Arbeitsbereich Geschichtsdidaktik / History Education, Universität Hamburg

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Ansprache auf der Mahnwache anlässlich des 77. Jahrestags der Reichspogromnacht am 9. November 1938

09. November 2015 Andreas Körber Keine Kommentare

Ein­la­dung Mahn­wa­che 2015 – 3

 

Andre­as Körber

Anspra­che zur Gedenk­fei­er am 9. Novem­ber 2015 auf dem Joseph-Car­le­bach-Platz in Hamburg

Lie­be Anwesende,

Im Jahr 1940 schrieb ein füh­ren­des Mit­glied des Cen­tral­ver­eins deut­scher Staats­bür­ger jüdi­schen Glau­bens, Hans Reich­mann, im Exil in Eng­land fol­gen­de Sät­ze, nach­dem er in Fol­ge der No­vem­ber­progrome 1938 im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Sach­sen­hau­sen inhaf­tiert und nur gegen die Auf­la­ge, zu emi­grie­ren, ent­las­sen wor­den war, fol­gen­de Sätze:

Wir, die wir aus­ge­trie­ben wur­den, die ein neues

Leben begin­nen sol­len, wie man zu sagen

pflegt, sind ruhe­los gewor­den. An die Zukunft

zu den­ken, wagen wir nicht mehr; woll­ten wir

sie mit gewohn­tem Maß­stab abtas­ten, wir

müß­ten ban­ge wer­den. Was unfaß­bar schien,

ist Wirk­lich­keit: wir sind Luft­men­schen geworden,

wir haben den Boden unter uns verloren,

wir sind aus der Sicher­heit bürgerlichen

lebens ver­jagt – ohne Arbeit, ohne Heim, ohne

Hei­mat. […] Die­se sechs Jah­re haben ungezählte 

jüdi­sche Men­schen gebro­chen, mich nicht.“

Hans Reich­mann war kein Ham­bur­ger, er hat die Pogro­me in Ber­lin erlebt. Sei­ne Wor­te kön­nen aber auf­schluss­reich sein.

Wir sind heu­te hier näm­lich zusam­men­ge­kom­men, um der Opfer des dama­li­gen Gesche­hens zu geden­ken, nicht nur, aber gera­de auch hier in Ham­burg. Wir tun dies als Bür­ge­rin­nen und Bür­ger die­ser Stadt, als Ange­hö­ri­ge die­ser Gesell­schaft mit ganz unter­schied­li­chen Bezü­gen zum dama­li­gen Geschehen.

Ich spre­che heu­te zwar nicht im for­mel­len Sin­ne für die Uni­ver­si­tät, aber doch als ihr Mit­glied. Für uns – für mich zumin­dest – bedeu­tet die­ses Geden­ken zum einen das Andenken an die Opfer, die es auch aus den Rei­hen der Uni­ver­si­tät in jenem Novem­ber 1938 gab. Dane­ben und viel­leicht bedeu­ten­der ist aber auch die Fra­ge nach der Hal­tung der Uni­ver­si­tät zu und ihre Rol­le im dama­li­gen Gesche­hen – und nicht zuletzt danach, was für heu­te dar­aus folgt.

Der heu­ti­ge Anlass ist für Vor­le­sun­gen gelehr­ter Art nicht geeig­net. Es möge daher rei­chen zu benen­nen, dass mei­ne Insti­tu­ti­on in ihrer Gesamt­heit damals schon kei­ne Hüte­rin huma­nen wis­sen­schaft­li­chen Geis­tes mehr war. Sicher waren nicht alle Pro­fes­so­rin­nen und Pro­fes­so­ren von der Macht kor­rum­piert – aber doch genü­gend, und so hat­te die Uni­ver­si­tät Ham­burg schon weit vor dem Datum, des­sen wir hier geden­ken, jeg­li­chen Wider­stand gegen den Ungeist auf­ge­ge­ben – sofern man über­haupt von einem sol­chen Wider­stand der Insti­tu­ti­on spre­chen kann – es gab ihn wohl ver­ein­zelt in der Uni­ver­si­tät, nicht aber als einen der Universität.

