Aufsatz zur Kompetenzmessung

Körber, Andreas (2015): “Messung historischer Kompetenzen – Herausforderungen für die Erstellung eines LSA-geeigneten Kompetenztests.” In: Waldis, Monika; Ziegler, Béatrice (2015: Hgg.): Forschungswerkstatt Geschichtsdidaktik 13. Beiträge zur Tagung “Geschichtsdidaktik empirisch 13”. Bern: hep-Verlag; ISBN: 9783035502725, S. 124-138.

Der Beitrag zu den im HiTCH-Projekt wahrgenommenen Herausforderungen bei der Erstellung eines quantitativen Kompetenztests für historisches Denken aud der Tagung „Geschichtsdidaktik empirisch“ in Basel ist erschienen:

Körber, Andreas (2015): “Messung historischer Kompetenzen – Herausforderungen für die Erstellung eines LSA-geeigneten Kompetenztests.” In: Waldis, Monika; Ziegler, Béatrice (2015: Hgg.): Forschungswerkstatt Geschichtsdidaktik 13. Beiträge zur Tagung “Geschichtsdidaktik empirisch 13”. Bern: hep-Verlag; ISBN: 9783035502725; S. 124-138.

Ansprache auf der Mahnwache anlässlich des 77. Jahrestags der Reichspogromnacht am 9. November 1938

Einladung Mahnwache 2015-3

 

Andreas Körber

Ansprache zur Gedenkfeier am 9. November 2015 auf dem Joseph-Carlebach-Platz in Hamburg

Liebe Anwesende,

Im Jahr 1940 schrieb ein führendes Mitglied des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Hans Reichmann, im Exil in England folgende Sätze, nachdem er in Folge der No­vem­ber­progrome 1938 im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert und nur gegen die Auflage, zu emigrieren, entlassen worden war, folgende Sätze:

Wir, die wir ausgetrieben wurden, die ein neues

Leben beginnen sollen, wie man zu sagen

pflegt, sind ruhelos geworden. An die Zukunft

zu denken, wagen wir nicht mehr; wollten wir

sie mit gewohntem Maßstab abtasten, wir

müßten bange werden. Was unfaßbar schien,

ist Wirklichkeit: wir sind Luftmenschen geworden,

wir haben den Boden unter uns verloren,

wir sind aus der Sicherheit bürgerlichen

lebens verjagt – ohne Arbeit, ohne Heim, ohne

Heimat. […] Diese sechs Jahre haben ungezählte

jüdische Menschen gebrochen, mich nicht.“

Hans Reichmann war kein Hamburger, er hat die Pogrome in Berlin erlebt. Seine Worte können aber aufschlussreich sein.

Wir sind heute hier nämlich zusammengekommen, um der Opfer des damaligen Geschehens zu gedenken, nicht nur, aber gerade auch hier in Hamburg. Wir tun dies als Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt, als Angehörige dieser Gesellschaft mit ganz unterschiedlichen Bezügen zum damaligen Geschehen.

Ich spreche heute zwar nicht im formellen Sinne für die Universität, aber doch als ihr Mitglied. Für uns – für mich zumindest – bedeutet dieses Gedenken zum einen das Andenken an die Opfer, die es auch aus den Reihen der Universität in jenem November 1938 gab. Daneben und vielleicht bedeutender ist aber auch die Frage nach der Haltung der Universität zu und ihre Rolle im damaligen Geschehen – und nicht zuletzt danach, was für heute daraus folgt.

Der heutige Anlass ist für Vorlesungen gelehrter Art nicht geeignet. Es möge daher reichen zu benennen, dass meine Institution in ihrer Gesamtheit damals schon keine Hüterin humanen wissenschaftlichen Geistes mehr war. Sicher waren nicht alle Professorinnen und Professoren von der Macht korrumpiert – aber doch genügend, und so hatte die Universität Hamburg schon weit vor dem Datum, dessen wir hier gedenken, jeglichen Widerstand gegen den Ungeist aufgegeben – sofern man überhaupt von einem solchen Widerstand der Institution sprechen kann – es gab ihn wohl vereinzelt in der Universität, nicht aber als einen der Universität.

Nachdem jüdische und aus anderen Gründen verfolgte Professorinnen, Professoren und andere Lehrende entlassen und ins Exil oder gar in den Selbstmord getrieben worden waren (die Benennung unserer Bibliothek nach Martha Muchow dort hinten zeugt von später Scham auch hierüber), war die Universität zu großen Teilen selbst schon Teil des Ungeistes, der sich nun auch hier, in ihrer Nachbarschaft, sichtbar manifestierte.

Da aber Institutionen selbst nicht entscheiden, gilt die Empörung und die Scham dem Tun und Nichtstun konkreter Personen. Personen, die auch nach 1933 und besonders 1938 noch sich hätten umentscheiden können gegen das, was nicht nur hier, aber auch und gerade hier in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft veranstaltet, wurde. Sie haben es nicht getan.

