Absolutismus, Merkantilismus und die anderen "didaktischen Selbstläufer"

Körber, Andreas (6.-11.2010): „Absolutismus, Merkantilismus und die anderen "didaktischen Selbstläufer"“

Wer die Debatte um die Bildungsstandards des Geschichtslehrerverbandes verfolgt hat, der weiß, dass einer der Kritikpunkte an der dortigen „gegenstandsbezogenen Sachkompetenz“ auch war, dass das Wissen von historischen „Fakten“ und Interpretationen als eigene Kompetenz definiert wurde — und dass dies an einigen Beispielen stark kritisiert wurde.
Das galt etwa für das Wissen über „den Absolutismus“, das trotz der in den letzten Jahren in der Forschung sich durchsetzenden Einsicht, dass der Begriff nicht nur keinen klar abgrenzbaren und definierten historischen Sachverhalt bezeichnet, sondern dass er als historischer (aus der Retrospektive einen vergangene Komplex bezeichnender) Begriff selbst problematisch ist, weshalb er zunehmend vermieden wird.
Von Schülerinnen und Schülern zu verlangen, „den Absolutismus“ erläutern zu können, ist also nicht nur inhaltlich sehr problematisch, sondern erweist sich als das Gegenteil von Kompetenz.

Meine Position dazu lautet (ganz im Einklang mit unserem „FUER“-Verständnis von Kompetenzen und ihren Niveaus), dass die Konsequenz daraus aber nicht lautet dürfe, den Begriff nunmehr gar nicht mehr zu verwenden, ihn Schülerinnen und Schülern gar vozuenthalten oder gegen einen neuen, weniger inkriminierten auszutauschen. „Kompetent“ würden Schüler erst dadurch, dass sie zwar diesen Begriff weiterhin erwürben — aber nicht als Teil eines historischen „Gegenstandes“ oder auch nur (sub-optimale) Bezeichnung dafür, sondern als Terminus, der auf ein Konzept verweist, mit dem sich Historiker (und Gesellschaften) einen Reim auf ihre (Er-)Kenntnisse über die betreffende Zeit gemacht haben (Sinn gebildet haben). Das ist weiterhin nötig, weil die Gesellschaft (und die Historiker) diesen Begriff ja durchaus früher benutzt haben (ud auch heute noch weiterhin benutzen), und Schülerinnen damit umgehen können müssen. Kompetenz besteht eben nicht in Wissen (allein),1 sondern in der Verfügung über Konzepte, methoden, Einsichten u.s.w. — mitsamt ihrer Reflexion (elaboriertes Niveau). Ob die Formulierungen in der Neufassung der „Bildungsstandards“, und die Lösung, ihn in Anführungszeichen zu schreiben, dem schon gerecht wird, muss hier nicht beurteilt werden.

Daniel Eisenmenger verweist in seinem Blog „Medien im Geschichtsunterricht“ (der sich dankenswerterweise keineswegs nur mit Medien beschäftigt) nun auf einen Artikel von Harald Neifeind in edumeres, in welchem dieser die Darstellung des „Merkantilismus“ in einem Schulbuch kritisiert und daran grundlegende Überlegungen anküpft über den Prozess, indem sich solche Konzepte vergegenständlichen und verselbstständigen. Eisenmenger schreibt:


Im Kern trifft hier dasselbe zu, wie beim Absolutimus. Eine Gleichsetzung von Ideen bzw. Ansprüchen und Wirklichkeit. Neifeind spricht in Bezug auf das geläufige Schaubild von einem “didaktischen Selbstläufer”. Das ist etwas dran und man könnte noch eine Reihe anderer Beispiele nennen. Die Frage ist nur warum. Weil die Schaubilder so einfach, klar und eingängig sind? Warum werden so eklatante, grundlegend falsche und in diesem Fall sogar in sich widersprüchliche Darstellungen immer wieder in Schulbüchern (und damit auch zumeist in den Köpfen der Lehrer und je nach Wirkung des Unterricht auch in denen der Schüler) reproduziert? Kreiert das Lehren und Lernen in der Schule eine eigene historische Darstellung? Selbstverständlich gibt es eine gewisse Verzögerung in der Vermittlung neuer historischer Erkenntnisse von der Wissenschaft in die Schule, aber die im Beitrag kritisierte Merkantilismus-Rezeption ebenso wie die Absolutismus-Kritik der Geschichtswissenschaft sind ja beileibe keine neuen Erkenntnisse (vgl. auch die schon stark angestaubten Standardwerke mit denen Neifeind die Darstellung im Schulbuch abgleicht).