Nach­dem jüdi­sche und aus ande­ren Grün­den ver­folg­te Pro­fes­so­rin­nen, Pro­fes­so­ren und ande­re Leh­ren­de ent­las­sen und ins Exil oder gar in den Selbst­mord getrie­ben wor­den waren (die Benen­nung unse­rer Biblio­thek nach Mar­tha Muchow dort hin­ten zeugt von spä­ter Scham auch hier­über), war die Uni­ver­si­tät zu gro­ßen Tei­len selbst schon Teil des Ungeis­tes, der sich nun auch hier, in ihrer Nach­bar­schaft, sicht­bar manifestierte.

Da aber Insti­tu­tio­nen selbst nicht ent­schei­den, gilt die Empö­rung und die Scham dem Tun und Nichts­tun kon­kre­ter Per­so­nen. Per­so­nen, die auch nach 1933 und beson­ders 1938 noch sich hät­ten ument­schei­den kön­nen gegen das, was nicht nur hier, aber auch und gera­de hier in ihrer unmit­tel­ba­ren Nach­bar­schaft ver­an­stal­tet, wur­de. Sie haben es nicht getan.

Was aber ist die­ses unser Geden­ken? Wem gilt es? Wem gegen­über geschieht es und mit wel­chem Anlie­gen? Ich möch­te dar­auf eine Ant­wort nicht nur, aber auch für die Uni­ver­si­tät skiz­zie­ren, die mich bewo­gen hat, der Bit­te, die­se Anspra­che zu über­neh­men, zu entsprechen.

Zunächst ein­mal geden­ken wir hier der Män­ner, Frau­en und Kin­der, die im Zuge der von Natio­nal­so­zia­lis­ten orga­ni­sier­ten, zugleich aber auch von vie­len ande­ren Ham­bur­gern gedul­de­ten und unter­stütz­ten Gewalt­ta­ten heu­te vor nun­mehr 77 Jah­ren ver­folgt, ent­rech­tet, an Gut und Leib beschä­digt, der Frei­heit beraubt, an jenem Tage oder in der Fol­ge sogar getö­tet, und das bedeu­tet: ermor­det, wur­den, wie auch derer, die ange­sichts der Ver­fol­gung kei­nen ande­ren Aus­weg sahen, als sich selbst das Leben zu neh­men – auch dies eine Form des Mordes.

Wir geden­ken aber auch der Erfah­run­gen der­je­ni­gen Men­schen, die nicht phy­sisch betrof­fen waren, denen aber über­aus dras­tisch ver­deut­licht wur­de, dass und auch wie man sie nicht – nicht mehr – dazu­ge­hö­ren las­sen woll­te: zu Ham­burg, zu Deutsch­land, und – wie sich spä­ter her­aus­stell­te: zur Menschheit.

Wem gilt die­ses Geden­ken: Den dama­li­gen Opfern gegen­über ist es eine Ges­te der Wie­der-Aner­ken­nung ihrer so beschä­dig­ten Zuge­hö­rig­keit. Im Fal­le der damals Umge­kom­me­nen kann er nicht anders sein als sym­bo­lisch und somit unvoll­stän­dig – der Sta­chel bleibt. Den Über­le­ben­den gegen­über, ob zurück­ge­kehrt oder nicht, ist der­ar­ti­ges Geden­ken ein Ver­spre­chen gewe­sen, die­se Aus­gren­zung nicht fort­füh­ren zu wol­len, sie wie­der als Mit­glie­der unse­rer Gemein­schaft anzu­er­ken­nen – nicht, als ob nichts gewe­sen wäre, son­dern in vol­lem Bewusst­sein und in expli­zi­ter Benen­nung des gesche­he­nen Unrechts. Ihnen gegen­über auch ist es beson­ders nötig, die­ses immer wie­der zu bekun­den: Wer einen sol­chen Rechts- und Ver­trau­ens­bruch erfah­ren muss­te, der bedarf nicht einer ein­ma­li­gen, abschlie­ßen­den Soli­da­ri­täts­be­kun­dung, son­dern wie­der­hol­ter. Spät genug hat unse­re Gesell­schaft, haben wir damit begon­nen, sol­ches zu tun.

Sodann ist unser Geden­ken aber auch eine Trau­er um das, was die­se so hin­aus­ge­trie­be­nen Men­schen für uns, für die Gesell­schaft, der wir uns im Rück­blick doch ange­hö­rig füh­len, bedeu­tet haben und wei­ter hät­ten bedeu­ten kön­nen. Nicht nur dort, wo Fami­li­en, Freund- und Nach­bar­schaf­ten zer­ris­sen wur­den, ist er spür­bar – er betrifft uns alle, heu­te noch. Ihr Ver­lust an men­schen­wür­di­ger Sicher­heit ist auch unser aller Ver­lust gewe­sen – an Bezie­hun­gen, Erfah­run­gen, und nicht zuletzt an gegen­sei­ti­ger Mensch­lich­keit und Solidarität.

