Der Sinnbegriff meiner Geschichtsdidaktik

Körber, Andreas (2011): Der Sinnbegriff meiner Geschichtsdidaktik. (Blogbeitrag)

Wenn in der Geschichtsdidaktik von “Sinn” gesprochen wird, dann zumeist in dem Sinne (!), dass damit das Spezifische einer historischen Orientierung bezeichnet werden soll, gegenüber anderen Orientierungen.

“Historischer Sinn” bezeichnet somit diejenige Kategorie, mit der Informationen über mehrere zeitlich verortete Ereignisse, Handlungen, Strukturen zu einem Zusammenhang verbunden werden können, der sie nicht nur als zufällige Ansammlung unverbundener Informationen, sondern als Teil eines “geordneten” Ganzen erscheinen lässt, mit dessen Hilfe auch die eigene Verortung “in Zeit” als Teil einer solchen Ordnung begriffen werden kann.

Von “Sinnbildung über Zeiterfahrung” bzw. von der “Arbeit des Geschichtsbewusstseins, sich in der Zeit zurechtzufinden” sprechen denn auch zwei populäre Formulierungen dessen, wobei es beim Geschichtsbewusstsein geht.

“Sinn” kann dabei durchaus mehrere Konnotationen entwickeln, wie auch die Vorstellung des Ursprungs solchen Sinns variiert:

  1. Sinn als Absicht und Richtung:
    1. Der Begriff “Sinn” unterstellt einen Zusammenhang zwischen den empirisch aufgefundenen Einzelheiten, der über das Faktische hinausgeht. Er konnotiert “Absicht”, die gewissermaßen “hinter” den Ereignissen, Intentionen, Handlungen, Strukturen steht.1
    2. Der Begriff kann auch (und enthält im Historischen Denken ggf. explizit) die Vorstellung einer Gerichtetheit (vgl. engl. “sense”2), d.h. einer Verlaufsrichtung der Ereignisse bzw. der durch sie markierten Veränderungen, wobei nicht unbedingt an eine lineare Gerichtetheit der Gesamtgeschichte gedacht werden muss, sondern auch Kreislaufmodelle Richtungen kennen können.
  2. Inhärenter vs. zu bildender Sinn: Unterschiedlich ist auch die Vorstellung, ob solcher Sinn
    1. in der Gesamtheit der Ereignisse, Fakten etc. “aufgesucht” werden muss, ob er als (von einer höheren Macht, der Geschichte selbst, der Natur) vorgegeben gedacht wird und der Historiker bzw. der Historisch Denkende diesen Sinn suchen muss, oder
    2. ob er durch den jeweils historisch Denkenden in der Auseinandersetzung mit solchen Informationen über Vergangenes und in Anwendung seiner anderweitig bzw. aus früheren Beschäftigungen mit Geschichte gewonnenen Konzepten “gebildet” wird.

    Beide Positionen sind dabei aufeinander verwiesen:

    1. Die konstruktivistische letztere Vorstellung kommt nicht ohne ein Mindestmaß einer Vorstellung aus, dass solcher zu bildender Sinn nicht beliebig sein darf, sondern zumindest ein Qualitätsmaß in der Empirie selbst findet;
    2. die faktizistische Position muss anerkennen, dass zumindest wegen der Lückenhaftigkeit der Überlieferung (Partialität) und der Unmöglichkeit, alles zu betrachten (Selektivität) sowie in Anerkennung unterschiedlicher Perspektiven, der jeweils “gefundene” Sinn immer auch “gebildet” worden ist.

    Der Unterschied beider Positionen besteht somit vornehmlich in den Vorstellungen von Wahrheit: Während die faktizistische Position letztlich davon ausgeht, dass Sinnbildung (wenn sie denn so bezeichnet wird) ihr ultimatives Maß im Vergleich mit dem tatsächlichen Sinn der Geschichte findet, geht die konstruktivistische Position zumindest davon aus, dass alle Formulierungen von Sinn (also auch die Versuche der Faktizisten, die unabhängige Instanz zu formulieren), gleichermaßen konstruiert sind. Ihr zufolge löst sich die Vorstellung einer Qualität von Sinnbildungen in ein mehrdimensionales Kriterium der “Triftigkeit” auf, bei dem Überlegungen der empirischen Stimmigkeit (“empirische Triftigkeit” nach Rüsen bzw. “Begründungsobjektivität” nach Hermann Lübbe), der normativen Passung (“normative Triftigkeit” bzw. “Konsensobjektivität”)3 und der “narrativen Triftigkeit” bzw. “Konstruktionsobjektivität” zusammengehen müssen.