EIn weiteres Beispiel also dafür, dass es beim historischen Lernen nicht darum gehen kann, das jeweils für „richtig“ erachtete Wissen der Wissenschaft an die Schülerinnen und Schüler zu bringen – bzw. dasjenige, was Lehrplan- und Schulbuchmacher, die ja nicht allen Detaildiskussionen der Forscher folgen klnnen, für richtig halten, sondern dass es in der Elaboration der Fähigkeit geht, mit historischen Begriffen als Werkzeugen des Denkens umzugehen, und dabei auch immer zwischen Institutionen, Diskursen etc. zu vermitteln, übersetzen, vergleichen etc.

  1. Vgl. dazu demnächst Körber, Andreas (2010): „Kompetenzorientierung versus Inhalte .“ In: Schulmanagement 6/2010, S. 8-11 []

Öffentliche Veranstaltung "Kompetenzorientierung und Aufgabenkultur"

Kompetenzorientierung und (neue) Aufgabenkultur
Herausforderungen und Anregungen für den Geschichtsunterricht

Referenten und Workshop-Themen:

  • Prof. Dr. Renate Girmes (Allgemeine Didaktik; Universität Magdeburg): “Aus Geschichte/n lernen: Aufgaben und Kompetenzen in einem ‚bildenden‘ Geschichtsunterricht. Zur allgemeinen Bestimmung des Konzepts der Aufgabe und seiner Relevanz für die Konzeption von Lehren und Lernen in posttraditionalen Gesellschaften.”
  • Prof. Dr. Johannes Vollmer (Didaktik der englischen Sprache; Universität Osnabrück): “Aufgabenkultur und Kompetenzen – Erfahrungen der Fremdsprachendidaktiken mit “task based learning” und Kompetenzmessung als Herausforderung für historisches Lernen.”
  • Prof. Dr. Birgit Wenzel (Geschichtsdidaktik, TU Berlin): “Differenzierende Aufgabenstellungen und Portfolio als Leistungsnachweis.”
  • Dr. Werner Heil (Fachleiter Geschichte, Studienseminar Stuttgart; Dozent Geschichtsdidaktik, Universität Stuttgart): „Kompetenzorientierte Aufgabenstellungen im Geschichtsunterricht – „Inhaltliche, kategoriale und freie Kompetenzüberprüfungen im Geschichtsunterricht.“
16.00 Anna-Siemsen-Hörsaal Begrüßung Prof. Dr. Andreas Körber
16.30 Impulsvorträge zu den Workshops Prof. Dr. Renate Girmes

Prof. Dr. Johannes Vollmer

Prof. Dr. Birgit Wenzel

Dr. Werner Heil

17.30 Pause
18.00 Seminarräume

(voraussichtlich 06, 105, 106, 207)

Parallele Workshops Prof. Dr. Renate Girmes

Prof. Dr. Johannes Vollmer

Prof. Dr. Birgit Wenzel

Dr. Werner Heil

19.30 Anna Siemsen-Hörsaal Plenum: Berichte aus den Workshops und Gedanken zur Weiterarbeit Moderation:

Dr. Johannes Meyer-Hamme (angefragt)

20.00 Ende der öffentlichen Veranstaltung

Anmeldung zur Teilnahme bitte bis 22.10.2010 an über das Formular oder an

Universität Hamburg, Fakultät EPB; AB Geschichtsdidaktik; Frau Aschberg (Sekretariat):

E-Mail: i8@erzwiss.uni-hamburg.de

Die Veranstaltung wird unterstützt vom ZLH Hamburg und dem Verein IEA Hamburg e.V.

Stellenausschreibung

Am Arbeitsbereich Geschichtsdidaktik ist ab sofort die Stelle einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin/eines wissenschaftlichen Mitarbeiters der Entgeltgruppe 13 TV-L mit der Hälfte der regelmäßigen Arbeitszeit (19,5 Stunden wöchentlich) zu besetzen.

Die Stelle wird auf drei Jahre, längstens für die Amtszeit des Inhabers der Professur als Prodekan befristet.*

Die Befristung des Vertrages erfolgt auf der Grundlage von § 2 Abs. 1 Wissenschafts-zeitvertragsgesetz. Die Universität strebt die Erhöhung des Anteils von Frauen am wissenschaftlichen Personal an und fordert deshalb qualifizierte Frauen nachdrücklich auf, sich zu bewerben. Frauen werden im Sinne des Hamburgischen Gleichstellungsgesetzes bei gleicher Qualifikation vorrangig berücksichtigt.

Aufgaben:
Zu den Aufgaben einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin/eines wissenschaftlichen Mitarbeiters gehören wissenschaftliche Dienstleistungen vorrangig in der Forschung und der Lehre.

