Arbeitsbereich Geschichtsdidaktik / History Education, Universität Hamburg

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Neue Publikation

08. Oktober 2019 Andreas Körber Keine Kommentare

Stork, Anni­ka (2019): Per­spek­ti­ven­sen­si­bi­li­tät inner­halb des Geschichts­un­ter­richts. In: Chris­tia­ne Bert­ram und Andrea Kol­patz­ik (Hg.): Sprach­sen­si­bler Geschichts­un­ter­richt. Von der Theo­rie über die Empi­rie zur Prag­ma­tik. Frank­furt: Wochen­schau Ver­lag (Wochen­schau Wis­sen­schaft), S. 115 – 120.

Stork, Annika (29.6.2018): “Perspektivensensibilität innerhalb des Geschichtsunterrichts”. Vortrag auf dem FUER-Nachwuchs-Kolloquium 28. – 30. Juni 2018 an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt

29. Juni 2018 Andreas Körber Keine Kommentare

Stork, Anni­ka (29.6.2018): “Per­spek­ti­ven­sen­si­bi­li­tät inner­halb des Geschichts­un­ter­richts”. Vor­trag auf dem FUER-Nachwuchs-Kolloquium
28. – 30. Juni 2018 an der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät Eichstätt-Ingolstadt

Perspektivität — eine kleine Reflexion à propos einer Formulierung in einer Hausarbeit

06. Mai 2017 akoerber Keine Kommentare

Wie­der ein­mal eine klei­ne Refle­xi­on à pro­pos einer For­mu­lie­rung in einer Haus­ar­beit. Die­ses Mal zum Ver­ständ­nis des Kon­zepts der Perspektivität.

Ein(e) Stu­die­ren­de® schreibt zum geschichts­di­dak­ti­schen Ansatz von Peter Seixas und Tim Mor­ton (The Big Six His­to­ri­cal Thin­king Con­cepts, 2013):

“… Und letzt­lich der inter­pre­ta­to­ri­sche Stand­punkt. Die­ser ergibt [sich] aus dem, wer oder was wir sind, und unse­rer Beein­fluss­bar­keit in der Betrach­tung von Geschich­te (Per­spek­ti­vi­tät). Dies sind in ers­ter Linie gesell­schaft­li­che und kul­tu­rel­le Aspek­te. Nach Ansicht von Peter Seixas ergibt sich His­to­ri­cal Thin­king aus dem Zusam­men­spiel und der Lösung die­ser drei Pro­ble­me [zeit­li­che Ent­fer­nung; Ent­schei­dungs­not­wen­dig­keit beim His­to­ri­schen Den­ken; Per­spek­ti­vi­tät]. Er spricht die Span­nung zwi­schen der Krea­ti­vi­tät des His­to­ri­kers und den frag­men­ta­ri­schen Spu­ren der Ver­gan­gen­heit an und zeigt kri­tisch auf, dass eine Beein­fluss­bar­keit auf­grund der Her­kunft nicht aus­zu­schlie­ßen ist.”