Auch hier gilt: Unser Erin­nern und Geden­ken macht den Ver­lust nicht rück­gän­gig, ist aber nötig, um das Ver­lo­re­ne ange­sichts und in ste­ti­ger Kennt­nis des Gesche­hens wie­der zu gewin­nen und zu bewahren.

Letzt­lich ver­ge­wis­sern wir uns im Geden­ken näm­lich auch unse­rer selbst: Wer sind wir und wer wol­len wir sein ange­sichts und gegen­über die­sem Geschehen?

Im Den­ken an die Opfer der dama­li­gen Gewalt, aber auch des sie beglei­ten­den Schwei­gens und Dul­dens, im Den­ken an den Ver­lust durch die Gesell­schaft, die es nicht ver­hin­dern konn­te, es als Gan­ze aber auch nicht woll­te, im Den­ken an den Ver­lust, den eben dies auch für uns als Gesell­schaft bedeu­te­te und noch bedeu­tet, beken­nen wir uns zur his­to­ri­schen Ver­ant­wor­tung, uns selbst gegen­über, ein­an­der und vor allen ande­ren. Nicht nur den Opfern und ein­an­der, die wir hier ste­hen, auch allen ande­ren gegen­über sagt die­ses Geden­ken etwas.

Damit bin ich beim drit­ten Punkt: Was folgt aus sol­chem Gedenken?

So sehr es stimmt, was Hans Reich­mann schrieb, dass das Gesche­hen über vie­le der ein­zel­nen Opfer in „unfass­ba­rer“, weil für sie außer­halb des Erwart­ba­ren lie­gen­der Wei­se her­ein­brach, so sehr gilt auch, dass es dem erin­nern­den Rück­blick kei­nes­wegs als unvor­be­rei­tet erscheint. Wir wis­sen, wie die Jah­re zuvor, nicht nur seit 1933, als Schrit­te zu die­ser Bar­ba­rei inter­pre­tiert wer­den kön­nen. Wir wis­sen aber auch, dass es kei­nes­wegs zwangs­läu­fig war, unvermeidlich.

Und so muss auch gel­ten, dass ein Geden­ken, das zunächst und zuvör­derst Trau­er ist und den Opfern gilt, leer bleibt, wenn es nicht den Blick auch auf das Heu­te rich­tet. Gera­de weil wir es für sinn­voll und nötig befin­den, die­ses Geden­ken immer wie­der, deut­lich und öffent­lich zu bekun­den, müs­sen wir auch fra­gen, inwie­fern es aktu­ell Ent­wick­lun­gen gibt, die früh­zei­tig zu erken­nen und zu benen­nen sind und denen ent­ge­gen­ge­tre­ten wer­den muss, damit nicht wie­der Men­schen unschul­dig zu Opfern von Taten wer­den, derer man in fer­ne­rer Zukunft in glei­cher Wei­se soll­te geden­ken müsste.

Ja, es gibt sie: Heu­te sind es nicht lang­jäh­ri­ge Ange­hö­ri­ge der Gesell­schaft, die in der­art „unfass­ba­rer“ Wei­se, wie ein­gangs zitiert, „aus der Sicher­heit bür­ger­li­chen Lebens ver­jagt“ wer­den „– ohne Arbeit, ohne Heim, ohne Hei­mat“, und die so zu „Luft­men­schen“ gemacht wur­den, son­dern Men­schen, die zu uns kom­men, weil sie ande­res, aber ver­gleich­bar Ein­schnei­den­des erlebt haben – Men­schen, denen hier bei uns neben gro­ßer Hilfs­be­reit­schaft auch immer wie­der Aus­gren­zung und Ableh­nung ent­ge­gen­schlägt – bis hin dazu, dass wie­der Gebäu­de bren­nen und Män­ner, Frau­en und Kin­der ange­grif­fen wer­den. Das darf nicht sein.