Aufgabengebiet:

  • Unterstützung und tlw. Vertretung des Arbeitsbereichsleiters in Forschung und Lehre am Arbeitsbereich Geschichtsdidaktik
  • Selbstständige Lehre im Bereich der Geschichtsdidaktik und Erziehungswissenschaft in den BA- und MA-Studiengängen, v.a. des Lehramts sowie im Rahmen schulischer Praktika
  • selbstständige Forschung und Entwicklung im Bereich der Geschichtsdidaktik
  • Unterstützung bei der Geschäftsführung des Arbeitsbereichs
  • Beteiligung an Projekten des Arbeitsbereichs.

Einstellungsvoraussetzungen:

  • Abschluss eines den Aufgaben entsprechenden Hochschulstudiums:

Wünschenswert:

  • „Gut“ oder besser abgeschlossenes Erstes Staatsexamen für ein Lehramt mit dem Unterrichtsfach Geschichte Abschluss des Vorbereitungsdienstes in einem einschlägigen Lehramt „Gut“ oder besser abgeschlossenes zweites Staatsexamen für ein Lehramt mit dem Unterrichtsfach Geschichte Abgeschlossene einschlägige Prädikats-Promotion in Erziehungswissenschaft oder Geschichtswissenschaft
  • Nachgewiesene vertiefte Kenntnisse in geschichtsdidaktischer Theorie und Forschung, besonders in den Bereichen der Analyse narrativer Strukturen und in der Kompetenz- und Standard-Diskussion und –Forschung; Fähigkeiten in der selbstständigen Anwendung qualitativer und/oder quantitativer Forschungsmethoden und in der Anwendung entsprechender Auswertungssoftware (z.B. MaxQDA, SPSS). Sehr gute Sprachkenntnisse: Englisch in Wort und Schrift

Schwerbehinderte haben Vorrang vor gesetzlich nicht bevorrechtigten Bewerberinnen /Bewerbern gleicher Eignung, Befähigung und fachlicher Leistungen.
Bewerbungen mit den üblichen Unterlagen (Bewerbungsschreiben, tabellarischer Lebenslauf, Hochschulabschluss werden bis zum 18.10.2010 erbeten an:
Prof. Dr. Andreas Körber, Universität Hamburg, Fakultät Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft, Von-Melle-Park 8, 20146 Hamburg
Für nähere Informationen wenden Sie sich bitte an Prof. Dr. Andreas Körber, Tel.: 040/ 42838-4178 oder per Mail Andreas.Koerber.uni-hamburg.de
* gem. §§ 27, 28 Hamburgisches Hochschulgesetz

Eine PDF-Fassung der Ausschreibung finden Sie hier.

Kompetenzorientierung und Leistungsmessung

Auf dem Historikertag in Berlin, an dem ich wegen eines Projektseminars nicht teilnehmen konnte, ist in einer didaktischen Sektion zur „Urteilskompetenz“ auch der Zusammenhang zwischen Kompetenzorientierung und Leistungsmessung thematisiert worden. Hier ein Bericht im Historikertags-Blog in Scienceblogs.
Angesichts der oft zu beklagenden Reduktion von Kompetenzen auf die Fähigkeit, vorgegebene Aufgaben zu lösen, indem vorher festgelegte Lösungen gefunden werden, die durch eine quantitative Operationalisierung von „Kompetenzen“ begünstigt wird (vgl. dazu meinen skeptischen Beitrag), ist dies einer der wichtigsten Beustellen der gegenwärtigen Didaktik.
Daz gehört dann aber auch, dass konsequent zwischen „Leistungsmessung“ und „Kompetenzdiagnostik“ unterschieden wird und ihr Zusammenhang explizit zu bestimmt wird.

Neuer Artikel zur Frage Kompetenzen versus Inhalte im Geschichtslernen

Körber, Andreas (2010): “Kompetenzorientierung versus Inhalte.” In: Schulmanagement 6/2010, S. 8-11.

Ein kurzer Artikel in Heft 6 (2010) der Zeitschrift Schulmanagement, um den ich gebeten wurde, hinterfragt die Entgegensetzung von „Inhalten“ und „Kompetenzen“:

Körber, Andreas (2010): “Kompetenzorientierung versus Inhalte.” In: <a href=“http://www.oldenbourg-klick.de/zeitschriften/schulmanagement/2010-6″>Schulmanagement 6/2010</a>, S. 8-11. Er ist auch verfügbar bei pedocs: < href=“http://www.pedocs.de/volltexte/2014/9596/pdf/Schulmanagement_2010_6_Koerber_Kompetenzorientieung_vs_Inhalte.pdf“>http://www.pedocs.de/volltexte/2014/9596/pdf/Schulmanagement_2010_6_Koerber_Kompetenzorientieung_vs_Inhalte.pdf</a>

Was können Schüler in Geschichte beim Abitur? Neue Untersuchung mit Stellungnahmen zur Kompetenzorientierung

Die FAZ berichtet über die neue Untersuchung von Bernd Schönemann u.a. über Aufgabenstellungen und Bearbeitungen in Abituraufgaben in NRW.

