Tagung "Sprachsensibler Geschichtsunterricht": Tagungsbericht auf H-SOZ-U-KULT erschienen

Am 19. September haben wir hier eine KGD-Tagung zum „sprachsensiblen Geschichtsunterricht“ zu Gast gehabt (siehe hier).

Dazu ist nun der Tagungsbericht von Christiane Eckerth und Mario Resch (beide Heidelberg) erschienen:

http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=6810

Erster Beitrag zum Projekt HiTCH erschienen

Trautwein, Ulrich; Bertram, Christiane; Borries, Bodo von; Körber, Andreas; Schreiber, Waltraud; Schwan, Stephan et al. (2016): Entwicklung und Validierung eines historischen Kompetenztests zum Einsatz in Large-Scale-Assessments (HiTCH). In Bundesministerium für Bildung und Forschung (Ed.): Forschung in Ankopplung an Large-Scale Assessments. Bonn: Bundesministerium für Bildung und Forschung (Bildungsforschung, 44), pp. 97–120. [online: https://www.bmbf.de/pub/Bildungsforschung_Band_44.pdf#page=97]

Trautwein, Ulrich; Bertram, Christiane; Borries, Bodo von; Körber, Andreas; Schreiber, Waltraud; Schwan, Stephan et al. (2016; i. Dr.): Entwicklung und Validierung eines historischen Kompetenztests zum Einsatz in Large-Scale-Assessments (HiTCH). In Bundesministerium für Bildung und Forschung (Ed.): Forschung in Ankopplung an Large-Scale Assessments. Bonn: Bundesministerium für Bildung und Forschung (Bildungsforschung, 44), pp. 97–120. [online: https://www.bmbf.de/pub/Bildungsforschung_Band_44.pdf#page=97]

Promotionsprojekt von Annika Stork

Stork, Annika: Perspektivensensibilität innerhalb des Geschichtsunterrichts – Eine explorative Studie mittels funktional-linguistischer und geschichtsdidaktischer Kategorien

Die Untersuchung des Zusammenhangs von Sprache und historischem Lernen ist aktuell zu einem stark beachteten Forschungsfeld avanciert, dem es jedoch insbesondere im deutschsprachigen Raum noch an empirischen Untersuchungen mangelt. Dass insbesondere im Zuge der Debatten rund um Mehrsprachigkeit, Heterogenität und sprachsensiblen Unterricht, die Stimmen nach einer Erforschung des Zusammenhangs von Sprache und historischem Lernen lauter werden, liegt auf der Hand.

Bevor jedoch skizziert werden kann, wie ein sprachsensibler Geschichtsunterricht aussehen könnte, müssten zunächst fachspezifische Aspekte der historischen Kommunikation im Unterricht herausgearbeitet werden. Im Rahmen einer Analyse der sprachlichen Form historischer Urteile im Geschichtsunterricht im SoSe 15, hat Annika Stork mit Hilfe der Theorie Caroline Coffins versucht, dieses Feld näher zu erkunden. Coffin präsentierte bereits 2006 in ihrem Werk Historical Discourse eine Analyse (vorwiegend schriftlicher) Spracherzeugnisse im Geschichtsunterricht unter Anwendung der Systemic Functional Linguistic nach Michael Halliday. Sie vertritt die These, dass eine Progression im historischen Lernen und in den sprachlichen Strukturen sich bedingen und darüber hinaus, dass Schüler_innen sukzessiv bestimmte „Genres“ erlernen, die ihnen den Austausch über und das Erläutern und Bewerten von Geschichte ermöglichen (vgl. Coffin 2006).