Gewiss: Eigent­lich muss man nicht geden­ken und erin­nern, und his­to­risch den­ken, um zu wis­sen, dass der­ar­ti­ges unver­zeih­lich und unmensch­lich ist. Aber weil die Geschich­te zeigt, dass sol­che Moral und Ethik brü­chig ist, kann Geden­ken und Erin­nern nicht stumm blei­ben gegen­über dem Gegenwärtigen.

Sei­en wir daher als eine viel­fäl­ti­ge Gesell­schaft und als Uni­ver­si­tät einer sol­chen viel­fäl­ti­gen bereit, nicht nur sein zu las­sen, was zu sol­chem Geis­te führt, son­dern auch uns zu betei­li­gen an der Gestal­tung unse­rer Gesell­schaft in einer Wei­se, die es ver­hin­dern möge, dass in eini­gen Jahr­zehn­ten wie­der um Men­schen und um ver­lo­re­ne, auf­ge­ge­be­ne, nicht bewahr­te Mensch­lich­keit getrau­ert und erin­nert wer­den muss.

Wis­sen­schaft und aka­de­mi­sche Bil­dung als sol­che sind, das zeigt die Erfah­rung, nicht gefeit vor frem­den­feind­li­chen Denk­wei­sen und auch ein wis­sen­schaft­li­ches Stu­di­um der Geschichts­wis­sen­schaft allein hält – wie zwei aktu­el­le Fäl­le zei­gen – nicht ein­mal Leh­rer davon ab, pau­scha­lie­ren­de, frem­den­feind­li­che und Men­schen wegen ihrer Zuge­hö­rig­keit zu einer Reli­gi­on, Kul­tur zu dif­fa­mie­ren – von einer Hal­tung und Pra­xis also, die das heu­te erin­nernd zu Bekla­gen­de mit ermög­licht hat. Wis­sen­schaft und his­to­ri­sche Bil­dung kann hel­fen, muss sich aber ihrer huma­nen Grund­la­gen versichern.

Indem wir uns heu­te in Trau­er und rück­bli­cken­dem Ent­set­zen vor die­sen Men­schen ver­nei­gen und ihre ihnen damals ver­nein­te Zuge­hö­rig­keit zu unse­rer Gemein­schaft wie­der aner­ken­nen, beken­nen wir uns auch zu einem Geist, einer Hal­tung, glei­ches nicht wie­der zuzulassen.

Internationale Konferenz zur Erinnerungskultur in Ghana und Deutschland im Vergleich

30. September 2012 Andreas Körber Keine Kommentare

 

Vom 20. bis 24. Sep­tem­ber 2012 fand in Ham­burg die vom Arbeits­be­reich Geschichts­di­dak­tik der Uni­ver­si­tät Ham­burg gemein­sa­me mit dem Stu­di­en­zen­trum der KZ-Gedenk­stät­te Neu­en­gam­me und der Mis­si­ons­aka­de­mie an der Uni­ver­si­tät Ham­burg ver­an­stal­te­te inter­na­tio­na­le Kon­fe­renz “Struc­tures and Pro­ces­ses of Com­me­mo­ra­ting Cru­el­ties in Aca­de­me and Histo­ry Tea­ching: The com­me­mo­ra­ti­on of the Trans­at­lan­tic Slave Tra­de and of the Natio­nal Socia­list Cri­mes in Com­pa­ri­son” statt.

Die Kon­fe­renz hat­te zum Ziel, Struk­tu­ren und For­men des öffent­li­chen Erin­nerns in Deutsch­land an die natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­bre­chen in Deutsch­land und Euro­pa und die­je­ni­gen der öffent­li­chen Prä­sen­ta­ti­on der Geschich­te des Trans­at­lan­ti­schen Skla­ven­han­dels (wie auch der ein­hei­mi­schen Skla­ve­rei) in Gha­na sowie die gegen­wär­ti­ge Rol­le die­ser The­men in schu­li­schem und uni­ver­si­tä­rem Geschichts­ler­nen zu ver­glei­chen und auf die didak­ti­schen Poten­tia­le gera­de auch des Ver­gleichs hin aus­zu­lo­ten. Dabei wur­de auch die Bedeu­tung von Reli­gi­on und reli­giö­sem Den­ken sowohl für die Skla­ve­rei, den Skla­ven­han­del und ihre Über­win­dung als auch für his­to­ri­sches Den­ken und Erin­nern sowie Ler­nen an die­sem Gegen­stand thematisiert.