Was aber ist dieses unser Gedenken? Wem gilt es? Wem gegenüber geschieht es und mit welchem Anliegen? Ich möchte darauf eine Antwort nicht nur, aber auch für die Universität skizzieren, die mich bewogen hat, der Bitte, diese Ansprache zu übernehmen, zu entsprechen.

Zunächst einmal gedenken wir hier der Männer, Frauen und Kinder, die im Zuge der von Nationalsozialisten organisierten, zugleich aber auch von vielen anderen Hamburgern geduldeten und unterstützten Gewalttaten heute vor nunmehr 77 Jahren verfolgt, entrechtet, an Gut und Leib beschädigt, der Freiheit beraubt, an jenem Tage oder in der Folge sogar getötet, und das bedeutet: ermordet, wurden, wie auch derer, die angesichts der Verfolgung keinen anderen Ausweg sahen, als sich selbst das Leben zu nehmen – auch dies eine Form des Mordes.

Wir gedenken aber auch der Erfahrungen derjenigen Menschen, die nicht physisch betroffen waren, denen aber überaus drastisch verdeutlicht wurde, dass und auch wie man sie nicht – nicht mehr – dazugehören lassen wollte: zu Hamburg, zu Deutschland, und – wie sich später herausstellte: zur Menschheit.

Wem gilt dieses Gedenken: Den damaligen Opfern gegenüber ist es eine Geste der Wieder-Anerkennung ihrer so beschädigten Zugehörigkeit. Im Falle der damals Umgekommenen kann er nicht anders sein als symbolisch und somit unvollständig – der Stachel bleibt. Den Überlebenden gegenüber, ob zurückgekehrt oder nicht, ist derartiges Gedenken ein Versprechen gewesen, diese Ausgrenzung nicht fortführen zu wollen, sie wieder als Mitglieder unserer Gemeinschaft anzuerkennen – nicht, als ob nichts gewesen wäre, sondern in vollem Bewusstsein und in expliziter Benennung des geschehenen Unrechts. Ihnen gegenüber auch ist es besonders nötig, dieses immer wieder zu bekunden: Wer einen solchen Rechts- und Vertrauensbruch erfahren musste, der bedarf nicht einer einmaligen, abschließenden Solidaritätsbekundung, sondern wiederholter. Spät genug hat unsere Gesellschaft, haben wir damit begonnen, solches zu tun.

Sodann ist unser Gedenken aber auch eine Trauer um das, was diese so hinausgetriebenen Menschen für uns, für die Gesellschaft, der wir uns im Rückblick doch angehörig fühlen, bedeutet haben und weiter hätten bedeuten können. Nicht nur dort, wo Familien, Freund- und Nachbarschaften zerrissen wurden, ist er spürbar – er betrifft uns alle, heute noch. Ihr Verlust an menschenwürdiger Sicherheit ist auch unser aller Verlust gewesen – an Beziehungen, Erfahrungen, und nicht zuletzt an gegenseitiger Menschlichkeit und Solidarität.

Auch hier gilt: Unser Erinnern und Gedenken macht den Verlust nicht rückgängig, ist aber nötig, um das Verlorene angesichts und in stetiger Kenntnis des Geschehens wieder zu gewinnen und zu bewahren.

Letztlich vergewissern wir uns im Gedenken nämlich auch unserer selbst: Wer sind wir und wer wollen wir sein angesichts und gegenüber diesem Geschehen?

Im Denken an die Opfer der damaligen Gewalt, aber auch des sie begleitenden Schweigens und Duldens, im Denken an den Verlust durch die Gesellschaft, die es nicht verhindern konnte, es als Ganze aber auch nicht wollte, im Denken an den Verlust, den eben dies auch für uns als Gesellschaft bedeutete und noch bedeutet, bekennen wir uns zur historischen Verantwortung, uns selbst gegenüber, einander und vor allen anderen. Nicht nur den Opfern und einander, die wir hier stehen, auch allen anderen gegenüber sagt dieses Gedenken etwas.

Damit bin ich beim dritten Punkt: Was folgt aus solchem Gedenken?

So sehr es stimmt, was Hans Reichmann schrieb, dass das Geschehen über viele der einzelnen Opfer in „unfassbarer“, weil für sie außerhalb des Erwartbaren liegender Weise hereinbrach, so sehr gilt auch, dass es dem erinnernden Rückblick keineswegs als unvorbereitet erscheint. Wir wissen, wie die Jahre zuvor, nicht nur seit 1933, als Schritte zu dieser Barbarei interpretiert werden können. Wir wissen aber auch, dass es keineswegs zwangsläufig war, unvermeidlich.