Ausgehend von dieser Analyse, schlussfolgerte Stork, dass es bestimmte Kategorien der Theorie Coffins (bzw. der Systemic Functional Linguistic) sein, die sich für die Untersuchung des Umgangs mit Perspektiven im Geschichtsunterricht besonders gut eignen. Auf Basis dieser Hypothese entwickelte sich das aktuelle Dissertationsvorhaben, in dem mit Hilfe funktional-linguistischer und geschichtsdidaktischer Kategorien der Umgang mit Perspektiven in der mündlichen Kommunikation des Geschichtsunterrichts untersucht wird. Ein besonderer Fokus liegt hierbei auf der Interaktion zwischen der Sprache der Lehrkraft und der Schüler_innen. Mit Hilfe des übergeordneten Untersuchungsgegenstandes der Perspektivensensibilität, soll versucht werden, einen fachspezifischen Aspekt der Sprache über Geschichte greifbar zu machen. Perspektivensensibilität bezeichnet hierbei die Form und den Grad, in welchem Personen ihre eigenen und fremden Perspektiven als konstituierende Elemente historischer Aussagen wahrnehmen und sich auf sie beziehen können. Sie wird nicht nur über explizite Bezugnahmen auf Perspektiven identifizierbar, sondern auch in linguistischen und geschichtsdidaktischen Merkmalen historischer Aussagen. Für die Untersuchung werden bereits videografierte und zum Teil transkribierte Unterrichtsstunden verwendet.

Erste Analysen lassen bereits die Hypothese zu, dass ein Zusammenhang zwischen Formen des perspektivensensiblen Sprechens der Lehrkraft und der Schüler_innen nachzuweisen ist, so dass im weiteren Verlauf nach eventuellen Regelhaftigkeiten gesucht werden kann. Am Ende des Projekts steht letztlich die Frage, welche Konsequenzen die Ergebnisse für die geschichtsdidaktische Forschung haben, etwa für die Debatte der Kompetenzorientierung.

Kontakt: annika.stork@studium.uni-hamburg.de

Literatur:

Coffin, C. (2006): Historical Discourse. The Language of Time, Cause and Evaluation. New York: Continuum.

Posterpräsentation von Annika Stork auf der Tagung „Sprachsensibler Geschichtsunterricht“

Stork, Annika (19.9.2016): „Perspektivensensibilität innerhalb des Geschichtsunterrichts. Eine Studie mittels funktional-linguistischer und geschichtsdidaktischer Kategorien.“ Poster, präsentiert auf der Tagung „Sprachsensibler Geschichtsunterricht. Von der geschichtsdidaktischen Theorie über die Empirie zur Unterrichtspraxis“ der Konferenz für Geschichtsdidaktik, an der Universität Hamburg.

Auf der KGD-Tagung „Sprachsensibler Geschichtsunterricht. Von der geschichtsdidaktischen Theorie über die Empirie zur Unterrichtspraxis“ der Konferenz für Geschichtsdidaktik, an der Universität Hamburg hat Annika Stork ein Poster präsentiert mit dem Titel „Perspektivensensibilität innerhalb des Geschichtsunterrichts. Eine Studie mittels funktional-linguistischer und geschichtsdidaktischer Kategorien.“

Tagung "Sprachsensibler Geschichtsunterricht Von der geschichtsdidaktischen Theorie über die Empirie zur Unterrichtspraxis" in Hamburg

„Sprachsensibler Geschichtsunterricht — Von der geschichtsdidaktischen Theorie über die Empirie zur Unterrichtspraxis“. Hamburg, 19.9.2016

Einen Tag vor dem Historikertag veranstaltet der Arbeitskreis „Empirische Geschichtsunterrichtsforschung“ an unserer Fakultät für Erziehungswissenschaft eine eintätige Tagung „Sprachsensibler Geschichtsunterricht — Von der geschichtsdidaktischen Theorie über die Empirie zur Unterrichtspraxis“.

Sprachsensibler_Flyer_1

Sprachsensibler_Flyer_2

Eine weitere Debatte über Geschichtsunterricht und Kompetenzorientierung auf Facebook

Körber, Andreas (15.9.2016): „Eine weitere Debatte über Geschichtsunterricht und Kompetenzorientierung auf Facebook“

Die Beiträge zum Geschichtsunterricht in den Zeitungen werden häufiger — sicheres Zeichen, dass der Historikertag naht.