Die The­ma­tik der Tagung ent­sprach einer gemein­sa­men Idee von Prof. Dr. Kofi Dark­wah von der Uni­ver­si­ty od Edu­ca­ti­on in Win­ne­ba/​Ghana und Prof. Dr. Andre­as Kör­ber. Sie wur­de in enger Zusam­men­ar­beit mit Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen meh­re­rer Uni­ver­si­tä­ten in Gha­na von Jan Brei­ten­stein, Dok­to­rand der Geschichts­di­dak­tik an der Uni­ver­si­tät Ham­burg, vor­be­rei­tet und organisiert.

Refe­ren­ten der Tagung waren:

  • Dr. Kofi Baku (Uni­ver­si­ty of Gha­na, Legon; Head of Histo­ry Depart­ment): “Memo­ry and Memo­ria­li­sing Slavery and Slave Tra­de in Gha­na: Who­se memo­ry, Which memo­ri­als and for What Purpose?”
  • Prof. Dr. Andre­as Kör­ber (Ham­burg Uni­ver­si­ty):  “His­to­ri­cal Remem­be­ring and Lear­ning at Memo­ri­als in Ger­ma­ny” and a Cam­pus-Tour on “Decen­tra­li­zed Remem­be­ring of the Cri­mes of Natio­nal Socialism”
  • Prof. Dr. Eliza­beth Amo­ah (Uni­ver­si­ty of Gha­na, Legon;): “Reli­gi­on and Slavery in Ghana”
  • Prof. Dr. Wer­ner Kahl (Aca­de­my of Mis­si­on, Ham­burg): “Theo­lo­gy after Ausch­witz: Whe­re is god? — Expe­ri­en­ces and reflec­tions of Afri­can migrant pas­tors in Neuengamme.”
  • Dr. Ako­sua Per­bi (Uni­ver­si­ty of Gha­na, Legon;): “Slavery in Gha­na: The Unf­or­got­ten Past”
  • Ulri­ke Jen­sen and Mar­co Küh­nert (Neu­en­gam­me Con­cen­tra­ti­on Camp Memo­ri­al): Gui­ded Tour
  • Dr. Oli­ver von Wro­chem (Neu­en­gam­me Con­cen­tra­ti­on Camp Memo­ri­al Stru­dy cent­re): “Neu­en­gam­me as a Memo­ri­al and Place for His­to­ri­cal Learning”
  • Nicho­las Ivor (Head of the Gha­na Muse­ums and Monu­ments Boards (GMMB) for the Cen­tral and Wes­tern Regi­ons): “Cape Coast Cast­le as a Memo­ri­al and Place for His­to­ri­cal Learning”
  • HMJo­ki­nen (Ham­burg): “Wands­bek World White Revi­si­ted” (com­me­mo­ra­ti­ve performance)
  • Prof. Dr. Klaus Weber (Euro­pa-Uni­ver­si­tät Via­dri­na, Frankfurt/​Oder): “The­re were many Schim­mel­manns: Hamburg’s and Cen­tral Europe’s Links with the Atlan­tic Slave Tra­de and Plan­ta­ti­on Eco­no­mies, 16th to the 19th Centuries”
  • Jan Brei­ten­stein (Ham­burg Uni­ver­si­ty): “Per­for­ma­ti­ve Com­me­mo­ra­ting and Flu­id­Re­mem­be­ring of the Trans­at­lan­tic Slave Tra­de: Impul­se or Frame­work for (pro­cess-ori­en­ted) His­to­ri­cal Learning?”
  • Dr. Yaw Ofu­su-Kusi (Uni­ver­si­ty of Edu­ca­ti­on, Win­ne­ba/​Ghana): “Vio­la­ti­ons of Child­hood through Ens­lave­ment of Child­ren in West Afri­ca: Past, Pre­sent and the Future.”
  • Prof. Dr. (em.) Bodo von Bor­ries (Uni­ver­si­tät Ham­burg): „Trans­at­lan­tic Slave Tra­de“ and „German/​ Euro­pean Holo­caust“ as Mas­ter Nar­ra­ti­ves – Edu­ca­ti­on in bet­ween Com­me­mo­ra­ti­on of Geno­ci­des and Neces­si­ty of Human Rights.”
  • Dr. Felix Duo­du (Uni­ver­si­ty of Edu­ca­ti­on, Win­ne­ba/​Ghana): “The rele­van­ce of socie­tal diver­si­ty for Inter eth­nic (histo­ry) Tea­ching in Ghana.”
  • Dr. Clau­dia Lenz (The Euro­pean Werge­land Cent­re, Oslo/​Norway): “Com­pe­tence ori­en­ted his­to­ri­cal lear­ning as inter­cul­tu­ral lear­ning – expe­ri­en­ces from the Tea­c­Mem pro­ject.”
  • Joke van der Lee­uw-Roord (Euro­clio, The Hague): “Chan­ging His­to­ri­cal Lear­ning in Schools and its impli­ca­ti­ons for Tea­ching about Slavery and Natio­nal Socialism”
  • Emma­nu­el Koom­son (Afri­can Chris­ti­an Mis­si­on A.C.M. Juni­or High School, Winneba/​Ghana): “Slave Tra­de and its Com­me­mo­ra­ti­on as a Topic for His­to­ri­cal Lear­ning in Ghana.”
  • Hil­de­gard Wacker (Gym­na­si­um Cor­vey­stra­ße, Ham­burg and Ham­burg Uni­ver­si­ty): “Natio­nal Socia­lism and its Com­me­mo­ra­ti­on as a Topic for His­to­ri­cal Lear­ning in Germany.”