Und so muss auch gelten, dass ein Gedenken, das zunächst und zuvörderst Trauer ist und den Opfern gilt, leer bleibt, wenn es nicht den Blick auch auf das Heute richtet. Gerade weil wir es für sinnvoll und nötig befinden, dieses Gedenken immer wieder, deutlich und öffentlich zu bekunden, müssen wir auch fragen, inwiefern es aktuell Entwicklungen gibt, die frühzeitig zu erkennen und zu benennen sind und denen entgegengetreten werden muss, damit nicht wieder Menschen unschuldig zu Opfern von Taten werden, derer man in fernerer Zukunft in gleicher Weise sollte gedenken müsste.

Ja, es gibt sie: Heute sind es nicht langjährige Angehörige der Gesellschaft, die in derart „unfassbarer“ Weise, wie eingangs zitiert, „aus der Sicherheit bürgerlichen Lebens verjagt“ werden „– ohne Arbeit, ohne Heim, ohne Heimat“, und die so zu „Luftmenschen“ gemacht wurden, sondern Menschen, die zu uns kommen, weil sie anderes, aber vergleichbar Einschneidendes erlebt haben – Menschen, denen hier bei uns neben großer Hilfsbereitschaft auch immer wieder Ausgrenzung und Ablehnung entgegenschlägt – bis hin dazu, dass wieder Gebäude brennen und Männer, Frauen und Kinder angegriffen werden. Das darf nicht sein.

Gewiss: Eigentlich muss man nicht gedenken und erinnern, und historisch denken, um zu wissen, dass derartiges unverzeihlich und unmenschlich ist. Aber weil die Geschichte zeigt, dass solche Moral und Ethik brüchig ist, kann Gedenken und Erinnern nicht stumm bleiben gegenüber dem Gegenwärtigen.

Seien wir daher als eine vielfältige Gesellschaft und als Universität einer solchen vielfältigen bereit, nicht nur sein zu lassen, was zu solchem Geiste führt, sondern auch uns zu beteiligen an der Gestaltung unserer Gesellschaft in einer Weise, die es verhindern möge, dass in einigen Jahrzehnten wieder um Menschen und um verlorene, aufgegebene, nicht bewahrte Menschlichkeit getrauert und erinnert werden muss.

Wissenschaft und akademische Bildung als solche sind, das zeigt die Erfahrung, nicht gefeit vor fremdenfeindlichen Denkweisen und auch ein wissenschaftliches Studium der Geschichtswissenschaft allein hält – wie zwei aktuelle Fälle zeigen – nicht einmal Lehrer davon ab, pauschalierende, fremdenfeindliche und Menschen wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer Religion, Kultur zu diffamieren – von einer Haltung und Praxis also, die das heute erinnernd zu Beklagende mit ermöglicht hat. Wissenschaft und historische Bildung kann helfen, muss sich aber ihrer humanen Grundlagen versichern.

Indem wir uns heute in Trauer und rückblickendem Entsetzen vor diesen Menschen verneigen und ihre ihnen damals verneinte Zugehörigkeit zu unserer Gemeinschaft wieder anerkennen, bekennen wir uns auch zu einem Geist, einer Haltung, gleiches nicht wieder zuzulassen.

Aufsatz über Interkulturelles Geschichtslernen am Beispiel der Kreuzzüge

Körber, Andreas (2015): “Die Kreuzzüge – ein ergiebiges Thema für (interkulturelles) Geschichtslernen?” In: Hinz, Felix (2015; Hg.): Kreuzzüge des Mittelalters und der Neuzeit. Realhistorie – Geschichtskultur – Didaktik. Hildesheim: Olms (Historische Europa-Studien, 15); ISBN: 9783487152677 , S. 285-320.

Das Thema der Kreuzzüge ist seit längerem eines der interessanteren für den Geschichtsunterricht, weil es nicht nur dazu einlädt, sondern geradezu erfordert, sowohl über die vergangenen Ge- und Begebenheiten an sich sowie die Alterität der damaligen Handlungsmaximen vieler Akteure gegenüber unseren heutigen nachzudenken sowie die Herkunft und Konstruktion unseres heutigen Wissens darüber zu reflektieren, als auch insbesondere die Varianz der normativen Basis der Rückbezüge auf diese Vergangenheit sowohl in zeitlicher als auch in kultureller Hinsicht  zu berücksichtigen und somit über interkulturelle Fragen des historischen Denkens und Lernens im Besonderen zu lernen und zu kommunizieren.