Dar­an ist viel Rich­ti­ges — das Zitat zeigt aber auch einen Aspekt auf, der es Wert ist, kom­men­tiert zu wer­den. Die Ver­wen­dung des Begriffs “Beein­fluss­bar­keit” und der For­mu­lie­rung “nicht aus­zu­schlie­ßen” ver­weist impli­zit auf eine Vor­stel­lung einer unbe­ein­fluss­ten und unver­zerr­ten Erkennt­nis der Ver­gan­gen­heit, die zwar mit Seixas als nicht zu errei­chen gekenn­zeich­net wird, wohl aber im Hin­ter­grund als nor­ma­ti­ve Folie mit­schwingt. Der Begriff “Beein­fluss­bar­keit” näm­lich ist nega­tiv konnotiert.
Das aber ist es gera­de nicht, was Seixas (und ande­re) m.E. mei­nen, und was auch mir beson­ders wich­tig ist. Per­spek­ti­vi­tät bedeu­tet nicht eine lei­der not­wen­di­ge Ein­schrän­kung der Erkenn­bar­keit von Geschich­te im His­to­ri­schen Den­ken, son­dern eine unhin­ter­geh­ba­re Bedin­gung, die das His­to­ri­sche Erken­nen nicht beein­träch­tigt, son­dern gera­de­zu erst in Wert setzt. Per­spek­ti­vi­tät ist kei­ne Ein­schrän­kung, son­dern eine Bedin­gung — ohne die Per­spek­ti­ve blie­be die Ver­gan­gen­heit eine Ansamm­lung von Ein­zel­hei­ten ohne jeg­li­che Bedeu­tung. Ein Sinn der re-kon­stru­ier­ten Ver­gan­gen­heit ergibt sich letzt­lich erst dadurch, dass bereits die Re-Kon­struk­ti­on aus einer Per­spek­ti­ve erfolgt 1.
Geschich­te ist somit nicht “lei­der nur” ein Kon­strukt und die Per­spek­ti­vi­tät der Geschichts­kon­struk­ti­on, die Prä­gung (nicht aber Deter­mi­nie­rung) der jewei­li­gen Kon­struk­ti­on durch Posi­tio­nen im sozia­len, kul­tu­rel­len, poli­ti­schen Raum und durch indi­vi­du­el­le Cha­rak­te­ris­ti­ka ist kei­ne Beein­träch­ti­gung, son­dern Vor­aus­set­zung dafür, dass Geschich­te Sinn bil­den und ori­en­tie­rend wir­ken kann.
Nicht nur für kol­lek­ti­ve, son­dern auch für indi­vi­du­el­le Sinn­bil­dung — die ja in gesell­schaft­li­chem Rah­men erfolgt und für ein iden­ti­fi­zie­ren und Han­deln im gesell­schaft­li­chen Rah­men ori­en­tie­ren soll — ist es dann von Bedeu­tung, wie die jewei­li­gen Posi­tio­na­li­tä­ten und die in ihren gebil­de­ten Per­spek­ti­ven zu jenen ande­rer (ver­gan­ge­ner wie gegen­wär­ti­ger) Mit­glie­der der Gesellschaft(en) auf ver­schie­de­nen Maß­stabs­ebe­nen in Bezie­hung gesetzt wer­den (kön­nen), und wie in der Refle­xi­on die­ser Posi­tio­nen, Per­spek­ti­ven und der von ihnen aus gebil­de­ten sinn­haf­ten Nar­ra­tio­nen Sinn auch für das jeweils eige­ne und das gemein­sa­me Sein und Han­deln gebil­det wer­den kann.

Anmer­kun­gen /​ Refe­ren­ces
  1. Vgl. Rüsen, Jörn (1975): Wert­ur­teils­streit und Erkennt­nis­fort­schritt. In: Jörn Rüsen und Hans Micha­el Baum­gart­ner (Hg.): His­to­ri­sche Objek­ti­vi­tät. Auf­sät­ze zur Geschichts­theo­rie. Göt­tin­gen: Van­den­hoeck & Ruprecht (Klei­ne Van­den­hoeck-Rei­he, 1416), S. 68 – 101, hier S. 86f.[]
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Posterpräsentation von Annika Stork auf der Tagung “Sprachsensibler Geschichtsunterricht”

19. September 2016 Andreas Körber Keine Kommentare

Auf der KGD-Tagung “Sprach­sen­si­bler Geschichts­un­ter­richt. Von der geschichts­di­dak­ti­schen Theo­rie über die Empi­rie zur Unter­richts­pra­xis” der Kon­fe­renz für Geschichts­di­dak­tik, an der Uni­ver­si­tät Ham­burg hat Anni­ka Stork ein Pos­ter prä­sen­tiert mit dem Titel “Per­spek­ti­ven­sen­si­bi­li­tät inner­halb des Geschichts­un­ter­richts. Eine Stu­die mit­tels funk­tio­nal-lin­gu­is­ti­scher und geschichts­di­dak­ti­scher Kategorien.”

(2009) Zur Erinnerungskultur im Web 2.0

03. Mai 2016 Andreas Körber Keine Kommentare

[Vor­be­mer­kung: Nach dem Umzug des Blogs auf den neu­en Ser­ver wur­de ich vom Sys­tem auf einen seit Jah­ren unfer­ti­gen Ent­wurf auf­merk­sam gemacht, der danach mei­ner Auf­merk­sam­keit ent­gan­gen war. Ich ver­öf­fent­li­che ihn hier unver­än­dert, zum einen, weil ich das damals geschrie­be­ne immer noch für nicht ganz unsin­nig hal­te, zum ande­ren, weil auch das eine Form der Erin­ne­rung ist. AK 3.5.2016]

Lisa Rosa macht(e mich damals) auf ein erin­ne­rungs­kul­tu­rel­les Phä­no­men aufmerksam:

Ein Pro­jekt in Lub­lin “rekon­stru­iert” im Netz Holo­caust-Opfer und gibt ihnen eine “vir­tu­el­le Iden­ti­tät”, d.h. es ent­steht eine Sei­te, auf wel­cher nicht nur Lebens­da­ten und Infor­ma­tio­nen über die his­to­ri­sche Per­son ver­sam­melt wer­den, son­dern die­se Per­son auch eine vir­tu­el­le “eige­ne” Stim­me bekommt.