Gemäß der in der Geschichtsdidaktik (wenn auch nicht in der Praxis) weit verbreiteten (gemäßigt) konstruktivistischen Vorstellung entsteht (in der Version nach RÜSEN) Sinn dadurch, dass zwei differente Zeitvorstellungen miteinander in Beziehung gebracht werden müssen, um leben zu können.

  1. Der Mensch ist als Wesen mit einem “Intentionalitätsüberschuss” ausgestattet, der es ihm ermöglicht, intentional (auch: hoffend, erwartend, befürchtend) die empirisch erfahrene Gegenwart zu übersteigen und sich die Welt anders vorzustellen als sie ist.
  2. In Bezug auf Zeit zeigt sich dieser Überschuss darin, dass die Zukunft als von der Gegenwart different erwartet (erhofft/geplant …) wird.
  3. In Kontrast zu dieser “Humanzeit” des eigenen Planens, Hoffens, Befürchtens und Wollens steht die von Rüsen so genannte “Naturzeit” der vom denkenden Individuum als von ihm selbst als nicht beeinflussbar wahrgenommenen Veränderungen in Zeit. Diese umfasst nicht nur “natürliche” (im Sinne von Nicht-menschliche), sondern auch solche Prozesse, die von anderen Menschen verursacht werden.
  4. Zwischen Human- und Naturzeit besteht ein ständiger Widerspruch, ein Spannungsfeld, weil niemals die eigenen Hoffnungen, Planungen etc. 100% eintreffen und die Zukunft nur der eigenen Humanzeitprojektion entspricht. Die Differenzen sind unterschiedlich stark, aber immer gegeben.
  5. Ohne ein Konzept, mit dem Human- und Naturzeit in einen gemeinsamen Zusammenhang gedacht (nicht: angeglichen werden) können, müsste der Mensch planungsunfähig werden.
  6. Dieses Konzept bedarf muss drei Bedingungen erfüllen:
    1. Es muss die Grundvorstellung enthalten, die Lösung der Differenz zwischen Human- und Naturzeit weder mit dem Modell einer völligen Determination der realen Zukunft durch irgendein Vergangenes oder Gegenwärtiges möglich ist (weil dies bedeuten würde, dass man selbst ebenso determiniert wäre und keinerlei Planungen, Hoffnungen, Handlungen mehr möglich wären);
    2. ebenso muss es die Möglichkeit ausschließen, dass Vergangenheit und Gegenwart völlig unverbunden wären, dass also die jeweils neue gegenwärtige Welt “from scratch” neu erschaffen worden wäre ohne dass auch nur irgendein Teil aus der Vergangenheit übernommen, fortgeschrieben, verändert worden wäre. Eine derart vollständig unbestimmte Zukunft müsste die Aporie unverändert gültig lassen;
    3. es muss also davon ausgehen, dass es einen Zusammenhang zwischen Vergangenheit und Zukunft gibt, der gegeben ist, der aber Raum für eigene Handlungen belässt. Die Aufgabe des historischen Denkens besteht also in der “Bewältigung” der Kontingenz zwischen den ausgeschlossenen Extremen der völligen Determination und der völligen Unverbundenheit, die beide ein eigenes Handeln unmöglich und eine Orientierungsleistung auch unnötig machen würden.
  7. Das Konzept “historischer Sinnbildung” besagt nun, dass mit Hilfe einer Wendung zur Vergangenheit und der empirischen wie denkenden Verarbeitung vergangener Differenzerfahrungen zwischen Human- und Naturzeit und der (kontrollierten) Extrapolation der Ergebnisse in die Zukunft eine “Bändigung” der Differenzerfahrung möglich wird.
  8. “Historischer Sinn” ist also die empirisch und kategorial denkend hergestellte Vorstellung eines Zusammenhanges zwischen Vergangenheit und Gegenwart, der in die Zukunft weiter reicht und der deshalb sowohl zur Identifikation des eigenen Standorts im “Strom der Zeit” wie auch zur Orientierung eigenen, in die Zukunft gerichteten Handelns befähigt.