Felix Hinz hat nun einen Band vorgelegt, der auf einer Tagung in Hildesheim im November 2011 basiert, in welchem das Thema der Kreuzzüge in einer ganzen Palette interessanter Perspektiven (darunter sowohl fachwissenschaftliche, didaktische wie auch solche, die dem Feld der public history zuzurechnen sind) erörtert wird. ich habe dazu folgendes beigetragen:

Körber, Andreas (2015): “Die Kreuzzüge – ein ergiebiges Thema für (interkulturelles) Geschichtslernen?” In: Hinz, Felix (2015; Hg.): Kreuzzüge des Mittelalters und der Neuzeit. Realhistorie – Geschichtskultur – Didaktik. Hildesheim: Olms (Historische Europa-Studien, 15); ISBN: 9783487152677 , S. 285-320.

Gegenstand statt Bedingung. Zur Veränderung der Themen in kompetenzorientiertem Geschichtsunterricht

Körber, Andreas (26.10.2015): „Gegenstand statt Bedingung. Zur Veränderung der Themen in kompetenzorientiertem Geschichtsunterricht“

Auszug aus einer (guten) Hausarbeit zum Thema „Lernorte“:

„Eine zentrale Eigenschaft, die der außerschulische Lernort mit sich bringt, ist vor allem die Anschaulichkeit, die die Imagination befördert. Der originale Gegenstand hat den Vorteil von z.B. ‚originaler Farbe, Form, Größe und Dreidimensionalität, die kein anderes Medium ersetzen kann.‘1. Durch ihn können sich die Lernenden realistische Vorstellungen von früheren Lebensumständen und damals handelnden Menschen machen. Imagination gilt allgemein als wichtiger Faktor im Prozess historischen Lernens.“

Abgesehen vom etwas apodiktischen letzten Satz dürfte diese Aussage bei Geschichtsdidaktikern und -lehrern kaum auf Kritik stoßen — schon gar nicht die zitierte Passage.

Allerdings wäre (nicht nur bei explizit kompetenzorientiertem Geschichtsunterricht) noch einmal zu fragen:

  1. Ist es ein hinreichendes Ziel von Geschichtsunterricht, dass sich Lernende Vergangenes „realistisch“ vorstellen können? Kulminiert Geschichtsunterricht in der Präsentation und Übernahme von (wie auc immer medial gefassten) Bildern von Vergangenem — oder ist diese zwar nur ein wesentlicher, aber als solcher nicht weiter befragter Zwischenschritt zu weiteren Denkaufgaben (in denen dann etwa der Gegenwartsbezug eingelöst wird)?
  2. Welche Rolle spielt dabei die oben angesprochene „Originalität“ der Farbe, Form etc., d.h. die Authentizität? Ist sie eine Eigenschaft der Gegenstände, der Objekte, der Lernorte vom Typ „historische Stätte“? Ist sie ihnen gegeben und wird sie somit zur positiven Vor-Bedingung historischen Lernens? Oder ist sie eher eine den Objekten, Räumen (auch: Texten) zuerkannte Eigenschaft?

Wenn „Originalität“, „Authentizität“ und „Anschaulichkeit“ in der oben angedeuteten Weise als gegeben gedacht und zur Vorbedingung von Geschichtsunterricht gemacht werden, wird m.E. Wesentliches ausgelassen:

  • Woher nimmt denn die Gesellschaft oder der Lehrer als ihr Agent im Prozess des historischen Lehrens und Lernens die Gewissheit, dass der Gegenstand, seine Form und Farbe, seine Beschaffenheit etc. „orginal“ ist?
  • woher stammt die Aussage, dass eine Darstellung „anschaulich“ ist in dem Sinne, dass sie optisch (ggf. auch anders) eingängig etwas anderes korrekt darstellt?
  • Ist es auch nur entfernt denkbar, dass der gleiche Gegenstand in früheren Zeiten unter vergleichbarem Anspruch ganz anders präsentiert wurde — und dass er es später wieder anders wird?
  • Ist es auch nur entfernt denkbar, dass die Zuschreibung von Authentizität und Originalität einer spezifisch gegenwärtigen und auch innerhalb der Gegenwart spezifischen Perspektive (mit) verdankt wird?

Alle diese Bedingungen sind streng genommen selbst Teil des historischen Gegenstandes, der unterrichtlich „vermittelt“ werden soll.

Historisches Lernen, das sich nicht darauf beschränken will, den Lernenden Geschichtsbilder zu vermitteln, muss die Konstitution ihrer sachlichen Gegenstände immer (wenn auch nicht immer im gleichem Maße) zum Teil ihres Gegenstandsbereichs machen.

Authentizität und Originalität dürfen dann im Unterricht nicht (nur) als vorausgesetzte Bedingungen erscheinen, die selbst nicht in den Horizont der Reflexion der Schüler geraten, sondern müssen immer auch Gegenstand des Lernens sein, müssen befragt und diskutiert werden, und zwar nicht im Sinne einer Untersuchung des „ob“ (oder ob nicht), sondern eher des „inwiefern“. Es geht also nicht darum, gemeinsam ein Verständnis darüber zu erzielen, ob ein Gegenstand als „original“ angesehen werden kann und soll (und ob er dann als 100%ig „echt“ angesprochen werden darf), sondern

  • inwiefern ihm diese Eigenschaft zuerkannt werden kann und soll
  • und was das für das eigene Denken und Urteilen bedeutet.