Ein Bericht dar­über fin­det sich bei der Deut­schen Welle.

Die­ses Pro­jekt wirft aus der Per­spek­ti­ve der Geschichts­di­dak­tik wie der Erin­ne­rungs­kul­tur, der Gedenk­stät­ten­päd­ago­gik meh­re­re Fra­gen auf. Ich will hier gar nicht selbst unmit­tel­bar nach der “Ange­mes­sen­heit” und/​oder Sinn­haf­tig­keit fra­gen oder dar­über urtei­len. Zunächst geht es mir dar­um zu fra­gen, wel­cher Kate­go­rien, Begrif­fe und Ein­sich­ten es bedarf, um dar­über zu vali­den Urtei­len zu kommen:

  1. Kann die­ses Pro­jekt als neu-media­le, Inter­net-gerech­te Wei­ter­ent­wick­lung bio­gra­phi­schen Arbei­tens in der Erin­ne­rungs­kul­tur ange­se­hen werden?
  2. In dem oben ange­spro­che­nen Bericht über die­ses Pro­jekt wird der Begriff der “Rekon­struk­ti­on” erwähnt. Was genau wird damit bezeich­net? Was umfasst er — und was kann er sinn­vol­ler­wei­se umfassen? 
    1. Ist mit der Rekon­struk­ti­on die Erar­bei­tung von Infor­ma­tio­nen über die Lebens­um­stän­de und das Leben des Jun­gen “Henio” gemeint — oder umfasst der Begriff auch die “Wie­der­her­stel­lung” sei­ner Perspektive?
    2. Re-Kon­struk­ti­on im geschichts­wis­sen­schaft­li­chen Sin­ne besteht immer in einer retro­spek­ti­ven Tätig­keit. Dabei gilt inzwi­schen als gesi­cher­te Erkennt­nis, dass zwar ver­sucht wird, “die Ver­gan­gen­heit” zu rekon­stru­ie­ren, dass das Ergeb­nis aber nie in der Wie­der­her­stel­lung der Ver­gan­gen­heit bestehen kann, son­dern immer die Form einer “Geschich­te” annimmt, näm­lich nar­ra­tiv struk­tu­riert ist.
    3. Re-Kon­struk­ti­on ver­bin­det somit immer min­des­tens zwei Zeit­punk­te, von denen einer der­je­ni­ge der Re-Kon­struk­ti­on ist. Im Sin­ne von Trans­pa­renz und in Aner­ken­nung der unhin­ter­geh­ba­ren Per­spek­ti­vi­tät (sowie Selek­ti­vi­tät, Par­tia­li­tät etc.) aller nar­ra­ti­ven Aus­sa­gen, ist zu for­dern, dass die Tat­sa­che der per­spek­ti­vi­schen Re-Kon­struk­ti­on und die Per­spek­ti­ve, von der sie vor­ge­nom­men wird, mög­lichst offen gelegt wird.
    4. Auch die Anstren­gung und Leis­tung, mög­li­che Gedan­ken und Wün­sche, Äuße­run­gen und Taten frü­he­rer Men­schen zu for­mu­lie­ren, ist dem­nach for­mal Re-Kon­struk­ti­on. Die Nut­zung wört­li­cher Rede und der Ich-Form, d.h. Dra­ma­ti­sie­rung und Kon­tex­tua­li­sie­rung, Loka­li­sie­rung usw. sind Ele­men­te his­to­ri­scher Re-Kon­struk­ti­on. In die­sem Sin­ne ist auch die Kon­struk­ti­on des “vir­tu­el­len Henio” eine Rekonstruktion.
    5. Ein sol­ches Pro­jekt kann also nicht ein­fach mit dem Hin­weis abge­lehnt wer­den, dass es ille­gi­tim sei, nicht mehr leben­de Per­so­nen “zum Spre­chen zu brin­gen” — nichts ande­res tun his­to­ri­sche Dra­men und Epen — aber auch ein Gut­teil der erzäh­le­nen Geschichtsschreibung.
    6. Nicht die Tat­sa­che fik­tio­na­ler Gestal­tung von ver­gan­ge­nen Per­spek­ti­ven und Hand­lun­gen in die­sen Per­spek­ti­ven kann also ein Grund sein, ein sol­ches Pro­jekt abzu­leh­nen oder pro­ble­ma­tisch zu fin­den, son­dern höchs­tens die Art und Wei­se, wie Fik­tio­na­li­tät (oder neu­tra­ler: Gestal­tung) und “Fak­ti­zi­tät” mit­ein­an­der in Bezie­hung gesetzt wer­den. Auch “Fak­ten” sind ja nicht ein­fach gege­ben, son­dern ent­ste­hend durch Inter­pre­ta­ti­on, durch Re-Konstruktion.
  3. Dass mich (und wohl auch Lisa Rosa) bei der Infor­ma­ti­on über die­se Form der Erin­ne­rungs­kul­tur ein ungu­tes Gefühl beschleicht, der Ver­dacht, hier könn­te etwas unan­ge­mes­se­nes, pro­ble­ma­ti­sches statt fin­den, muss also an ande­rem lie­gen. Es braucht wohl auch ande­re Kri­te­ri­en zu des­sen Beurteilung: 