Gestern beklagte der Vorsitzende des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands, Martin Schulze-Wessel, in der FAZ den Zustand des Geschichtsunterrichts (siehe „Wie die Zeit aus der Geschichte verschwindet“ von Martin Schulze Wessel, FAZ v. 14.9.2016, S. N 4 — nun auch hier verfügbar). Heute antwortete darauf auf Facebook der Vorsitzende der Konferenz für Geschichtsdidaktik, Thomas Sandkühler, mit einer Replik, um deren Abdruck er die FAZ gebeten habe (https://www.facebook.com/thomas.sandkuhler.5/posts/675921962572288; auch hier: https://archivalia.hypotheses.org/59201). Ich habe (als Kommentar zu seiner Replik) ebenfalls dazu Stellung genommen:

 

Vielen Dank für diesen Kommentar, der sehr nötig ist. Mich wundert und ärgert auch, dass an mehreren Stellen der Debatte die allgemeine (fachunspezifische oder an anderen Fächern) entwickelte Kritik an der Kompetenzorientierung als zutiefst neoliberal und nur auf Verwertung ausgerichtet, umstandslos auch die Geschichtsdidaktik übertragen wird („zutiefst ökonomistischen Theorien verpflichtet“, Schulze Wessel). Ob sie für einige oder alle anderen Fächer fraglos gültig ist, kann ich nicht abschließend beurteilen — wenn immer sie zu einem „teaching to the test“ führt, liegt der Verdacht nahe, dass (noch) nicht messbares aus dem Umkreis dessen, was als „Bildung“ gedacht ist, ausgeschlossen wird.
Aber mir ist kein Kompetenzmodell, ja keine Idee von Kompetenzorientierung in der Geschichtsdidaktik bekannt, das in der Tat so begründet wäre.
Vielmehr haben alle mir bekannten Kompetenzmodelle (mir durchaus bemerkenswerten Unterschieden) versucht, den „Auftrag“ der Klieme-Kommission ernst zu nehmen, den Bildungsbeitrag des jeweiligen Faches unreduziert aus der Tradition und/oder Theorie der Disziplin zu bestimmen und „Kompetenzen“ nicht als Reduktionsmodell, sondern als Ausschärfung zu nutzen für eine Orientierung, die vorher mit dem „Geschichtsbewusstsein“ eben auch nicht deutlich strukturiert war (man denke etwa an die Arbeiten von Robert Thorp zur Vielfalt bzw. Unklarheit dessen, was jeweils unter Geschichtsbewusstsein verstanden wurde). Diese Ausschärfung und Konkretisierung ist durchaus unterschiedlich angegangen worden, auch unterschiedlich gut gelungen) und auch weiterhin strittig – aber ein Kotau vor neoliberalem Denken war und ist sie in der Geschichtsdidaktik nicht.
Problematisch waren/sind viel eher (nicht nur) frühe Versuche, mit voreiligem „Umgießen“ inhaltlich definierter Bildungsziele in Kompetenzmodelle und ihre Sprachformen das Fach vor der Entwertung zu schützen (vgl. die Arbeit von Martin Sachse aus dem bayerischen Kultusministerium, der Geschichtsunterricht ohne Kompetenzen als Geschichtsunterricht zweiter Klasse sah). Das war ja auch das Ansinnen des ganz frühen, nur auf der Behördenebene erarbeiteten ersten Entwurfs von Standards, den ein Kollege dann einmal halböffentlich zerriss. Dort wurden in der Tat nur „Inhalte“ als Standards ausgegeben, wo doch durch Kompetenzmodelle unterlegte „performance standards“ die „content standards“ der vorgerigen „input“-Steuerung ergänzen sollten.

Bei Schulze Wessel klingt eben auch an, die Orientierung auf einen „outcome“ (des Könnens und Verfügens über Konzepte etc.) habe alle Inhalte ablösen sollen. Nein, Inhalte (besser: Gegenstände) sollte es natürlich weiter geben, aber _an_ ihnen sollten und sollen eben auch auf neue Gegenstände übertragbare Kompetenzen vermittelt werden. Diese Doppelstruktur hat übrigens gleich 2007 Bodo von Borries in unserem FUER-Band (Körber/Schreiber/Schöner 2007) reflektiert: (inhaltliches) Kerncurriculum UND auf Fähigkeiten etc. gerichtete Kompetenzorientierung miteinander.