Ich habe die Studie noch nicht selbst vorliegen. Sie gehört aber sicher zur Pflichtlektüre der nächsten Wochen.

Neue "nationale Bildungsstandards" des Geschichtslehrerverbandes

Auf dem 48. Historikertag in Berlin werden die überarbeiteten Bildungsstandards des Geschichtslehrerverbandes vorgestellt (vgl. zur Berichterstattung; auf der Webseite des Geschichtslehrerverbandes findet sich noch die erste Ausgabe von 2007). Man darf gespannt sein, ob sich am Konzept etwas geändert hat, oder vielmehr Einzelheiten nachgebessert wurden.

Kompetenzorientierung und Diagnostik auf dem Weg in die Schule (?)

Immer wieder finden sich auch im Netz Dokumente, die zeigen, wie die Debatte um Kompetenzorientierung und Kompetenzdiagnostik in den Schulsystemen der Länder, d.h. in Studienseminaren, Fortbildungsinstitutionen und Fachkonferenzen „umgesetzt“ wird.
Das kann angesichts des ja noch keineswegs in irgendeiner Art abgeschlossenen Stands der Debatte nur bedeuten, dass Konkretisierungen, Bezüge auf Themen, Kleinarbeitungen, Zusammenstellungen und -fassungen, aber eben auch argumentative Fortführungen gleichzeitig, neben- und ineinander verschränkt zu finden sind. Es ist die Fortführung der Debatte auf anderen Ebenen – eigentlich auch ein Ausweis dessen, dass die oft beklagte Spaltung zwischen akademischer Geschichtsdidaktik einer- und „Schule“ andererseits gar nicht existiert. Auch Werner Heils Buch „Kompetenzorientierter Geschichtsunterricht“ Stuttgart 2010 (und seine Person als Didaktikdozent an der Schule, Fachseminarleiter und Geschichtslehrer) sind Ausweis dieser „Ebenen“-übergreifenden Denkanstrengung.
Das müsste eigentlich verstärkt werden.

Hier kann aus Zeitgründen keine vollständige Zusammenstellung der betreffenden Dokumente geleistet werden – aber ein Anfang sei gemacht. Ich hoffe, das immer wieder mal zu ergänzen. Wer mich auf weitere solche Dokumente hinweisen mag, sei herzlich dazu eingeladen.

  1. Präsentationen, Konzeptpapiere etc.
    1. Scherer, Gabriella (2006): Förderung von historischen Kompetenzen im Geschichtsunterricht Nemzeti Tankönyvkiadó. Ungarn (PowerPoint)
    2. Gausmann, Frank (2008): „Kompetenzorientierung im Geschichtsunterricht.“ Überlegungen, vorgestellt auf der Fachkonferenz Geschichte der LTS Biedenkopf am 11.02.08.. Gausmann ist Fachleiter für Geschichte am Studienseminar für Gymnasien Marburg. Allgemeine Überlegungen zum Wandel von Inhalts- zur Kompetenzorientierung. Benutzt vor allem das Kompetenzmodell von Michael Sauer und Franziska Conrad.
    3. Baden-Württemberg, Landesakademie für Fortbildung und Personalentwicklung an Schulen; ZPG Geschichte (6.11.2009): Vortrag „Diagnosekompetenz im Fach Geschichte fördern“ (Akademie Bad Wildbad; 6.11.2009). Bietet vor allem eine Gegenüberstellung der Graduierungs-Konzeption unseres Kompetenzmodells und der Entwicklungs-Konzeption von Dagmar Klose sowie einen Versuch, beide zu verbinden. Leider nur die PowerPoint-Fassung (und ohne Nennung der Autorennamen).
    4. Janik, Tilman(Seminar Stuttgart); Wypior, Cajus (Seminar Heilbronn) (2010): Kompetenzorientierter Geschichtsunterricht.. Bietet auf drei Plakaten eine Zusammenfassung der FUER-Modells und eine Verbindung zu spiralcurricularem Vorgehen mit Blick auf das fächerübergreifende Erreichen „übergreifender“ Kompetenzen.
  2. Unterrichtsmaterialien
    1. Hohmann, Franz (Hrsg.; 2009): Arbeitsblätter für den kompetenzorientierten Geschichtsunterricht. Bd. 1:
      Von der Frühgeschichte bis zum Frühmittelalter.
      Bamberg: CC Buchner Verlag; 72 S.; ISBN 978-3-7661-4506-2
      . Ich habe den Band noch nicht in Händen gehabt, kann also noch nicht sagen, welches Konzept von Kompetenzorientierung ihm zu Grunde liegt und wie sinnvoll das ist.

