Arbeitsbereich Geschichtsdidaktik / History Education, Universität Hamburg

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Absolutismus, Merkantilismus und die anderen “didaktischen Selbstläufer”

06. November 2010 Andreas Körber 1 Kommentar

Wer die Debat­te um die Bil­dungs­stan­dards des Geschichts­leh­rer­ver­ban­des ver­folgt hat, der weiß, dass einer der Kri­tik­punk­te an der dor­ti­gen “gegen­stands­be­zo­ge­nen Sach­kom­pe­tenz” auch war, dass das Wis­sen von his­to­ri­schen “Fak­ten” und Inter­pre­ta­tio­nen als eige­ne Kom­pe­tenz defi­niert wur­de — und dass dies an eini­gen Bei­spie­len stark kri­ti­siert wurde.
Das galt etwa für das Wis­sen über “den Abso­lu­tis­mus”, das trotz der in den letz­ten Jah­ren in der For­schung sich durch­set­zen­den Ein­sicht, dass der Begriff nicht nur kei­nen klar abgrenz­ba­ren und defi­nier­ten his­to­ri­schen Sach­ver­halt bezeich­net, son­dern dass er als his­to­ri­scher (aus der Retro­spek­ti­ve einen ver­gan­ge­ne Kom­plex bezeich­nen­der) Begriff selbst pro­ble­ma­tisch ist, wes­halb er zuneh­mend ver­mie­den wird.
Von Schü­le­rin­nen und Schü­lern zu ver­lan­gen, “den Abso­lu­tis­mus” erläu­tern zu kön­nen, ist also nicht nur inhalt­lich sehr pro­ble­ma­tisch, son­dern erweist sich als das Gegen­teil von Kompetenz.

Mei­ne Posi­ti­on dazu lau­tet (ganz im Ein­klang mit unse­rem “FUER”-Verständnis von Kom­pe­ten­zen und ihren Niveaus), dass die Kon­se­quenz dar­aus aber nicht lau­tet dür­fe, den Begriff nun­mehr gar nicht mehr zu ver­wen­den, ihn Schü­le­rin­nen und Schü­lern gar vozu­ent­hal­ten oder gegen einen neu­en, weni­ger inkri­mi­nier­ten aus­zu­tau­schen. “Kom­pe­tent” wür­den Schü­ler erst dadurch, dass sie zwar die­sen Begriff wei­ter­hin erwür­ben — aber nicht als Teil eines his­to­ri­schen “Gegen­stan­des” oder auch nur (sub-opti­ma­le) Bezeich­nung dafür, son­dern als Ter­mi­nus, der auf ein Kon­zept ver­weist, mit dem sich His­to­ri­ker (und Gesell­schaf­ten) einen Reim auf ihre (Er-)Kenntnisse über die betref­fen­de Zeit gemacht haben (Sinn gebil­det haben). Das ist wei­ter­hin nötig, weil die Gesell­schaft (und die His­to­ri­ker) die­sen Begriff ja durch­aus frü­her benutzt haben (ud auch heu­te noch wei­ter­hin benut­zen), und Schü­le­rin­nen damit umge­hen kön­nen müs­sen. Kom­pe­tenz besteht eben nicht in Wis­sen (allein), 1 son­dern in der Ver­fü­gung über Kon­zep­te, metho­den, Ein­sich­ten u.s.w. — mit­samt ihrer Refle­xi­on (ela­bo­rier­tes Niveau). Ob die For­mu­lie­run­gen in der Neu­fas­sung der “Bil­dungs­stan­dards”, und die Lösung, ihn in Anfüh­rungs­zei­chen zu schrei­ben, dem schon gerecht wird, muss hier nicht beur­teilt werden.

Dani­el Eisen­men­ger ver­weist in sei­nem Blog “Medi­en im Geschichts­un­ter­richt” (der sich dan­kens­wer­ter­wei­se kei­nes­wegs nur mit Medi­en beschäf­tigt) nun auf einen Arti­kel von Harald Nei­feind in edume­res, in wel­chem die­ser die Dar­stel­lung des “Mer­kan­ti­lis­mus” in einem Schul­buch kri­ti­siert und dar­an grund­le­gen­de Über­le­gun­gen anküpft über den Pro­zess, indem sich sol­che Kon­zep­te ver­ge­gen­ständ­li­chen und ver­selbst­stän­di­gen. Eisen­men­ger schreibt:


Im Kern trifft hier das­sel­be zu, wie beim Abso­lu­ti­mus. Eine Gleich­set­zung von Ideen bzw. Ansprü­chen und Wirk­lich­keit. Nei­feind spricht in Bezug auf das geläu­fi­ge Schau­bild von einem “didak­ti­schen Selbst­läu­fer”. Das ist etwas dran und man könn­te noch eine Rei­he ande­rer Bei­spie­le nen­nen. Die Fra­ge ist nur war­um. Weil die Schau­bil­der so ein­fach, klar und ein­gän­gig sind? War­um wer­den so ekla­tan­te, grund­le­gend fal­sche und in die­sem Fall sogar in sich wider­sprüch­li­che Dar­stel­lun­gen immer wie­der in Schul­bü­chern (und damit auch zumeist in den Köp­fen der Leh­rer und je nach Wir­kung des Unter­richt auch in denen der Schü­ler) repro­du­ziert? Kre­iert das Leh­ren und Ler­nen in der Schu­le eine eige­ne his­to­ri­sche Dar­stel­lung? Selbst­ver­ständ­lich gibt es eine gewis­se Ver­zö­ge­rung in der Ver­mitt­lung neu­er his­to­ri­scher Erkennt­nis­se von der Wis­sen­schaft in die Schu­le, aber die im Bei­trag kri­ti­sier­te Mer­kan­ti­lis­mus-Rezep­ti­on eben­so wie die Abso­lu­tis­mus-Kri­tik der Geschichts­wis­sen­schaft sind ja bei­lei­be kei­ne neu­en Erkennt­nis­se (vgl. auch die schon stark ange­staub­ten Stan­dard­wer­ke mit denen Nei­feind die Dar­stel­lung im Schul­buch abgleicht).

EIn wei­te­res Bei­spiel also dafür, dass es beim his­to­ri­schen Ler­nen nicht dar­um gehen kann, das jeweils für “rich­tig” erach­te­te Wis­sen der Wis­sen­schaft an die Schü­le­rin­nen und Schü­ler zu brin­gen — bzw. das­je­ni­ge, was Lehr­plan- und Schul­buch­ma­cher, die ja nicht allen Detail­dis­kus­sio­nen der For­scher fol­gen kln­nen, für rich­tig hal­ten, son­dern dass es in der Ela­bo­ra­ti­on der Fähig­keit geht, mit his­to­ri­schen Begrif­fen als Werk­zeu­gen des Den­kens umzu­ge­hen, und dabei auch immer zwi­schen Insti­tu­tio­nen, Dis­kur­sen etc. zu ver­mit­teln, über­set­zen, ver­glei­chen etc.

Anmer­kun­gen /​ Refe­ren­ces
  1. Vgl. dazu dem­nächst Kör­ber, Andre­as (2010): “Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung ver­sus Inhal­te .” In: Schul­ma­nage­ment 6/​2010, S. 8 – 11[]
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