1Hierzu passt, dass der Begriff des “Faktums”, der oftmals für die nackte Tatsächlichkeit eines Geschehens genommen wird, in der Geschichtstheorie des Historismus, etwa bei Leopold von Ranke gedacht ist als das Ergebnis einer “Tat Gottes”.

3Rüsen, Jörn (1997): “Objektivität.” In: Bergmann, Klaus u.a. (1997): Handbuch der Geschichtsdidaktik. Seelze-Velber: Kallmeyer.[custom_field limit=“1″ between=“, “ /]

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Vor Umstellung der Blogfarm lautete die URL dieses Beitrags http://koerber2005.erzwiss.uni-hamburg.de/wordpress-mu/historischdenkenlernen/2011/05/29/der-sinnbegriff-meiner-geschichtsdidaktik/

Neuer Aufsatz zur Theorie Interkulturellen Geschichtslernens

Körber, Andreas (2010): „Theoretische Dimensionen des Interkulturellen Geschichtslernens.“ In: Ventzke, Marcus; Mebus, Sylvia; Schreiber, Waltraud (Hgg.; 2010): Geschichte denken statt pauken in der Sekundarstufe II. 20 Jahre nach der friedlichen Revolution: Deutsche und europäische Perspektiven im gymnasialen Geschichtsunterricht. Radebeul: Sächsisches Bildungsinstitut; S. 25-48. Der Band ist hier über PeDOCS verfügbar: http://www.pedocs.de/frontdoor.php?source_opus=6540&la=de.

Liebe Kommiliton(inn)en,

nach einiger Verzögerung ist der folgende Band nun endlich auch physisch hier eingetroffen.

Ventzke, Marcus; Mebus, Sylvia; Schreiber, Waltraud (Hgg.; 2010): Geschichte denken statt pauken in der Sekundarstufe II. 20 Jahre nach der friedlichen Revolution: Deutsche und europpäische Perspektiven im gymnasialen Geschichtsunterricht. Radebeul: Sächsisches Bildungsinstitut.

Darin befindet sich mein Aufsatz

Körber, Andreas (2010): „Theoretische Dimensionen des Interkulturellen Geschichtslernens.“ S. 25-48,

in welchem ich versuche, das Konzept der historischen Sinnbildung aus der narrativistischen Geschichtsheorie auf das interkulturelle Denken zu übertragen und aus beidem eine neu fundierte Vorstellung interkultureller historischer Kompetenz zu entwickeln.

Authentisches Geschichtslernen und der Positivismus der Studierenden (Hinweis)

Authentisches Geschichtslernen und der Positivismus der Studierenden (Hinweis)

Hingewiesen sei auf einen interessanten Beitrag: „Authentisches Geschichtslernen“ im Blog von Daniel Eisenmenger. Er bestätigt mich in der Auffassung, dass ein wesentlicher Anteil in der Geschichtslehrerbildung die Befähigung zur geschichtstheoretischen Reflexion sein muss — bevor es an unterrichtspragmatische Konkretisierungen geht.

Hier

  1. Der Link zur Zusammenfassung der Debatte im Deutschen Bundestag
  2. Die Seite der Erklärung bei H-SOZ-U-KULT mit den Listen der Erst- und der weiteren Unterzeichner und dem Link zum Unterzeichnen.
  3. Eine Analyse und Einordnung der „Charta der Heimatvertriebenen“ von Jörg Hackmann

Geschichts- und Erinnerungspolitik im Bundestag in der Kritik (zu Recht)

Körber, Andreas (14.11.2011): „Geschichts- und Erinnerungspolitik im Bundestag in der Kritik (zu Recht)“

Geschichts- und Erinnerungspolitik sind nichts Anrüchiges — zumindest nicht, wenn die Begriffe die Tatsache bezeichnen, dass in Gesellschaften immer und notwendig um historische Deutungen und ihre Relevanz im öffentlichen Gedenken gerungen wird, um ihre Einheitlichkeit und Verbindlichkeit bzw. ihre Offenheit und Pluralität (Multiperspektivität, Kontroversität) wie die diesen Orientierungs- und Verständigungsprozessen zu Grunde liegenden Strukturen, die dabei genutzten Verfahren, Instrumente usw.