Wieder Diskussion zum "chronologischen Geschichtsunterricht"

Zur Zeit findet anlässlich einer Umstrukturierung des Lehrplans in Brandenburg eine weitere Runde der Diskussion um die Rolle der Chronologie im Geschichtsunterricht statt. Infrage steht wieder einmal (und immer zu Recht), ob die Chronologie als Gesichtspunkt für die Anordung der Gegenstände/Themen im Geschichtsunterricht unverzichtbar (weil ‚in der Natur der Sache liegend‘), bei Vorliegen besserer Kriterien verzichtbar, zu ergänzen oder gar problematisch und zu überwinden ist.
Geführt wird die Debatte unter anderem in den Blogs „weblog.histnet.ch“ von Peter Haber und „Medien im Geschichtsunterricht“ von Daniel Eisenmenger.
Mir scheint, dass dabei zwar nicht unbedingt sehr neue Argumente zur Sprache kommen, aber angesichts der Herausforderung durch die Kompetenzorientierung manches doch einen beachtenswerten neuen Aspekt gewinnt. Das ist zum Beispiel der Fall im bislang letzten Beitrag von Daniel Eisenmenger unter dem Titel „Postmoderne Beliebigkeit“.

Allerdings thematisiert die Debatte das Problem wohl in grundsätzlicherer Form als die Bildungsadministration in Brandenburg bei der auslösenden Entscheidung. Wenn stimmt, was Daniel Eilsenmenger in einem älteren Beitrag der Debatte („Weg vom chronologischen Durchgang“) anführt, dass im dortigen Lehrplan die Chronologie als Ordnungsprinzip aufgegeben wurde, damit Schülerinnen und Schüler früher als bisher Geschichtsunterricht über die DDR erhalten können (begründet wird das demnach mit dem zu geringen Wissen um die DDR).

Derartiges ist nicht neu. Vor vielen Jahren hat Hamburg zum Beispiel die Lehrpläne so geändert, dass der Nationalsozialismus bereits in der 9. Klasse eingeordnet ist, so dass kein Schüler ohne die Behandlung dieses Themas die Schule verlässt.

Wenn die Chronologie nur zu diesem Zweck und in diesem Falle aufgegeben werden sollte („Vorziehen“ dieses Themas), dann wäre das durchaus problematisch, bedeutete es doch keine Abkehr von der Chronologie, sondern vielmehr ihre Bestätigung für den „Rest“ der Geschichte – und ihre Delegitimierung.

Wenn aber die Einsicht, dass dieses Thema auch für die jüngeren Schüler bereits so relevant ist, dass seine schulische Behandlung auch für sie ermöglicht werden muss, dann kann, ja muss das der Ansatz sein, über die Chronologie grundsätzlich nachzudenken, und andere Kriterien zu suchen. Eisenmenger formuliert eine Möglichkeit:

An die Stelle der chronologischen Ordnung als Rahmen des Unterrichts träte ein Perspektivwechsel, der es erlaubt, den Geschichtsunterricht auf den Vorstellungen und Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler aufzubauen. Das wäre ein Geschichtsunterricht, der von den Kindern und Jugendlichen ausgeht – obwohl ich das als oft hohle Phrase aus dem erziehungswissenschaftlichen Teil des Studiums nicht schätze, trifft es dies wohl am besten – und bei dem die Chronologie nicht mehr den Unterrichtsgang vorstrukturiert sondern zur Ordnungskategorie und Orientierungshilfe auf der Ebene der einzelnen Themenbereiche wird.

Das wäre sehr sinnvoll:
Ein Geschichtsunterricht, der an den Deutungs-Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler ansetzt, an den ihnen in ihrer Gegenwart begegnenden Geschichts-Debatten, und sie befähigt, sich selbst ein Urteil darüber zu bilden – und zwar sowohl über die „Realgeschichte“ (=“Re-Konstruktion“) wie auch über unterschiedliche Darstellungen und Beurteilungen derselben („De-Konstruktion“). So würden die Lernenden befähigt, selbst an dieser Deutungsgesellschaft teilzuhaben.

Aber wie es scheint, liegt die Sache durchaus anders. Die Begründung für den früheren Ansatz dieses Themas sei nämlich, so Eisenmenger in einem anderen Beitrag, der Befund, dass die Schüler so wenig über die DDR-Geschichte wüssten. Im Hintergrund stehen wohl (auch) die (empirisch schlecht abgesicherten) Befunde von Schroeder/Deutz-Schroeder und die daraus entstandene Diskussion. Dort allerdings wird (ohne den allgemeinen Befund, Schüler wüssten „zu wenig“ zu entwerten) „Wissen“ vornehmlich mit dem Verfügen über eine bestimmte Deutung gleichgesetzt. Schüler müssten wissen, dass die DDR ein Unrechtsstaat war. Es geht dann weniger darum, sie zu befähigen, die Validität (anhand von Sachurteilen) und die Konnotationen und Implikationen dieses Werturteils zu prüfen.