Erst mit diesen Modifikationen (die in gutem Geschichtsunterricht immer auch schon eine Rolle gespielt haben, wenn auch nicht immer systematisch) ist die Kompetenz der Lernenden im Zentrum des Unterrichts. Kompetenzorientierung bedeutet dann nicht, die klassischen Gegenstände des Geschichtsunterrichts gegen neuartige auszutauschen, sondern an ihnen das historische Denken in all seinen Facetten (auch) zum Gegenstand zu machen. Die Themen ändern sich dann alerdings durchaus. Wenn unter „Thema“ die Kombination von Gegenstand und Intention verstanden wird, dann lässt eine Kompetenzorientierung zumindest solche Thematisierungen nicht mehr zu, in denen die Konstitution der Gegenstände als historisch nicht auch Gegenstand ist, und in denen das eigene Denken und Urteilen  keine Rolle spielt.

Es geht dann etwa in einem Museum nicht (nur) darum, an Hand eines alten landwirtschaftlichen Geräts zu erkennen und sich vorzustellen wie die Menschen früher gearbeitet und gelebt haben, sondern auch zu reflektieren, was an dem Gerät eigentlich „alt“ ist, inwiefern es für etwas steht (und stehen soll), das „vergangen“ ist, das im positiven wie negativen Sinne überwunden ist.

Es ginge darum zu klären, was uns dazu bringt, einen solchen Gegenstand, ein solches Gerät als alt zu deklarieren (und nicht etwa nur als „abgenutzt“). Das bedeutet, dass in Relationen gesprochen werden muss. Vergleiche mit gegenwärtigen Erfahrungen dürfen dann nicht nur dazu genutzt werden, Alterität zu betonen, sondern müssen genutzt werden auch als Äußerungen dazu, welche Eigenschaften und Dimensionen als relevant für Gegenwärtiges, Heutiges, Aktuelles gelten und inwiefern die Vergangenheit als „anders“ imaginiert und beurteilt wird.

Ähnliches gilt im Übrigen für viele Bedingungen historischen Lernens und Denkens — und auch von Lernzielen.

So ist das ebenfalls von Ulrich Mayer formulierte Lernziel der „Verständnis für die Einmaligkeit und Schutzwürdigkeit historischer Orte“ doch seinerseits problematisch. Ist wirklich gemeint, dass die Schüler(innen) lernen, dass historische Orte grundsätzlich schutzwürdig seien, und grundsätzlich einmalig? Mir scheint, dass hier wieder eine verkürzte Formulierung eines Lernziel vorliegt, das erst in kompetenzorientierter Formulierung seine ganze Tragweite aufzeigt:
„Die Schülerinnen und Schüler sollen die Fähigkeit, Fertigkeit und Bereitschaft erwerben und ausbauen, die besondere Qualität eines gegebenen Ortes als historisch einmalig und schutzwürdig (zunehmend) selbstständig einzuschätzen und zu beurteilen.“
Und auch hier dürfen Lernziel und die dazugehörige Aufgabenstellung nicht nur nicht auf „dass“ lauten, sondern nicht einmal auf „ob“ oder „ob nicht“. Erst mit Hilfe des Qualifikators „inwiefern“ nämlich eröffnet eine Aufgabenstellung den Schülerinnen und Schülern eine Argumentationsmöglichkeit, die auch partielle oder andere Lösungen (Re-Konstruktion, Dokumentation) einbezieht.

  1. Mayer, Ulrich: Historische Orte als Lernorte. In: Mayer, Ulrich, Pandel, Hans-Jürgen, Schneider, Gerhard (2004; Hrsg.): Handbuch Methoden im Geschichtsunterricht. Schwalbach: Wochenschau, S. 389-407, hier S. 394f [FN angepasst] []

Und noch einmal: Sinnbildungs- oder Erzählmuster bzw. -typen

Körber, Andreas (27.9.2015): „Und noch einmal: Sinnbildungs- oder Erzählmuster bzw. -typen“

Immer wieder Sinnbildungsmuster. Man mag die weitere Differenzierung von Mustern historischer Sinnbildung im Anschluss an die Typologie von Jörn Rüsen, wie zunächst Bodo von Borries (1988) und in letzter Zeit vornehmlich ich selbst sie vorgelegt haben, für kleinkariert und wenig gewinnbringend halten. Jörn Rüsen selbst hat 2012 in seinem Interview mit Thomas Sandkühler diese Saite anklingen lassen,