Und dass die Kompetenzmodelle darin übereinstimmten, „die der Geschichte eigentlich zugrundeliegende Kategorie des Gewordenseins, die sich nur in langen zeitlichen Zusammenhängen aufspüren lässt, zugunsten von funktionalen Betrachtungen der Geschichte partiell oder ganz aufzugeben“ ist wohl auch einem grundlegenden Missverständnis der Kompetenzorientierung geschuldet: Ihr (zumindest unserem Kompetenzmodell) geht es gerade darum, die zeitlichen Kategorien (gerade auch die der Gewordenheit) nicht implizit im lediglich dargestellten Narrativ zu belassen, sondern Ketagorien dieser Art, die Geschichte als besondere, zeitreflexive Denkleistung erst konturieren, explizit zum Gegenstand des unterrichtlichen Nachdenkend und Lernens zu machen. Auch die „Anachronismusfalle“ lässt sich recht eigentlich nur nur und nicht einmal vornehmlich dadurch vermeiden, dass man die Kenntnis des Vorherigen hat – die braucht es unbedingt — aber es braucht auch eine Reflexion über das Konzept des Anachronismus und seiner Alternativen, nämlich der Übertragbarkeit von historischen Phänomenen, ihrer Leistungen und Grenzen.
Dann würde man im Übrigen nicht nur die Aufgabe, sich in Otto Wels‘ Lage zu versetzen und darüber nachzudenken, was man an seiner Stelle tun würde, „besser“ vollziehen können, man könnte und müsste auch etwas dazu sagen können, inwiefern diese Aufgabe nur durch Reflexion darauf, dass man sich mit dem „benefit of hindsight“ gar nicht wirklich in seine Lage versetzen kann, sondern immer nur hypothetisch in Kenntnis des Späteren darüber nachdenken kann. Das wäre dann in der Tat ein Ausdruck historischer Kompetenz – mit kategorialen Argumenten eine gestellte Aufgabe nicht nur auszuführen, sondern über die Implikationen der Aufgabe nachdenken zu können und in der Antwort vielleicht gerade nicht nur aus der Perspektive von Wels zu antworten, sondern in Reflexion auf diese zur rekonstruierbare Perspektive.

Ein interessanter Unterrichtsbericht: Philippe Weber: "Die Geschichte der Enzyklopädie weiterschreiben"

Einen wirklich interessanten und anspruchsvollen, dabei im sehr positiven Sinne kompetenzorientierten Unterricht (ohne die Kompetenzmodelle explizit zu nutzen) berichtet Philippe Weber im Blog des Arbeitskreises „Digitaler Wandel und Geschichtsdidaktik“: „Die Geschichte der Enzyklopädie weiterschreiben“.

Posterbeitrag

Seidl, Patrizia; Körber, Andreas (2016): Developing students‘ expertise for history teaching in inclusive settings by combining history and special needs expertise in developing scaffolds for history teaching.

Poster auf der Tagung “4th International Conference on Inclusion“ 8./9. Juli 2016, Bergische Universität Wuppertal. https://www.inclusion.uni-wuppertal.de/de/abstracts/poster-presentation/developing-students-expertise-for-history-teaching.html.

Seidl, Patrizia; Körber, Andreas (2016): Developing students‘ expertise for history teaching in inclusive settings by combining history and special needs expertise in developing scaffolds for history teaching.

Poster auf der Tagung  “4th International Conference on Inclusion“ 8./9. Juli 2016, Bergische Universität Wuppertal. https://www.inclusion.uni-wuppertal.de/de/abstracts/poster-presentation/developing-students-expertise-for-history-teaching.html.