Trägt der Beutelsbacher Konsens eigentlich noch? Wenn der Ansatzpunkt für einen derart schülerorientierten Geschichtsunterricht ist, dass die DDR-Geschichte in Wissenschaft und Lebenswelt umstritten ist, dann müssen auch die kontroversen Urteile darüber vorkommen, analysiert werden, und unterschiedliche eigene Urteile erlaubt sein – etwa dass ein Schüler zu dem Urteil kommt, dass der Begriff „Unrechtsstaat“ in dem Sinn anwendbar sei, dass die DDR gerade kein Rechtsstaat gewesen sei, und dass oftmals das Justizwesen gegen elementare Rechtsgrundsätze verstoßen hat, dass aber eine Deutung, das ALLES in der DDR grundsätzlich Unrecht gewesen sei, dass es „kein Richtiges Leben im Valschen“ gegeben habe, weniger zuträfe. Ebenso muss aber auch die andere Auffassung möglich sein.
Ob das allerdings schon in niederen Klassen so erreicht werden kann, ist durchaus offen. Wenn es angestrevt würde, wäre es in Fortschritt. Es dürfte nicht darum gehen, die Jugendlichen im Sinne der liberal-freiheitlichen Ordnung zu indoktrinieren. So richtig und notwendig diese ist, so wenig eignet sie sich dazu, per administrativ und pädagogisch hoheitlicher Autorität vorgegeben zu werden. Gerade das Nachdenken auch über die jeweils anderen Urteile zeichnet doch die Freiheit aus.

Aus dieser Überlegung entsteht dann durchaus der Bedarf, den Geschichtsunterricht anders aufzubauen. Es müsste etwa zunächst (in niederen Klassen) darum gehen, mit elementaren Ordnungs- und Begriffssystemen umgehen zu lernen, um in späteren Phasen an anderen, aber immer wieder auch an wiederkehrenden Themen (Spiralcurricular) zur Reflexion der Urteile und der Urteilsgrundlagen zu gelangen.

Kurzum:
Es erscheint dringend nötig, dass Schülerinnen und Schüler mehr und besser über die DDR-Geschichte lernen, dass die Fragen von Recht und Unrecht, Tätern und Opfern, Diktatur- und Unrechtscharakter, von Demokratie- und Menschenrechtsverständis(sen) (im Plural!) und weitere thematisiert werden; dass Zeitzeugen und ihre Erfahrungen einbezogen werden. Das ist hier nicht anders als beim Gegenstand Nationalsozialismus und Holocaust. Jegliche Verkürzung auf das Lernen vorgegebener Urteile wäre dabei aber kontraproduktiv.

Fremdverstehen und Perspektivität im Geschichtsunterricht

Körber, Andreas (26.7.2010): „Fremdverstehen und Perspektivität im Geschichtsunterricht“