    1. Ist es die Kom­bi­na­ti­on von fik­tio­na­ler Gestal­tung und der Opfer­per­spek­ti­ve, wel­che dem so Gestal­te­ten eine Deu­tungs­macht ver­leiht, die uns — bei aller Berech­ti­gung und Not­wen­dig­keit der Reprä­sen­ta­ti­on die­ser Per­spek­ti­ve — pro­ble­ma­tisch erscheint?
    2. Ist der Begriff “vir­tu­el­ler Zeit­zeu­ge”, der bei der Deut­schen Wel­le ver­wen­det wird, ange­mes­sen? Er ver­weist auf die beson­de­re Qua­li­tät der Zeit­zeu­gen­schaft, die die­se in der deut­schen Geschichts­wis­sen­schaft und Erin­ne­rungs­kul­tur besitzt — näm­lich eine auf einer Authen­ti­zi­täts­an­nah­me beru­hen­de Autorität.
    3. Hier ist zu fra­gen, ob unser (bzw. der Autoren des Pro­jekts und/​oder der Bericht­erstat­ter) Begriff des “Zeit­zeu­gen” scharf genug ist. Lässt sich “Zeu­gen­schaft” virtualisieren?
    4. Viel­leicht hilft es ja wei­ter, die Auto­ri­tät, die dem Kon­zept des “Zeu­gen” und der “Quel­le” im deut­schen his­to­ri­schen Den­ken zukommt, zurück­zu­neh­men, und viel­mehr (ent­spre­chend der eng­lisch­spra­chi­gen Geschichts­päd­ago­gik) das Kon­zept der “Evi­denz” zu nut­zen. Nicht die Tat­sa­che von Zeu­gen­schaft iste s dann, die Auto­ri­tät ver­bürgt — viel­mehr kommt den Berich­ten von “Zeit­zeu­gen” Evi­denz nicht auto­ma­tisch zu, son­dern muss in ihnen gesicht werden.
    5. Mit Hil­fe der Kate­go­rie von “Evi­denz” lie­ßen sich auch Vor­stel­lung sekun­dä­rer und eben vir­tu­el­ler Zeu­gen­schaft kri­tisch analysieren.
  4. Zu reflek­tie­ren ist auch die Erin­ne­rungs­qua­li­tät sol­cher Projekte 
    1. zunächst unter­schei­det sich der Vor­gang der “Re-Kon­struk­ti­on” ver­gan­ge­ner Per­spek­ti­ven (“was kann der Jun­ge Henio plau­si­bler­wei­se zu die­sem Zeit­punkt gedacht haben, was kön­nen sei­ne Wün­sche, Erfah­run­gen, Erleb­nis­se etc. gewe­sen sein?”) und ihre dra­ma­ti­sie­ren­de, loka­li­sie­ren­de, kon­tex­tua­li­sie­ren­de Gestal­tung nicht wesent­lich von dem, was ernst­haft arbei­ten­de Autoren von Jugend­bü­chern oft tun.
    2. In den aller­meis­ten Fäl­len han­delt es sich bei den Per­so­nen sol­cher Pro­duk­te um expli­zit fik­tio­na­le Gestal­ten, die an Hand his­to­ri­scher For­schung als mög­lich und plau­si­bel erkann­te Per­spek­ti­ven etc. zu einer Indi­vi­dua­li­tät gestal­ten, die als mög­lich, aber eben nicht wirk­lich dar­ge­stellt wird: 
      1. Zuwei­len wer­den ver­bürg­te und über­lie­fer­te Ein­zel­erfah­run­gen meh­re­rer Per­so­nen zu einer fik­tio­na­len Figur verdichtet.
      2. zuwei­len wird neu­es (aber eben mög­li­ches) “hin­zu­er­fun­den”, so auch “Typi­sches” “indi­vi­dua­li­siert”.
    3. Aber es gibt natür­lich auch Bei­spie­le, wo in fik­tio­na­len Gestal­tun­gen “rea­le” Per­so­nen mit eige­nem Den­ken und Reden, Füh­len und Wol­len vor­ge­stellt und gestal­tet werden. 
      1. Das ist zunächst immer dort der Fall, wo bekann­te Ein­zel­per­so­nen, deren Han­deln die Situa­ti­on geprägt hat, unver­zicht­bar sind — etwa beim Holo­caust Hit­ler, Höss usw.
      2. es kön­nen aber auch ver­bürg­te, dann “fik­tio­nal” über­form­te Erfah­run­gen rea­ler Men­schen sein — wie etwa die Erin­ne­run­gen von Art Spie­gel­manns Vater in “Maus”.
    4. In den aller­meis­ten Fäl­len, die pro­blem­los aner­kannt wer­den, zeich­net jedoch das Set­ting die Gestal­tung als zumin­dest teil-fik­tio­nal bzw. als “lite­ra­risch” gestal­tet aus: Der Hit­ler in “Maus” ist eben­so­we­nig der rea­le Hit­ler wie der Cae­sar in Aste­rix — er ist erkenn­bar eine lite­ra­ri­sche Gestal­tung der rea­len Per­son Hit­ler — ein Ver­weis auf die Rea­li­tät, nicht aber die Rea­li­tät selbst.