 

"Historytelling" — eine Fortsetzung der Diskussion mit Thomas Hellmuth

Körber, Andreas (9.7.2016): „‚Historytelling‘ — eine Fortsetzung der Diskussion mit Thomas Hellmuth.“

Vor einigen Tagen hat Thomas Hellmuth auf Public History Weekly einen Beitrag geschrieben („Ein Plädoyer für ‚Historytelling‘ im Unterricht„), auf den sowohl Lindsay Gibson als auch ich geantwortet haben. Eine erneute Replik des Autors war offenkundig als Schluss der Debatte gedacht, denn es gibt kein weiteres Kommentarfeld mehr.

Dieser Schluss der Debatte ist misslich, denn die Replik Hellmuths fordert durchaus zu weiterer Auseinandersetzung auf. Ohne diese Debatte hier nun in eine unnötige Länge ziehen zu wollen, möchte ich doch auf einige wenige Punkte erneut eingehen:

  • Gegen den Einbezug vielfältiger Methoden der Produktion und Analyse von Narrationen in den Geschichtsunterricht ist nichts zu sagen. In der Tat hat Hellmuth Recht, wenn er hier noch Potential sieht. Allerdings wirft seine Replik wie der ursprüngliche Beitrag durchaus problematische Fragen auf.
  • Zunächst: Zur von Hellmuth beklagten strikten „Trennung“ von Re-Konstruktion und De-Konstruktion im FUER-Modell ist zu sagen, dass das FUER-Modell gerade keine strikte unterrichtliche Trennung in Phasen fordert, in denen entweder nur das eine oder das andere thematisiert, geübt etc. werden dürfte. Dieser Aussage liegt offenkundig ein Missverständnis des Kompetenzmodells als auch seines Modellcharakters zugrunde: Das Modell unterscheidet „Kompetenzen“ (Fähigkeiten, Fertigkeiten und Bereitschaften), nicht sauber voneinander zu trennende Phasen oder Schritte. Die tatsächliche Auseinandersetzung, der konkrete Lernprozess verläuft oft wenig systematisch, wie ja auch der Forschungsprozess der Historiker in der Realität nicht dem Kreislaufmodell Rüsens folgt — etwa in der Form eines einmaligen nacheinanderfolgenden Durchlaufens der einzelnen Schritte vom Orientierungsbedürfnissen über die Aktivierung leitender Hinsichten zur methodisierten Zuwendung zur Vergangenheit und danach zur Darstellung. Nein, das Leben ist unsystematisch. Gerade deshalb ist aber die analytische Unterscheidung der Operationen so wichtig, dass man (im besten Falle) immer weiß, was man gerade tut; ob man also gerade selbst synthetisch-konstruktiv neuen Sinn bildet oder den in einer Narration enthaltenen Sinn herausarbeitet; in weniger systematischen Situationen (wo man eine Geschichte liest, neue Fragen entwickelt, niederschreibt, mit neuen, eigenen Ideen weiterliest etc.) sollte man sich mit Hilfe dieser Unterscheidungen klar machen können, welchen Status das eigene Tun gerade hat, usw. Auch bei „Storytelling“ in Form einer kreativen wie analytischen Beschäftigung mit fremden und neuen eigenen Geschichten hat diese Unterscheidung also durchaus ihren Sinn.
  • Wichtiger aber ist, dass Hellmuth in seiner Replik meine Skepsis gegenüber seiner Auffassung, es sei nicht problematisch, wenn erfundene Geschichten als „wahrer“ empfunden würden, nicht argumentativ aufgreift, sondern lediglich mit Hilfe einiger Zitate bekräftigt und in leicht ironischem Ton meine Skepsis gegenüber einer Überschreitung einer roten Linie kommentiert.