Das Konzept des „Fremdverstehens“ spielt in der Geschichtsdidaktik wie in der Fremdsprachendidaktik eine Rolle – Grund genug, über das Verhältnis der gleich lautenden Konzepte beider Fachdidaktiken nachzudenken.
Beim Fremdsprachenlernen ist das Konzept offenbar Teil einer moderneren Didaktik, welche sich nicht allein auf den Spracherwerb (im Sinne von „langue“) konzentrieren will, sondern Kommunikationsfähigkeit im weiteren Sinne in den Blick nimmt. Im Zuge dieser Orientierung wurden offenbar die einer älteren Tradition (gerade auch des Denkens in National-Kulturen) verhafteten Anteile von „Landeskunde“ überführt in einer modernerer Kulturtheorie und-wissenschaft entsprechenden Konzepte interkulturellen Lernens. Es geht demnach im engeren Sinne des (fremd-)sprachlichen Kompetenzerwerbs um die Befähigung der Lernenden, nicht nur aktiv und passiv korrekt ‚die fremde Sprache‘ zu benutzen, sondern die sich in ihr ausdrückenden und von ihr mit geprägten kulturellen Perspektiven auf Welt zu verstehen. „Fremdverstehen“ ist also in der Fremdsprachendidaktik ein ganz eng mit dem interkulturellen Lernen verbundenes Konzept.
Das gilt auch für die Geschichtsdidaktik. „Fremdverstehen“ ist als Konzept auch hier zunächst (und sehr früh) mit dem Blick auf die Herausforderungen eines Geschichtsunterrichts „in einer kleiner werdenden Welt“ reflektiert worden (Schörken 1980), womit wesentliche Anstöße interkulturellen Lernens vorweggenommen wurde. Dann geriet dieser interkulturelle Fokus ein wenig ins Hintertreffen gegenüber einer Aufwertung des Begriffs in einer anderen Perspektive, nämlich des sozialen Fremdverstehens. Gemeint war die Aufgabe des Geschichtsunterrichts, im Rahmen der Abkehr von einem zunehmend kritisierten, bildungsbürgerlichen und geisteswissenschaftlichen nationalen Geschichtsbildes und der Zuwendung zu sozialgruppenspezifischen Perspektiven und insbesondere einer „Geschichte von unten“, die spezifischen Orientierungsbedürfnisse, Deutungs- und Erklärungsmuster und somit Geschichtsbilder innerhalb der eigenen „Nation“ oder Kultur ernst zu nehmen und anzuerkennen. „Fremdverstehen“ wurde somit zu einem Konzept, das der inneren Kohäsion nicht durch Uniformierung und Vermittlung eines gemeinsamen Geschichtsbildes, sondern geradezu durch Anerkennung der Unterschiede, diente. Erst später ist der Begriff dann im Zuge des (späten) Einstiegs der Geschichtsdidaktik in die Debatte um das „interkulturelle Lernen“ (vgl. Rüsen 1998, Alavi 1998, Alavi/v. Borries 2000; Körber 2001; dazu zuletzt Körber 2010 i.E.) wieder im interkulturellen Sinne aufgegriffen worden.
In dieser Hinsicht besteht offenkundig deutlicher Nachholbedarf, zumindest auf Seiten der Geschichtsdidaktik, die Ergebnisse der Reflexion auch der jeweils anderen Disziplin (vor allem des Graduiertenkollegs „Didaktik des FRemdverstehens“; Bredella & Christ 2007) für sich nutzbar zu machen. Es scheint nämlich so zu sein, dass in beiden Disziplinen partiell durchaus vergleichbare oder zumindest komplementäre Diskussionen und Ergebnisse vorliegen. Das mag etwa für das Konzept der „Perspektivenkoordination“ (Kollenrott 2008, 48) gelten, das für das Fremdverstehen beim Sprachenlernen als höchstes Ziel gehandelt wird. Indem somit gerade nicht die Fähigkeit, quasi die Perspektiven zu „switchen“ und geradezu „in der anderen Kultur“ zu denken, zum obersten Ziel erhoben wird (wie es in der Folge einiger Kulturschocktheorien und Kulturwechseltheorien zuweilen gefordert wurde; vgl. Witte 2006, zit n. Hu 2008; dazu Körber 2010 i.E.), indem also das „mit den Augen der/des Anderen sehen“ nicht als Ziel, sondern als Bedingung erkannt wurde für ein Sehen mit den eigenen Augen (vgl. Dehne 2008, 130), das sich seiner Perspektivik und Perspektive bewusster ist, und als solches die Anderen besser, wenn auch nicht „vollständig“ „versteht“, sind hier ähnliche Erkenntnisse zu erkennen.
Dennoch besitzt der Begriff des Fremdverstehens in der Geschichtsdidaktik mit einigem Recht einen weiteren Ort. v.Borries/Tornow schrieben 2001: „Geschichte ist per se Fremdverstehen – übrigens auch per se interkulturell“ (84). Das kann als eine der üblichen Behauptungen gelesen werden, dem eigenen Fach qua seiner Natur eine besondere Eignung für das gerade hoch gehaltene Bildungsziel (2001 war das das „Interkulturelle“) zu attestieren. Es kann und muss aber mindestens ebenso als eine Einsicht in die spezifische Natur des historischen Denkens verstanden werden: dass historisch Denkende (und somit auch historisch Lernende) es selbst dort, wo sie sich im Bereich der „eigenen“ Geschichte bewegen, wo sie die Vergangenheit ihrer eigenen Gruppe, ihrer Nation, ihrer Kultur etc. in den Blick nehmen, mit Fremdheit zu tun haben. „The past is a Foreign Country“ betitelte David Lowenthal (übrigens von Hause aus Geograph) sein wohl einflussreichstes Werk („They do things differently there“). Der Zeitablauf selbst ist (besser: die in ihm statt findenden Veränderungen sind) es, die die Kulturen einander fremd macht. Selbst wer sich den Herausforderungen interkulturellen Fremdverstehens verweigern wollte, käme bei der Beschäftigung mit der Vergangenheit nicht um ein solches Fremdverstehen herum (es sei denn, die temporale Fremdheit würde schlichtweg geleugnet, im Modus traditionaler Sinnbildung für nebensächlich gegenüber den weiter gültigen Konstanten erklärt o.ä.).
Dass die spezifisch historische Einübung in ein Fremdverstehen auch zur Beförderung der Fähigkeit zur verstehenden und anerkennenden Auseinandersetzung mit gegenwärtig Fremden führt, dass Geschichte (und mit ihr Geschichtsunterricht) also nicht nur per se interkulturell, sondern darüberhinaus interkulturellem Verständigen per se förderlich sind, kann gehofft und geglaubt werden, wäre aber noch zu untersuchen.
Bei der Reflexion dieser Frage wird es wichtig sein, sich auch die Unterschiede zwischen den beiden Formen des Fremdverstehens, nämlich des synchronen (gleichzeitigen) gegen über anderen Kulturen einer-, und des diachronen gegenüber anderen Zeiten andererseits, zu vergegenwärtigen.