„Die Erzähltypologie ist erst einmal rein theoretisch entstanden, und dann habe ich gemerkt, dass sie universell ist. Die Kinder im Unterricht und auch die Lehrer folgen diesen Typen, wissen es aber nicht. Der Meinung bin ich bis heute. In der Geschichtsdidaktik hat sich das allmählich herumgesprochen, so dass meine Kollegen, Andreas Körber in Hamburg und Waltraud Schreiber in Eichstätt, meinen, Rüsens Typologie sei wunderbar, nur viel zu simpel. Vier Typen reichten nicht, daraus müssten mindestens sechs werden. Das ist da leider das Problem der Geschichtsdidaktiker, dass sie alles verkomplizieren müssen, anstatt es auf den Punkt zu bringen“[1],

bevor er abschließend in der Weiterarbeit auch eine Bestätigung seiner Arbeit erkennen mochte:

„Die Tatsache, dass etwa Frau Schreiber, Herr Körber und andere das aufnehmen, was wir in den Siebzigerjahren angefangen haben, zeigt mir: Das haben wir doch richtig gemacht!“[2]

Ein ähnlicher Vorwurf des Nicht-auf-den-Punkt-Bringens und der Abstraktion wird Rüsen aber im gleichen Band von Hans-Jürgen Pandel gemacht:

„Rüsen hat zum Beispiel seine Verlaufstypen nicht in dem Sinne konkretisiert, dass er sagt: ‚Es gibt Aufstiege und Abstiege, es gibt Karrieren und Untergänge.‘ Er macht das nicht an diesen Begriffen fest. Er sagt uns nicht: ‚Genetische Geschichten sind in der Gegenwart solche, die Aufstiege zeigen oder, negativ gewendet, Abstiege, Untergänge.‘ Auf diese Ebene bringt er das nicht. Das können sie doch nur auf dieser Ebene im Unterricht einbringen“[3],

nachdem er kurz zuvor bereits, auf die Urfassung der Typologie[4] angesprochen, kritisierte, dass zwei der Typen, „kritisches und exemplarisches — falsch“ seien.[5]

Diese kurzen Aussagen der beiden Konstrukteure der beiden in Deutschland bekanntesten Typologien historischer Erzählmuster bzw. -typen sind denn aber doch hinreichender Anlass für ein paar Bemerkungen:

  1. Es geht bei der von mir erarbeiteten „weiteren Differenzierung“[6] der Sinnbildungsmuster natürlich nicht darum, dass die Zahl zu gering und die Typologie nicht komplex genug sei. Ihr liegen vielmehr vielmehr zwei Motive zugrunde:
    1. zunächst die beiden bereits von Bodo von Borries [1988] formulierten und graphisch umgesetzten Einsichten aufzugreifen und weiterzudenken, nämlich dass
      • die kritische Sinnbildung in Rüsens Typologie eine andere Natur aufweist als die drei übrigen, indem sie gewissermaßen den „Übergang“ von einer entwickelten Sinnbildung zur Entwicklung einer neuen durch die kritische Reflexion des erreichten Standes in neuem Licht vorbereitete, [in historiographiegeschichtlicher wie in systematischer Perspektive) und dass somit auch die theoretischen Übergänge zwischen den Sinnbildungsmuster grundsätzlich — und nicht nur zwischen der exemplarischen und der genetischen — durch eine solche kritische Wendung „vorbereitet“ sein müssten; hieraus entwickelte von Borries das Postulat der Übergangsformen „traditionskritisch“ [bei Rüsen fehlend], „exempel-kritisch“ [entsprechend Rüsens „kritischer Sinnbildung“] und „genese-kritisch“;
      • solche Übergänge auch „vor“der „Traditionalen“ und nach der „Genetischen“ Sinnbildung denkbar und folglich „niedere“ (bzw. „ältere“) und höhere (bzw. „neuere“) Sinnbildungsmuster theoretisch postuliert und vielleicht auch empirisch gefunden werden müssten;
    2. sodann die Einsicht, dass die „kritische“ Sinnbildung nicht genügt, wenn nicht nur im alltäglichen Sprachgebrauch von Laien, sondern auch in vielen Unterrichtsentwürfen und Texten von Studierenden nicht zwischen Kritik im Allgemeinen und kritischer Sinnbildung unterschieden wird, dergestalt, dass immer dort, wo etwas negativ beurteilt wurde, „kritische Sinnbildung“ diagnostiziert wird. Dass dieser Typus nicht dort stattfindet, wo sinnbildend etwas Vergangenes kritisiert wird, sondern wo Sinnbildung kritisiert wird, scheint durch die Typologie nicht hinreichend betont zu werden. Mit den von mir neu vorgeschlagenen Typen sollen zumindest solche Formen der Kritik fassbar werden, die zwar eine konkrete Sinnbildung kritisieren, nicht aber deren Ersatz durch eine Sinnbildung anderen Typs vorbereiten, sondern „lediglich“ eine bessere Alternative der gleichen Logik, etwa
      • wenn Traditionen in Frage gestellt werden, weil andere Ursprünge behauptet werden, die Orientierung an einem Geltung generierenden Ursprung jedoch keineswegs in Frage gestellt wird;
      • wenn aus historischen Beispielen abgeleitete Regeln kritisiert und andere Regelhaftigkeiten behauptet werden, ohne das Interesse an „Regelkompetenz“ in Frage zu stellen;
      • wenn Entwicklungen in Frage gestellt und andere Entwicklungen behauptet werden.
    3. Gerade wenn Rüsen Recht hat, dass „die Kinder im Unterricht“ und die Lehrer unwissentlich von den Sinnbildungstypen Gebrauch machen, und dass diese letztlich als zugrunde liegende Muster alle Sinn bildenden Bezüge auf die Vergangenheit präfigurieren, stellt die Sinnbildungstypenlehre einen wichtigen Theoriebaustein der Geschichtsdidaktik dar. Wenn Geschichtsunterricht den Lernenden nicht bestimmte Geschichten vorgeben soll (und seien es solche eines gegenüber bisherigen ‚besseren‘ Sinnbildungstyps), sondern die Lernenden zum eigenständigen historischen Denken befähigen soll, ist die Typologie zur Bewusstmachung dessen, was mit Geschichten eigentlich erzählt wird, was sie zur Orientierung leisten, wertvoll.
  2. Pandels Kritik an Rüsens Sinnbildungsmustern und seine Vorschläge zur „konkreteren“ Formulierung des genetischen Typs machen aber auch deutlich, dass sein Verständnis derselben an demjenigen Rüsens an entscheidender Stelle vorbei geht, was auch ein Hinweis darauf ist, dass seine eigene Typologie der Erzählmuster eben keineswegs eine bessere Fassung dessen ist, was Rüsen  unter „Erzähltypen“ oder „Sinnbildungsmustern“ vesteht:
    1. „Geschichten, die Aufstiege“ zeigen, sind keineswegs das gleiche wie „genetische“ Geschichten, wie Pandel behauptet. Bildungsromane etwa oder die Geschichte eines Aufstiegs „vom Tellerwäscher zum Millionär“ sind zumeist überhaupt nicht genetisch. Insofern Geschichten bestimmte, zeittypische Verlaufsformen von Aufstiegen, Abstiegen oder Untergängen zeigen, sind sie nicht einmal spezifisch historisch. Andere, wie etwa viele Geschichten des Aufstiegs einer Nation zur Hegemonie, oder solche des Untergangs von Reichen (Paul Kennedys Theorie des „Imperial Overstretch“  mag als Beispiel dienen), sind zutiefst exemplarisch.
    2. Genetisch sind Geschichten nicht durch die Thematisierung eines Aufstiegs, Abstiegs oder Untergangs, sondern dadurch, dass sie — implizit oder (besser:) explizit —  die Veränderung der Bedingungen menschlichen Lebens thematisieren. Erst dort, wo etwa zeitliche Veränderungen von Aufstiegen und Abstiegen thematisiert werden, wird genetisch erzählt.

Anmerkungen

[1] Rüsen, Jörn (2014): „Interview mit Thomas Sandkühler.“ In: Sandkühler, Thomas (Hg.) 2014: Historisches Lernen denken.: Gespräche mit Geschichtsdidaktikern der Jahrgänge 1928-1947. Mit einer Dokumentation zum Historikertag 1976: Göttingen, Niedersachs: Wallstein: S. 251–292, hier S. 283.

[2] Ebda., S. 292.

[3] Pandel, Hans-Jürgen (2014): „Interview mit Thomas Sandkühler.“ In: Sandkühler, Thomas (Hg.) 2014: Historisches Lernen denken.: Gespräche mit Geschichtsdidaktikern der Jahrgänge 1928-1947. Mit einer Dokumentation zum Historikertag 1976: Göttingen, Niedersachs: Wallstein: S. 326–356, hier S. 350.

[4] Rüsen, Jörn (1982): „Die vier Typen des historischen Erzählens.“ In: Koselleck, Reinhart; Lutz, Heinrich; Rüsen, Jörn (Hgg.) 1982: Formen der Geschichtsschreibung. Originalausg.: München: Deutscher Taschenbuch Verlag: (Theorie der Geschichte. Beiträge zur Historik, 4), S. 514–606.

[5] Ebda., S. 350.

[5] Körber, Andreas (2013): Historische Sinnbildungstypen. Weitere Differenzierung: Weitere Differenzierung http://www.pedocs.de/volltexte/2013/7264/.