Noch einmal zur Perspektivität

01. Mai 2016 Andreas Körber Keine Kommentare

In vie­len Zusam­men­hän­gen des his­to­ri­schen Den­kens und Ler­nens ist von “Per­spek­ti­vi­tät” bzw. “Mul­ti­per­spek­ti­vi­tät” die Rede.

Dem letz­te­ren Prin­zip soll dann oft dadurch Rech­nung getra­gen wer­den, dass Quel­len und/​oder Dar­stel­lun­gen aus allen (oder wenigs­tens meh­re­ren) “betei­lig­ten Per­spek­ti­ven” genutzt bzw. zur Ver­fü­gung gestellt werden.
Dage­gen ist zunächst ein­mal nichts ein­zu­wen­den. Man soll­te aber auch berück­sich­ti­gen, dass “Per­spek­ti­ven” nicht ein­fach in sozia­len, kul­tu­rel­len und ande­ren (etwa poli­ti­schen) Posi­tio­na­li­tä­ten oder auch Kom­bi­na­tio­nen von ihnen auf­ge­hen bzw. von ihnen voll­stän­dig deter­mi­niert wer­den. Es ist eben nicht jede “weib­li­che” oder jede “sozi­al­de­mo­kra­ti­sche” Per­spek­ti­ve gleich ‑und man wird auch kei­ne zwei völ­lig iden­ti­schen Per­spek­ti­ven fin­den, wenn man sog. “sta­tis­ti­sche Zwil­lin­ge” iden­ti­fi­zie­ren könn­te, also men­schen ver­gan­ge­ner Zeit oder auch spä­te­re His­to­ri­ker, die in einer gro­ßen Anzahl sozia­ler Merk­ma­le über­ein­stim­men. (Aller­dings wer­den die Per­spek­ti­ven sol­cher ähn­lich posi­tio­nier­ter Akteu­re ähn­li­cher sein als die­je­ni­gen weit ent­fernt positionierter).
Per­spek­ti­ven ent­hal­ten indi­vi­du­el­le Antei­le auf Grund von Erfah­run­gen und Ver­ar­bei­tun­gen der­sel­ben. Inwie­fern man die­se als unauf­ge­klär­te, aber prin­zi­pi­ell auf­klär­ba­re Resi­du­en wei­te­ren sozia­ler Vari­anz auf­fasst oder aber mit “indi­vi­dua­li­tät”, “Vor­lie­be”, “Geschmack” etc., ist recht egal. Was für den His­to­ri­ker und für his­to­ri­sche Ler­nen­de ein­zu­se­hen und zu berück­sich­ti­gen wäre, ist, dass “Per­spek­ti­ven” in ihrer Kon­sti­tu­ti­on selbst eben nicht durch die Her­aus­ar­bei­tung der pos­ti­ons­be­stim­men­den Varia­blen bestim­men und erklä­ren, son­dern müs­sen aus den Äuße­run­gen (Taten, Hand­lun­gen, Refle­xio­nen, Schrif­ten) etc. selbst in his­to­rio­gra­phi­scher Form re-kon­stru­iert werden.

Der Erste Weltkrieg im Geschichtsunterricht — aber wie?

02. Februar 2014 Andreas Körber Keine Kommentare

“Der Ers­te Welt­krieg ist fes­ter Bestand­teil des Geschichts­un­ter­richts. Die dabei ver­folg­ten Lern­zie­le haben sich im Lau­fe der Zeit immer mehr von kon­kre­ten ereig­nis- und ver­laufs- ori­en­tier­ten Inhal­ten hin zu dem Anlie­gen ent­wi­ckelt, das Lei­den der Men­schen und den men­schen­ver­ach­ten­den Cha­rak­ter des neu­ar­ti­gen Krie­ges in den Mit­tel­punkt zu stel­len. Eine sol­che Per­spek­ti­ve lässt viel­fäl­ti­ge kul­tur­ge­schicht­li­che Fra­ge­stel­lun­gen zu, die neue Her­an­ge­hens­wei­sen bei der Aus­ein­an­der­set­zung mit der Ver­gan­gen­heit und ihren his­to­ri­schen Akteu­ren erfordern.”