Diese Einsicht in die Legitimität und Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung um Vergangenheit und ihre (Be-)Deutung(en) ist das eine. Sie darf aber nicht dazu verführen, das, was auf diesem Politikfeld (Geschichtspolitik als polity) geschieht, immer nur distanziert zu betrachten — im Gegenteil: gerade die Einsicht in diese Notwendigkeit und Legitimität ruft dazu auf, sich aktiv an dieser Auseinandersetzung zu beteiligen mit eigenen Geschichtspolitiken (policies), und andere zu kritisieren und (natürlich im Rahmen der pluralen Orientierung) zu bekämpfen.

Dass um Geschichte gerungen und gestritten wird, ist also ein gutes Zeichen. Einzelne (oder auch viele) dabei vertretenen Deutungen und Interpretationen sind oftmals hoch problematisch – und zwar nicht nur in dem Sinne, dass sie „falsche“ Darstellungen der eigentlich richtig erkennbaren Vergangenheit wären, sondern gerade weil ihnen politische Interessen ebenso zu Grunde liegen wie Erkenntnismöglichkeiten und perspektiven. Geschichtspolitik ist so dasjenige Feld, in dem historische Denutungen sowohl in ihrer Bindung an die Möglichkeiten der Erkenntnis, an die normativen Qualitätskriterien historischer Re-Konstruktion und Interpretation und an die heterogenen sozialen, kulturellen, politischen und weitere Perspektiven und Interessenlagen thematisch werden. Sie können und müssen selbst zum Gegenstand von Untersuchung und Analyse („De-Konstruktion“) werden – wie zum gegenstand politischer Auseinandersetzung. Dass die Geschichtspolitik wie die Disziplin der Zeitgeschichte  geprägt wird von der unauflösbaren Verbindung von geforderter wissenschaftlicher Distanz der Analyse einer- und der je eigenen politischen Perspektive andererseits, muss immer mit bedacht werden, sollte aber kein Grund sein, dieses Feld nur Experten zu überlassen. — im Gegenteil: Geschichtsunterricht muss diese Komplexe explizit einbeziehen, will er Lernende dazu befähigen, an der heitigen Gesellschaft aktiv und passiv teilzuhaben.

In diesem Sinne ist die aktuelle Kontroverse um „Flucht und Vertreibung“, um das geplante Denkmal und Zentrum für/gegen Vertreibungen und ganz aktuell um den aktuellen Beschluss des Deutschen Bundestages, den 5. August als „Vertriebenen-Gedenktag“ einzurichten, zu begrüßen — macht sie doch die verschiedenen Sichtweisen und Interessen an der Geschichte in unserer Gesellschaft erst sichtbar (wie übrigens all die gleichzeitig und versetzt ablaufenden Debatten und Kontroversen um die Erinnerung an die Bombenangriffe auf Dresden, usw.).

Aus didaktischer Perspektive ist diese Debatte also zu begrüßen und zu thematisieren. Unbeschadet davon ist es natürlich notwendig, in dieser Frage selbst Stellung zu beziehen. In diesem Sinne haben gemäß heutigen Presseberichten eine Reihe namhafter deutscher Historiker zusammen mit einigen Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern den Bundestagsbeschluss kritisiert. Dieser Kritik ist m.E. in vollem Umfange zuzustimmen. Dem anzuerkennenden Bedürfnis von Vertriebenen und Angehörigen nach Gedenken und Erinnerungen kann und muss auf andere Art und Weise Rechnung  getragen werden als mit einer Symbolik, die einer Gleichsetzung von „Flucht und Vertreibung“ mit dem Holocaust gleichkommt.

Hinweis: Globalgeschichte im Geschichtsunterricht

Kurz hingewiesen sei auf eine kurze Diskussion auf Daniel Eisenmengers Blog „Medien im Geschichtsunterricht“ über „Globalgeschichte“ nicht nur für Historiker(innen), sondern auch für den Geschichtsunterricht – mit einem Hinweis von Lisa Rosa auf die Notwendigkeit, auch das Wechseln zwischen den Maßstäben bzw. Ebenen zu wechseln und die Verbindungen zwischen ihnen denken zu können.

