verstanden werden könnte?
  3. Kann (cum grano salis) die überwiegende Verwendung des Terminus „Schulgeschichtsbuch“ dahingehend interpretiert werden, dass der Grundmodus des Geschichtsunterrichts, wie er von der Geschichtsdidaktik wahrgenommen und in der Praxis umgesetzt wird, der einer Vermittlung einer Geschichte an die Lernenden ist, nicht aber die Thematisierung des Konzepts „Geschichte“ und der Befähigung zu seiner Reflexion, zu eigenständigem historischem Denken?

Ein Artikel zur Möglichkeit quantitativer Messung (als solcher wünschenswerter) historischer Kompetenzen (skeptisch) und gegen eine (enge) Standardisierung-

Körber, Andreas (in Zusammenarbeit mit Bodo von Borries, Christine Pflüger, Waltraud Schreiber und Béatrice Ziegler (2008): „Sind Kompetenzen historischen Denkens messbar?“. In: Frederking, Volker (Hg.): Schwer messbare Kompetenzen. Herausforderungen empirischer Fachdidaktik und unterrichtlicher Praxis. Baltmannsweiler: Schneider; ISBN: 9783834005151; S. 65-84.

Körber, Andreas (in Zusammenarbeit mit Bodo von Borries, Christine Pflüger, Waltraud Schreiber und Béatrice Ziegler (2008): „Sind Kompetenzen historischen Denkens messbar?“. In: Frederking, Volker (Hg.): Schwer messbare Kompetenzen. Herausforderungen empirischer Fachdidaktik und unterrichtlicher Praxis. Baltmannsweiler: Schneider; ISBN: 9783834005151; S. 65-84.

Allgemeine Didaktik und Fachdidaktik: Kompetenzen und Standards

Körber, Andreas; Borries, Bodo von (2008): „Historisches Denken – Zur Bestimmung allgemeiner und domänenspezifischer Kompetenzen und Standards.“ In: Hellekamps, Stephanie; Prenzel, Manfred; Meyer, Meinert A. (2008; Hgg.): Perspektiven der Didaktik. (Zeitschrift für Erziehungswissenschaft. Sonderheft 9); ISBN: 9783531154947; S. 293-311.

Körber, Andreas; Borries, Bodo von (2008): „Historisches Denken – Zur Bestimmung allgemeiner und domänenspezifischer Kompetenzen und Standards.“ In: Hellekamps, Stephanie; Prenzel, Manfred; Meyer, Meinert A. (2008; Hgg.): Perspektiven der Didaktik. (Zeitschrift für Erziehungswissenschaft. Sonderheft 9); ISBN: 9783531154947; S. 293-311.

Festschrift für Bodo von Borries zum 65. Geburtstag erschienen

Bauer, Jan-Patrick; Meyer-Hamme, Johannes; Körber, Andreas (2008; Hgg.): Geschichtslernen – Innovationen und Reflexionen. Geschichtsdidaktik im Spannungsfeld von theoretischen Zuspitzungen, empirischen Erkundungen, normativen Überlegungen und pragmatischen Wendungen – Festschrift für Bodo von Borries zum 65. Geburtstag Kenzingen: Centaurus (Reihe Geschichtswissenschaft; 54); ISBN: 9783825507008.

Inzwischen ist die Festschrift für Bodo von Borries zum 65. Geburtstag erschienen:

 

Bauer, Jan-Patrick; Meyer-Hamme, Johannes; Körber, Andreas (2008; Hgg.): Geschichtslernen – Innovationen und Reflexionen. Geschichtsdidaktik im Spannungsfeld von theoretischen Zuspitzungen, empirischen Erkundungen, normativen Überlegungen und pragmatischen Wendungen – Festschrift für Bodo von Borries zum 65. Geburtstag Kenzingen: Centaurus (Reihe Geschichtswissenschaft; 54); <a href=“https://portal.dnb.de/opac.htm?query=9783825507008&method=simpleSearch“>ISBN: 9783825507008</a>.

Kommentar zu einem Eintrag bei weblog.histnet.ch über Wikipedia im Geschichtsunterricht

Ich war beim Werkstattgespräch leider nicht dabei. Was mich aber wirklich interessieren würde jenseits aller (nein: neben allen) Fragen nach Authentizität, Verlässlichkeit, Reproduzierbarkeit ist unter spezifisch didaktischen Gesichtspunkten die Frage, ob mittels der Diskussions-Seiten von Wikipedia (und ähnlichen Projekten) das (nicht nur geschichts-) didaktische Konzept der “Kontroversität” besonders in Wert gesetzt werden kann.
Das Konzept basiert ja auf der theoretisch einsichtigen Vorstellung, dass es nicht die eine wahre Geschichte gibt, sondern jeweils perspektivisch und kulturell sowie wertend unterschiedliche, und dass es so zu einer Mehrzahl von nicht immer spannungsfrei miteinander kombinierbaren Re-Konstruktionen kommt.

Für den Geschichtsunterricht wird -in Anlehnung an den Beutelsbacher Konsens (1976)- dann gefordert, dass, was in Wissenschaft und Gesellschaft kontrovers ist, auch im Unterricht kontrovers thematisiert werden müsse, damit Schülerinnen und Schüler lernen, mit eben diesen Kontroversen in der Gesellschaft umzugehen (so zumindest unsere kompetenztheoretische Vorstellung; vgl. Schreiber/Körber 2006).
Im Rahmen der konventionellen Unterrichtsmedien kann dieses geschehen, indem in diesen “typische” Positionen einander gegenüber gestellt werden (wenn es auch noch immer zu wenige wirklich multiperspektivisch und kontrovers angelegte Quellensammlungen gibt), und, indem die Schülerinnen und Schüler mit oder ohne Hilfe in ihrer Umgebung solche Deutungs-Kontroversen entdecken.

Wird das mit Wikipedia anders und leichter? Stellen die Diskussions-Seiten eine relevante Auswahl relevanter und repräsentativer Perspektiven und Kontroversen dar? Gibt es also durch Wikipedia weniger auf den Haupt-Seiten, sondern mehr auf den Debatten-Seiten einen Zugriff auf die Realität des Deutungsgeschäfts (Vgl. meinen Vortrag in Schleswig)?

Und – daran anschließend – welche Konzepte und Kategorien sowie methodische Fähigkeiten müssen entwickelt und gefördert werden, um in diesen doch nicht spezifisch vorstrukturierten Debatten die relevanten Perspektiven zu entziffern, ihre Deutungen zu de-konstruieren und diskutierbar zu machen?

Hier wäre es z.B. sinnvoll, an konkreten historischen Themen einmal die Debattenseiten zu analysieren, um exemplarisch zu erarbeiten, ob diese das oben geschilderte Potential haben, oder ob sie sich doch eher als Spielwiese für abstruse Detaildiskussionen von ‘Freaks’ oder für politische Grabenkämpfe erweisen? [Damit soll nicht gesagt sein, dass das nicht gerade relevante Diskussionen ergibt, wer aber etwa die Debatte um Illigs These zwischen dessen Adepten Günter Lelarge und einer weitgehend wechselnden Gruppe eher wissenschaftlich argumentierender Teilnehmer in einer newsgroup kennt, kennt auch die politischen Publikationen).

Gruß

Andreas Körber