Mit die­sen Wor­ten eröff­net das LVR-Indus­trie­mu­se­um Ober­hau­sen die Ankün­di­gung einer Fort­bil­dung, die sich an “Unter­rich­ten­de[.] des Faches Geschich­te aller Aus­bil­dungs­pha­sen und Qua­li­fi­ka­ti­ons­stu­fen” rich­tet, mit dem Ziel, ihnen “aktu­el­le For­schung und die Arbeit mit neu­en Quel­len zu aus­ge­wähl­ten The­men zunächst in Fach­vor­trä­gen vor­zu­stel­len” und in “anschlie­ßen­den Work­shops” gemein­sam mit ihnen “Umset­zungs­mög­lich­kei­ten im Unter­richt” zu reflek­tie­ren, wobei “Fra­ge­stel­lun­gen, Zugän­ge und Metho­den dis­ku­tiert und Mate­ria­li­en prä­sen­tiert” wer­den, “die geeig­net sind, den Schü­le­rin­nen und Schü­lern neue und span­nen­de Facet­ten his­to­ri­scher Lebens­wel­ten zu erschließen.”

Die For­mu­lie­rung weist — inso­fern sie nicht die didak­ti­sche Dis­kus­si­on, son­dern die Rea­li­tät des Geschichts­un­ter­richts und sei­ner Ent­wick­lung zutref­fend beschreibt — auf einen nicht gering zu schät­zen­den, son­dern zu unter­stüt­zen­den Fort­schritt im Geschichts­ler­nen hin und ist gar noch zurück­hal­tend for­mu­liert. Die “kon­kre­ten ereig­nis- und ver­laufs-ori­en­tier­ten Inhal­te” waren ja oft­mals nicht Aus­druck einer Ori­en­tie­rung an wis­sen­schaft­li­cher Neu­tra­li­tät und Objek­ti­vi­tät, son­dern — neben eben­so zu fin­den­den mani­fest feind­se­li­gen Instru­men­ta­li­sie­run­gen — viel­mehr Instru­ment einer Natio­nal­er­zie­hung mit­tels “Ver­mitt­lung” der in natio­na­len Kate­go­rien als die “eige­ne” gese­hen Auf­fas­sung im Gewan­de einer betont sach­li­chen Darstellung.

Nicht zuletzt durch die schon in der Zwi­schen­kriegs­zeit ein­set­zen­den (damals noch zeit­lich wie sozi­al nur begrenzt wirk­sa­men) Bemü­hun­gen um eine “Ent­gif­tung” der Schul­buch­dar­stel­lun­gen (damals von Sieg­fried Kawer­au, nach dem Zwei­ten Welt­krieg von Georg-Eckert in dem von ihm auf­ge­bau­ten und im spä­ter nach ihm benann­ten Schul­buch­in­sti­tut vor­an­ge­trie­ben), aber auch durch die sozi­al­his­to­ri­sche Kri­tik am his­to­ri­schen Den­ken des deut­schen Idea­lis­mus (Georg Iggers) und schließ­lich durch Bemü­hun­gen vie­ler sozi­al- wie all­tags­his­to­risch ori­en­tier­ter Didak­ti­ker und Lehrer.

Gleich­wohl — mit den dabei zu Recht abge­lehn­ten und hof­fent­lich in der Tat wei­test­ge­hend über­wun­de­nen natio­nal- eth­no­zen­tri­schen Kon­zep­ten haben auch die in der Fort­bil­dungs­an­kün­di­gung erwähn­ten und in der Ver­an­stal­tung in kul­tur­wis­sen­schaft­li­cher Rich­tung fort­zu­schrei­ben­den didak­ti­schen Kon­zep­te gemein­sam, dass in ihnen eine bestimm­te Deu­tung und Wer­tung den Ler­nen­den prä­sen­tiert, mit Mate­ria­li­en plau­si­bel, metho­disch auf­ge­schlos­sen, in den bes­ten Fäl­len auch zur Refle­xi­on eröff­net wird. Die­ser letzt­lich — in der Ter­mi­no­lo­gie des FUER-Kom­pe­tenz­mo­dells — “re-kon­struk­ti­ve” Zugriff ist — das sei noch ein­mal betont — rich­tig und wich­tig. Er wird zudem gera­de auch ange­sichts der erwei­ter­ten Mög­lich­kei­ten durch die neu­en Medi­en nicht nur inhalt­lich, son­dern auch metho­disch vor­an­ge­trie­ben wer­den (müs­sen), wie der­zeit etwa unter ande­rem (mit Bezug auf die Euro­pea­na 1914 – 1928-Samm­lung) Dani­el Bern­sen in sei­nem Blog argu­men­tiert: (“Working with the Euro­pea­na 1914 – 18 collec­tions in the histo­ry class­room – Part 1/​3: Scar­ci­ty vs. abundance.” In: Medi­en im Geschichts­un­ter­richt 1.2.2014)