Aufsatz auf Spanisch

Körber, Andreas (2010): ¿Competencias políticas o competencia democrática y competencia de pensar históricamente? Tendencias actuales de la educación cívica en Alemania. In: Iber 66, S. 92–104.

Körber, Andreas (2010): ¿Competencias políticas o competencia democrática y competencia de pensar históricamente? Tendencias actuales de la educación cívica en Alemania. In: Iber 66, S. 92–104.

Gastvortrag am 25.11.2010: Prof. Dr. RH Kofi Darkwah (Winneba/Ghana): „Human Rights and Historical Learning“ – a postcolonial perspective in a globalized world"

„Herausforderungen an die Geschichtsdidaktik“:
Gastvortrag
von

Herrn Prof. Dr. Kofi Darkwah

Historian at the University of Education, Winneba (Ghana)

„Human Rights and Historical Learning“
– a postcolonial perspective in a globalized world –

(in englischer Sprache)

Do 25. November 2010
18.00 Uhr

im
Völkerkundemuseum Hamburg

PIASTA Völkerkundemuseum

Absolutismus, Merkantilismus und die anderen "didaktischen Selbstläufer"

Körber, Andreas (6.-11.2010): „Absolutismus, Merkantilismus und die anderen "didaktischen Selbstläufer"“

Wer die Debatte um die Bildungsstandards des Geschichtslehrerverbandes verfolgt hat, der weiß, dass einer der Kritikpunkte an der dortigen „gegenstandsbezogenen Sachkompetenz“ auch war, dass das Wissen von historischen „Fakten“ und Interpretationen als eigene Kompetenz definiert wurde — und dass dies an einigen Beispielen stark kritisiert wurde.
Das galt etwa für das Wissen über „den Absolutismus“, das trotz der in den letzten Jahren in der Forschung sich durchsetzenden Einsicht, dass der Begriff nicht nur keinen klar abgrenzbaren und definierten historischen Sachverhalt bezeichnet, sondern dass er als historischer (aus der Retrospektive einen vergangene Komplex bezeichnender) Begriff selbst problematisch ist, weshalb er zunehmend vermieden wird.
Von Schülerinnen und Schülern zu verlangen, „den Absolutismus“ erläutern zu können, ist also nicht nur inhaltlich sehr problematisch, sondern erweist sich als das Gegenteil von Kompetenz.

Meine Position dazu lautet (ganz im Einklang mit unserem „FUER“-Verständnis von Kompetenzen und ihren Niveaus), dass die Konsequenz daraus aber nicht lautet dürfe, den Begriff nunmehr gar nicht mehr zu verwenden, ihn Schülerinnen und Schülern gar vozuenthalten oder gegen einen neuen, weniger inkriminierten auszutauschen. „Kompetent“ würden Schüler erst dadurch, dass sie zwar diesen Begriff weiterhin erwürben — aber nicht als Teil eines historischen „Gegenstandes“ oder auch nur (sub-optimale) Bezeichnung dafür, sondern als Terminus, der auf ein Konzept verweist, mit dem sich Historiker (und Gesellschaften) einen Reim auf ihre (Er-)Kenntnisse über die betreffende Zeit gemacht haben (Sinn gebildet haben). Das ist weiterhin nötig, weil die Gesellschaft (und die Historiker) diesen Begriff ja durchaus früher benutzt haben (ud auch heute noch weiterhin benutzen), und Schülerinnen damit umgehen können müssen. Kompetenz besteht eben nicht in Wissen (allein),1 sondern in der Verfügung über Konzepte, methoden, Einsichten u.s.w. — mitsamt ihrer Reflexion (elaboriertes Niveau). Ob die Formulierungen in der Neufassung der „Bildungsstandards“, und die Lösung, ihn in Anführungszeichen zu schreiben, dem schon gerecht wird, muss hier nicht beurteilt werden.