    Dazu sei klargestellt, dass ich die „rote Linie“ nicht dort überschritten sehe, wo mit fiktionalen Texten gearbeitet wird und Schüler auch solche erfinden sollen, wohl aber, wenn die „Wahrheit“ solch erfundener Texte nicht untersucht, analysiert und reflektiert wird – und zwar mit Bezug auf die erkenntnistheoretischen Standards der Geschichtswissenschaft -, sondern wo sie eher affirmiert werden.Die von Hellmuth angeführten Autoritäten Jorge Semprun, Ruth Klüger und José Saramago helfen in dieser Frage gerade nicht weiter. Nicht, dass die von ihnen angeführte „Wahrheit“ der erfundenen Geschichten keine wäre – aber sie hat doch einen anderen Status. Eine eindimensionale Unterscheidung zwischen „unwahr“ – „wahr“ – „wahrer“ greift hier nicht, vielmehr ist das Konzept der Wahrheit differenzierter zu analysieren und anzuwenden – gerade auch, wenn es um Lernsituationen geht.
    Wenn die Forderung Hellmuths nun darauf ginge Wharheitsansprüche, mit Hilfe von Objektivitäts-, oder besser Plausibilitäts-Kriterien (Rüsen 2013) zu analysieren (um nicht den älteren Begriff der Triftigkeit zu benutzen), so dass Schülerinnen lernen zu differenzieren, dass Geschichten durchaus in unterschiedlichem Maße empirisch, normativ und narrativ triftig sein können, und wie dann auch empirisch weniger triftigen Geschichten narrative Plausibilität eignen kann — dann wäre alles in Ordnung. Die Assertion, dass solche Geschichten einfach „wahrer“ sein können, hilft allerdings nicht.
    Die von Hellmuth angeführten Autoritäten sind aber auch noch in anderer Hinsicht problematisch in diesem Zusammenhang. Zumindest bei Semprún und Klüger, aber auch bei Sáramago (zumindest in seinen Soldados de Salamina) bezieht sich die besondere, erhöhte Wahrheit zumindest partiell auch darauf, dass diese fiktionalen Geschichten eine „Wahrheit“ auszudrücken vermögen, die „trockene“, kognitivistische Geschichtswissenschaft nicht leisten kann, weil sie mit der biographischen und generationellen Erfahrung dieser Autoren in besonderer Weise aufgeladen sind. Es geht hier ganz offenkundig um die Wahrheit der totalitären Erfahrung von Leid und Unmenschlichkeit, die eben nicht einfach wissenschaftlich erfasst und intersubjektiv vermittelt werden kann.
    Ist nun aber dieser Modus der „Wahrheit“ ebenso einfach auch Geschichten zuzugestehen, die Schülerinnen und Schüler (gleich welchen familienbiographischen und/oder kulturellen bezuges) zu Gegenständen des Geschichtsunterrichts „erfinden“ – wie es bei Hellmuth offenkundig gemeint ist? Können sie auch diese Form der Wahrheit beanspruchen? Wenn in solche Geschichte existentielle Bedürfnisse, Perspektiven etc. einfließen, dann sicher. Aber gilt es auch für Geschichten, die sich Schülerinnen und Schüler zu historischen Themen im Unterricht ausdenken? Kann solche Art Wahrheit durch didaktische Planung gesichert, hergestellt werden? Ist ein unterrichtliches „Historytelling“ zu distanten Gegenständen einfach so dieser literarisch-existentiellen Form der narrativen Wahrheit zu vergleichen?
  • Das nun ist eine der wesentlichen Herausforderungen der Beschäftigung mit Narrativität: Schüler können, nein: müssen lernen, dass und wie literarische und historische „Wahrheit“ sich aufeinander beziehen können, auch auch, dass sie sich unterscheiden. Unterrichtlich ist also nicht die Frage zentral, ob von Schülern erfundene Geschichten „wahr“ sein können, sondern die Thematisierung der Art und Weise und des (perspektivisch durchaus unterschiedlichen) Grades, wie sie „wahr“ oder besser: plausibel sind — und wem gegenüber diese Plausibilitäten einen Anspruch auf Geltung beanspruchen können.

Insgesamt also: Nichts gegen „Historytelling“ — aber doch als Mittel zur Reflexion über die Gemeinsamkeiten udn Unterschiede, über die Prinzipien und Kriterien von „Wahrheit“ im historischen und im literarischen Bereich.