 

Geschichtslernen an Stolpersteinen

28. Dezember 2009 Andreas Körber Keine Kommentare

Im Rah­men eines Semi­nars zu “Lern­or­ten” haben sich Arbeits­grup­pen mit den inzwi­schen in vie­len Städ­ten Deutsch­lands ver­leg­ten “Stol­per­stei­nen” des Köl­ner Künst­lers Gun­ter Dem­nig als For­men der Erin­ne­rung und Orten für bzw. Gegen­stän­den des Ler­nens beschäftigt.

Dabei ist mir auf­ge­fal­len, dass offen­kun­dig ein Grund­mus­ter der “Didak­ti­sie­rung” dar­in besteht, die Stol­per­stei­ne zum Anlass zu neh­men, die kon­kre­ten Bio­gra­phien der Opfer von Depor­ta­ti­on und Ver­nich­tung, an die sie erin­nern, zum eigent­li­chen Gegen­stand des Ler­nens zu machen. Die Beschäf­ti­gung mit den kon­kre­ten Men­schen, so die Argu­men­ta­ti­on, ermög­li­che eine ler­nen­de Refle­xi­on auf die Aus­wir­kun­gen der Poli­tik des Natio­nal­so­zia­lis­mus auf kon­kre­te Men­schen, auf die Bedin­gun­gen von Han­deln und Lei­den, und somit auch ein Ler­nen, wel­ches die eige­ne Per­son, die Ori­en­tie­rung, in den Mit­tel­punkt stel­le — weni­ger die tro­cke­nen “Fak­ten”.

Ich will die­se Form der Didak­ti­sie­rung, wel­che eine Par­al­le­le zum “bio­gra­phi­schen Arbei­ten” in der Gedenk­stät­ten­päd­ago­gik dar­stellt, nicht infra­ge stel­len, möch­te aber doch eini­ge skep­ti­sche Fra­gen und eine mög­li­che Alter­na­ti­ve skizzieren:

    • Besteht nicht bei solch einem Anlass — gera­de bei jün­ge­ren Schüler(inne)n — die Gefahr eine Über­wäl­ti­gung durch eine Opfer­ge­schich­te, wel­che den eige­nen Ver­ar­bei­tungs­ho­ri­zont übersteigt?
    • Was wäre das gewünsch­te Lern­ziel? Iden­ti­fi­ka­ti­on mit den Opfern? 
      1. Wohl kaum im Sin­ne einer Pro­jek­ti­on in die Opfer hinein.
      2. auch wohl kaum im Sin­ne einer Ver­en­gung des Nach­den­kens über das Gesche­hens aus einer (an Hand von Quel­len) re-kon­stru­ier­ten oder nach­emp­fun­de­nen Opferperspektive.
        1. dass Erin­nern an Ver­gan­ge­nes in die­ser Gesell­schaft in ganz unter­schied­li­chen For­men statt findet
        2. dass das sei­nen Grund hat
        3. dass die­ses Erin­nern und sei­ne For­men kei­nes­wegs immer schon da waren und selbst­ver­ständ­lich sind, son­dern dass um sie gerun­gen wird, dar­über diskutiert,
        4. dass Erin­nern nicht ein­fach “fer­tig” ist, wenn ein Denk­mal, ein Gedenk­stein, eine Stol­per­stein liegt, son­dern dass es um ein immer neu­es Nach-Den­ken geht.