Daniel Eisenmenger verweist in seinem Blog „Medien im Geschichtsunterricht“ (der sich dankenswerterweise keineswegs nur mit Medien beschäftigt) nun auf einen Artikel von Harald Neifeind in edumeres, in welchem dieser die Darstellung des „Merkantilismus“ in einem Schulbuch kritisiert und daran grundlegende Überlegungen anküpft über den Prozess, indem sich solche Konzepte vergegenständlichen und verselbstständigen. Eisenmenger schreibt:


Im Kern trifft hier dasselbe zu, wie beim Absolutimus. Eine Gleichsetzung von Ideen bzw. Ansprüchen und Wirklichkeit. Neifeind spricht in Bezug auf das geläufige Schaubild von einem “didaktischen Selbstläufer”. Das ist etwas dran und man könnte noch eine Reihe anderer Beispiele nennen. Die Frage ist nur warum. Weil die Schaubilder so einfach, klar und eingängig sind? Warum werden so eklatante, grundlegend falsche und in diesem Fall sogar in sich widersprüchliche Darstellungen immer wieder in Schulbüchern (und damit auch zumeist in den Köpfen der Lehrer und je nach Wirkung des Unterricht auch in denen der Schüler) reproduziert? Kreiert das Lehren und Lernen in der Schule eine eigene historische Darstellung? Selbstverständlich gibt es eine gewisse Verzögerung in der Vermittlung neuer historischer Erkenntnisse von der Wissenschaft in die Schule, aber die im Beitrag kritisierte Merkantilismus-Rezeption ebenso wie die Absolutismus-Kritik der Geschichtswissenschaft sind ja beileibe keine neuen Erkenntnisse (vgl. auch die schon stark angestaubten Standardwerke mit denen Neifeind die Darstellung im Schulbuch abgleicht).

EIn weiteres Beispiel also dafür, dass es beim historischen Lernen nicht darum gehen kann, das jeweils für „richtig“ erachtete Wissen der Wissenschaft an die Schülerinnen und Schüler zu bringen – bzw. dasjenige, was Lehrplan- und Schulbuchmacher, die ja nicht allen Detaildiskussionen der Forscher folgen klnnen, für richtig halten, sondern dass es in der Elaboration der Fähigkeit geht, mit historischen Begriffen als Werkzeugen des Denkens umzugehen, und dabei auch immer zwischen Institutionen, Diskursen etc. zu vermitteln, übersetzen, vergleichen etc.

  1. Vgl. dazu demnächst Körber, Andreas (2010): „Kompetenzorientierung versus Inhalte .“ In: Schulmanagement 6/2010, S. 8-11 []

Hinweis: Blogeintrag über didaktisch wertvolle Newsletter

Allen, die Materialien für „gegenwartskonstituierten“ (nicht nur „-bezogenen“) Geschichtsunterricht benötigen und dabei auch interkulturelle Bezüge beachten wollen, sei der folgende Hinweis von Daniel Eisenmenger auf zwei wertvolle Nachrichtendienste empfohlen: „Zwei Newsletter, die sich lohnen“ auf „Medien im Geschichtsunterricht.“

AK

Neuer Artikel zu interkulturellem Geschichtslernen

Körber, Andreas (2010): “Zeitgemäßes schulisches Geschichts-Lernen in Gedenkstätten.” In: Wrochem, Oliver v. u.a. (Hgg: 2010): Das KZ Neuengamme und seine Außenlager. Geschichte, Nachgeschichte, Erinnerung, Bildung. Berlin: Metropol (Neuengammer Kolloquien; 1); ISBN: 9783940938879; S. 392-413.

Auf dem ersten „Neuengammer Kolloquium“ habe ich einen Vortrag zum historischen Lernen an Gedenkstätten gehalten. Er ist in der Dokumentation der Tagung erschienen:

 

Körber, Andreas (2010): “Zeitgemäßes schulisches Geschichts-Lernen in Gedenkstätten.” In: Wrochem, Oliver v. u.a. (Hgg: 2010): Das KZ Neuengamme und seine Außenlager. Geschichte, Nachgeschichte, Erinnerung, Bildung. Berlin: Metropol (Neuengammer Kolloquien; 1); <a href=“https://portal.dnb.de/opac.htm?query=9783940938879&method=simpleSearch“>ISBN: 9783940938879</a>; S. 392-413.