Aber es reicht mei­nes Erach­tens nicht aus. Gera­de die der­zeit wie­der leb­haf­te Debat­te (nicht nur) in Eng­land und Deutsch­land um Ursa­che und Schuld am Ers­ten Welt­krieg, die ja gera­de nicht mehr allein eine Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen einer “deut­schen” und einer “eng­li­schen” Posi­ti­on ist und auch nicht mit den Kate­go­rien einer “lin­ken” vs. einer kon­ser­va­ti­ven Geschichts­schrei­bung und ‑inter­pre­ta­ti­on erschlos­sen wer­den kann, die die “natio­na­len” Per­spek­ti­ven und Posi­tio­nen über­la­gern wür­den, son­dern bei wel­cher höchst aktu­el­le Vor­stel­lun­gen über die Euro­päi­sche Uni­on, die Rol­le Deutsch­lands in Euro­pa eine Rol­le spie­len, ver­deut­licht, dass es bei Geschich­te (zumal “in der Gesell­schaft”) nie allein um Aspek­te der “ver­gan­ge­nen Lebens­wel­ten” geht, auch wenn es inno­va­ti­ve und sol­che sind, wel­che huma­nis­ti­sche Kri­te­ri­en anwenden.

Nötig ist viel­mehr (nicht als Ersatz, aber als Ergän­zung) der genann­ten inno­va­ti­ven Ansät­ze die (de-kon­struk­ti­ve) The­ma­ti­sie­rung der öffent­li­chen Dis­kus­sio­nen um die Ver­gan­gen­heit, die ihr zuge­wie­se­ne Bedeu­tung und die Deu­tun­gen, die ihr zuteil wer­den. Dabei muss mehr und ande­res in den Blick kom­men und als Mate­ri­al zur deu­ten­den und urtei­len­den Erschlie­ßung bereit­ge­stellt wer­den als mög­lichst ein­deu­ti­ge und gut erschließ­ba­re Quel­len und Dar­stel­lun­gen. Mul­ti­per­spek­ti­vi­tät ist dann — wie es die didak­ti­sche Theo­rie seit lan­gem for­dert — mehr als ein Mit­tel zur best­mög­li­chen Annä­he­rung an die ver­gan­ge­ne Wirk­lich­keit und ihre Kom­ple­xi­tät, son­dern wird als Merk­mal das gesell­schaft­li­chen Geschichts­de­bat­te selbst unhintergehbar.

Da glei­che gilt aber wie­der­um für die zeit­li­che, die his­to­ri­sche Dimen­si­on: Eine gewis­ser­ma­ßen nur zwei Zeit­ebe­nen in den Blick (“damals” und “heu­te”) neh­men­de Auf­be­rei­tung reicht nicht aus, viel­mehr müs­sen die heu­ti­gen Posi­tio­nen und Per­spek­ti­ven in Rela­ti­on gesetzt wer­den zu sol­chen meh­re­rer Zeit­ebe­nen seit dem the­ma­ti­sier­ten Ereig­nis. Die Arti­kel der gegen­wär­ti­gen Debat­te (also etwa der Bei­trag von Geppert/​Neitzel/​Stephan/​Weber mit den Ant­wor­ten von Ull­rich und/​oder Her­zin­ger, aber auch die von bzw. über Micha­el Gove, Tristram Hunt, Boris John­son, Richard Evans) — samt ihren Bezü­gen auf­ein­an­der — bil­de­ten somit nur eine “Schicht” des rele­van­ten Mate­ri­als. Dazu gehö­ren dann — als eine wei­te­re Schicht — auch rele­van­te Aus­zü­ge der “Fischer-Kon­tro­ver­se”, und — nicht zuletzt — expli­zi­te Refle­xio­nen der ver­wen­de­ten Kon­zep­te und Begriffe.