      Es ist somit m.E. mög­lich, gera­de auch im Geschichts­un­ter­richt über das Geden­ken und Erin­nern, über For­men der Ver­ge­gen­wär­ti­gung von Ver­gan­gen­heit als Teil des gegen­wär­ti­gen Umgangs der Gesell­schaft zu lernen.

Dies wür­de kaum den For­de­rung ent­spre­chen, dass Geschichts­un­ter­richt zur Ori­en­tie­rung der eige­nen Iden­ti­tät und des eige­nen Han­delns die­nen soll.

Mei­nes Erach­tens bie­ten die Stol­per­stei­ne gera­de dann einen guten Ansatz­punkt zu his­to­ri­schem Ler­nen, wenn man nicht vor­schnell ihrem Ver­weis auf die kon­kre­ten Opfer folgt, son­dern sie zunächst als das ernst und in den Blick nimmt, was sie sind: For­men der Aus­ein­an­der­set­zung der gegen­wär­ti­gen Gesell­schaft mit der Ver­gan­gen­heit, auf die sie ver­wei­sen — und mit sich selbst, als umstrit­te­ne For­men der Erin­ne­rungs­kul­tur zu einer umstrit­te­nen Vergangenheit.
Die­ser Logik zufol­ge müss­ten zunächst die Stol­per­stei­ne selbst Gegen­stand des Ler­nens wer­den — die Tat­sa­che, dass sie an bestimm­ten Orten lie­gen, dass die­ses kei­nes­wegs selbst­ver­ständ­lich ist, dass es Men­schen gibt, die sich dafür ein­set­zen (und ihre Argu­men­te) und sol­che, die dage­gen sein — aus ver­schie­de­nen Grün­den, von pro­fa­nen, erin­ne­rungs­kul­tu­rell gedan­ken­lo­sen (etwa Furcht um die Beein­träch­ti­gung des Geschäfts vor dem ein Stein liegt) über emi­nent his­to­ri­sche (etwa Scham über das eige­ne Weg­se­hen damals, aber auch über die eige­ne erin­ne­rungs­kul­tu­rel­le Untä­tig­keit oder Zöger­lich­keit) bis hin zu poli­ti­schen (Leug­nung des Gesche­hens, Abwehr die­ser Form der ‘Schuld­prä­sen­ta­ti­on’) — aber auch zu unter­schied­li­chen erin­ne­rungs­kul­tu­rel­len Sym­bo­li­ken und Wer­tun­gen (s. Zen­tral­rat der Juden, Stadt Mün­chen, Sin­ti und Roma).
Durch die zunächst auf die Gegen­wart bli­cken­de Erschlie­ßung der Stol­per­stei­ne in ihrer Pro­gram­ma­tik und Sym­bo­lik, poli­ti­schen Bedeu­tung, den Pros und Con­tras erst wird der Blick auf die kon­kre­ten Men­schen gelenkt, derer gedacht wird. Das ist m.E. nur auf den ers­ten Blick eine “Instru­men­ta­li­sie­rung”, bei genaue­rem Hin­se­hen viel­mehr eine “Auf­wer­tung”. Die­se Men­schen wer­den dann näm­lich als Men­schen Gegen­stand his­to­ri­scher Betrach­tung und his­to­ri­schen Ler­nens, die die­ser Gesell­schaft etwas bedeu­ten (wenn auch unter­schied­li­ches), nicht als von außen (dem Leh­rer, der Initia­ti­ve, den Autoren eines Begleit­hefts) vor­ge­ge­be­ne Beispiele.
Ein sol­ches Vor­ge­hen, das von der gegen­wär­ti­gen Umstrit­ten­heit aus­geht, von der gegen­wär­ti­gen Erin­ne­rungs­kul­tur mit ihren Ver­wer­fun­gen und Debat­ten, ermög­licht es m.E. auch, das Ler­nen über den Holo­caust und die Depor­ta­tio­nen in eine län­ge­re Pro­gres­si­on zu über­füh­ren. Mit jün­ge­ren Schü­le­rin­nen und Schü­lern könn­te somit zunächst noch ohne die Gefahr der Über­for­de­rung und Über­wäl­ti­gung die Tat­sa­che the­ma­ti­siert werden,