 

Zitierte Literatur

  • Borries, Bodo von (1988): Geschichtslernen und Geschichtsbewusstsein. Empirische Erkundungen zu Erwerb und Gebrauch von Historie. 1. Aufl. Stuttgart: Klett .
  • Körber, Andreas (2013): Historische Sinnbildungstypen. Weitere Differenzierung: Weitere Differenzierung http://www.pedocs.de/volltexte/2013/7264/.
  • Rüsen, Jörn (1982): „Die vier Typen des historischen Erzählens.“ In: Koselleck, Reinhart; Lutz, Heinrich; Rüsen, Jörn (Hgg.) 1982: Formen der Geschichtsschreibung. Originalausg.: München: Deutscher Taschenbuch Verlag: (Theorie der Geschichte. Beiträge zur Historik, 4), S. 514–606.
  • Sandkühler, Thomas (Hg.) (2014): Historisches Lernen denken. Gespräche mit Geschichtsdidaktikern der Jahrgänge 1928-1947. Mit einer Dokumentation zum Historikertag 1976: Gespräche mit Geschichtsdidaktikern der Jahrgänge 1928-1947. Mit einer Dokumentation zum Historikertag 1976. Göttingen, Wallstein.

 

 

"Geschichtsbewusstsein", "historisches Denken" oder "Kompetenzen" — ein Beitrag aus Dänemark

Kollege Jens Aage Poulsen diskutiert aktuell drei Konzepte historischen Denkens und die sich aus ihrer Nutzunge ergebenden Konsequenzen für Geschichtsunterricht:

Poulsen, Jens A. (2015): Historisk bevidsthed, tænkning og kompetencer? ‚Historisk tænkning‘ og ‚kompetencer‘ er nytilkomne i den historiedidaktiske debat. Hvilke sammenhænge er der mellem dem og velkendte begreber som ‚historiebevidsthed‘ og ‚historisk bevidsthed‘?: ‚Historisk tænkning‘ og ‚kompetencer‘ er nytilkomne i den historiedidaktiske debat. Hvilke sammenhænge er der mellem dem og velkendte begreber som ‚historiebevidsthed‘ og ‚historisk bevidsthed‘? http://historielab.dk/historisk-bevidsthed-taenkning-og-kompetencer/. gelesen 19 Sep. 2015.

Vortrag von Alexander Buck

Vorstellungen von Geschichtslehrkräften zu Niveaustufen historischen Denkens. Empirische Einordnung und Interview-Workshop. FUER-Nachwuchskolloquium an der Universität Hamburg (19.6.15)

Symposium zu Inklusion und Historischem Lernen auf der 5. Nordischen Fachdidaktiktagung im Mai 2015 in Helsinki

„Inclusion: A Challenge for Subject Matter Teaching and Learning Processes in School? (History Teaching)“; Symposium E6 auf der Tagung „Nordisk fagdidaktisk konferens 5“; Helsinki; 25.-27. Mai 2015.

„Inclusion: A Challenge for Subject Matter Teaching and Learning Processes in School? (History Teaching)“; Symposium E6 auf der Tagung „Nordisk fagdidaktisk konferens 5“; Helsinki; 25.-27. Mai 2015.

Vortrag zu Inklusion und historischem Lernen auf der NoFa5 in Helsinki

Körber, Andreas (28.5.2015): „Challenges of Inclusion for History Teaching.“ Helsinki; Vortrag auf der 5th Nordic conference on subject education/Nordisk fagdidaktisk konferens; Helsinki.

Auf der 5. Nordischen Konferenz der Fachdidaktiker habe ich zusammen mit Johannes Meyer-Hamme eine Sektion zu Inklusion und Geschichtslernen geleitet und dort folgenden Vortrag gehalten:

  • Körber, Andreas (28.5.2015): „Challenges of Inclusion for History Teaching.“ Helsinki; Vortrag auf der 5th Nordic conference on subject education/Nordisk fagdidaktisk konferens; Helsinki.
  • Englischsprachiger Artikel zum Hintergrund des FUER-Kompetenzmodells

    Körber, Andreas (2015): Historical consciousness, historical competencies – and beyond? Some conceptual development within German history didactics. Available online at http://www.pedocs.de/volltexte/2015/10811/pdf/Koerber_2015_Development_German_History_Didactics.pdf.

    Nachdem mein Beitrag auf der Tagung „Historicizing the Uses of the Past“ 2008 in Oslo in der Buchpublikation nur gekürzt veröffentlicht werden konnte, habe ich nun die etwas überarbeitete Langfassung auf Pedocs veröffentlicht:

    Körber, Andreas (2015): Historical consciousness, historical competencies – and beyond? Some conceptual development within German history didactics. Available online at http://www.pedocs.de/volltexte/2015/10811/pdf/Koerber_2015_Development_German_History_Didactics.pdf.