Aufsatz zum Fremdverstehen im Geschichtsunterricht

30. November 2012 Andreas Körber Keine Kommentare

Zur Klä­rung der Kon­zep­te des Fremd­ver­ste­hens und der Per­spek­ti­vi­tät habe ich vor kur­zem einen Bei­trag bei pedocs veröffentlicht:

 

Kör­ber, Andre­as (2012): “Fremd­ver­ste­hen und Per­spek­ti­vi­tät im Geschichts­un­ter­richt”. in: PeDOCS (http://​www​.pedocs​.de/​v​o​l​l​t​e​x​t​e​/​2​0​1​2​/​5​849) (urn:nbn:de:0111-opus-58492).

Multiperspektivität — eine Verständnishilfe aus aktuellem Anlass

22. Mai 2012 Andreas Körber Keine Kommentare

Aus einer aktu­el­len Haus­ar­beit: Mit der Bereit­stel­lung von Mate­ria­li­en mit ver­schie­de­nen Anschau­un­gen soll “den Kin­dern die Chan­ce gege­ben wer­den, eine geschicht­li­che Bege­ben­heit mög­lichst sach­ge­recht und neu­tral ein­zu­schät­zen.” Es sol­le ver­mie­den wer­dem, “eine ein­zi­ge Text­quel­le als die rich­ti­ge Sicht­wei­se” aus­zu­ge­ben, son­dern viel­mehr ver­schie­de­ne Inter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten  zu eröff­nen, “und durch das Zusam­men­fü­gen und das Ergän­zen meh­re­rer Aus­sa­gen der ‘his­to­ri­schen Wahr­heit’ etwas näher zu kommen.”

Das ist rich­tig, aber auch nur die hal­be Wahr­heit, oder bes­ser: das kom­ple­xe­re Ver­ständ­nis wird nur ange­deu­tet. Es ist rich­tig, dass Mul­ti­per­spek­ti­vi­tät auch eine ggf. unbe­wuss­te Indok­tri­na­ti­on ver­mei­den hel­fen soll, die durch die Prä­sen­ta­ti­on nur einer Sicht­wei­se ent­ste­hen könn­te. Aber es wäre falsch, den Sinn der Mul­ti­per­spek­ti­vi­tät dar­in zu sehen, gewis­ser­ma­ßen in den ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven lie­gen­de ‘Ver­zer­run­gen’ zu erken­nen und am Ende durch den Ver­gleich zu einern ‘ver­zer­rungs­frei­en’ Vari­an­te zu kom­men, die dann als ‘objek­tiv’ gilt. Die Per­spek­ti­ven wären dann nur noch Stör­fak­to­ren, die es durch Ver­gleich her­aus­zu­rech­nen gilt. Sie sind aber viel­mehr not­wen­di­ge Ele­men­te jeg­li­cher Aus­sa­ge. Es geht bei der Mul­ti­per­spek­ti­vi­tät auch um die Erkennt­nis, dass das Ereig­nis (oder die Struk­tur etc.) unter­schied­lich wahr­ge­nom­men, ein­ge­schätzt und beur­teilt wer­den muss­te, nicht (nur) wegen unter­schied­li­cher Ideo­lo­gien, son­dern auch wegen ganz natür­li­cher unter­schied­li­cher Vor­er­fah­run­gen, Inter­es­sen, Vor­aus­set­zun­gen, etc. — und dass es für die Men­schen in unter­schied­li­chen sozia­len und kul­tu­rel­len Posi­tio­nen auch unter­schied­li­ches bedeu­tet haben kann oder gar muss.

Mehr noch: neben die­ser abs­trak­ten Erkennt­nis, dass Per­spek­ti­vi­tät unhin­ter­geh­ba­re Bedin­gung ist, die am jewei­li­gen Bei­spiel exem­pla­risch erar­bei­tet wer­den kann, geht es auch um die kon­kre­ten Per­spek­ti­ven auf die­ses kon­kre­te Ereig­nis und um sei­ne kon­kre­ten Bedeu­tun­gen, die es zu ken­nen gilt: sie sind — im Rück­blick — Teil des Ereig­nis­ses selbst. Objek­ti­vi­tät ent­steht also nicht durch “Her­aus­rech­nen” der ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven, son­dern durch ihre plu­ra­le Einbeziehung.
Per­spek­ti­ven­wis­sen ist inte­gra­ler Teil des Geschichtswissens.

Literaturhinweis: Publikationen zum Interkulturellen Geschichtslernen

08. Juni 2011 Andreas Körber Keine Kommentare

Der Lan­des­ju­gend­ring Ber­lin teilt mit, dass aus dem Pro­jekt “Mei­ne Dei­ne Unse­re Geschich­teN” her­vor­ge­gan­ge­ne Mate­ria­li­en nun online und zur Bestel­lung bereit­ge­stellt wurden:

Eine Über­sicht…

 

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