Eine Grafik mag dazu hilfreich sein:

Fremdverstehen syn- und diachron

 

In dieser Grafik bezeichnen:

  • 1 und 2 die Herausforderungen zwischen gegenwärtigen „Kulturen“, Sub- und Teil“kulturen“ verschiedenster Art, sich in der heutigen Zeit miteinander verständigen zu können, und dafür die Perspektive der jeweils Anderen zumindest partiell einnehmen zu können und sie zu „verstehen“. Da dies idealerweise und als Herausforderung ein gegenseitiger Prozess ist, ist es als Doppelpfeil gezeichnet.
  • 3 und 4 hingegen die spezifisch historische Herausforderung des Verstehens der Menschen einer anderen Zeit. Dieser Prozess ist (entgegen allen idealistischen Vorstellungen eines „Gespräch[s] des menschlichen Geistes über die Jahrhunderte teilzuhaben …“ – so der Titel der von K. GOEBEL 1990 hg. Festschrift für H. G. Kirchhoff) nicht bi-direktional und somit nur mit einfachen Pfeilen eingezeichnet.

Im Gegensatz zu 1 und 2 ist die spezifisch historische Herausforderung in 3 und 4 anders strukturiert: Es kann auch idealiter nicht um ein <em>gegenseitiges </em> Verstehen des Fremden gehen: der Auftrag liegt allein bei uns. Dass unsere Vorfahren uns „verstehen“ mögen, ist außer in Gedankenspielen, nicht plausibel. Ebensowenig aber können uns „die Anderen“ antworten außerhalb der Materialien aus ihrer Zeit, die sie uns überlassen haben bzw. die (wie auch immer) „auf uns gekommen“ sind. Es ist eben nicht möglich, dass die Fremden mit ihrer Kompetenz des Fremdverstehens uns entgegenkommen, uns korrigieren, mit uns über Wahrnehmungen, Deutungen, Be-Deutungen etc. verhandeln. Historisches Fremdverstehen ist eine ganz schön einseitige Angelegenheit. Und, der Nachwelt, obliegt die Verantwortung.

  • 5 und 6 bezeichnen sodann die doppelten Herausforderungen, aus einer eigenen heutigen Perspektiven die Vergangenheit einer anderen verstehen zu wollen und/oder sollen, wie auch die Tatsache, dass natürlich „die Anderen“ ebenso ihren Blick auf „unsere“ Vergangenheit haben.
  • 7 und 8 schließlich bezeichnen die (uns wiederum nur über Re-Konstruktionen empirisch fassbare) Tatsache, dass die Beziehungen von Fremd- und Selbst-Wahrnehmungen und somit das „Fremdverstehen“, wenn auch nicht notwendig als Norm, so doch aber als reale Herausforderung, natürlich auch in der Vergangenheit gegeben waren.

In allen genannten Beispielen sind — das kommt hinzu — die Elemente und Beziehungen nicht einfach gegeben, sondern müssen denkend (re-)konstruiert werden. Wer „sie“ sind, und wer „wir“, kann weder einfach als gegeben angenommen werden noch als in einem einmaligen Denkakt festzulegen. Das liegt unter anderem daran, dass jeder Einzelne von uns nicht einem „Wir“ angehört und somit jeder einzelne Andere nicht einem „sie“, sondern vielen gleichzeitig. So kommt es ständig vor, dass ein konkreter anderer Mensch in einer Hinsicht Teil der „Wir“-Gruppe und in anderer Teil des „Sie“ ist — sei es, dass ein Mitschüler unserer Lernenden im Rahmen einer Schulgeschichte einmal als Angehöriger der Parallelklasse erscheint, dann wieder als Mitglied der gleichen Schule (eine Maßstabsfrage also), sei es dass ein Bekannter hinsichtlich seines Musikgeschmacks „einer von uns“ ist, aber leider Anhänger eines anderen Fußballvereins.

Hier nun schlägt die Differenzierung zwischen syn- und diachronem Fremdverstehen voll durch: Während es im synchronen Verhältnis möglich ist, mit dem Gegenüber über seine Vorstellungen des „wir“ und des „sie“ zu diskutieren, die jeweilige Selbst-Sicht aktiv zu erfragen und auszutauschen, gelingt dies gegenüber den Angehörigen fremder Zeiten nicht. Hier müssen die Selbst- und Fremdbilder mit Hilfe der historischen Methode erschlossen werden.

Wichtiger aber noch ist, dass das „Wir“ und das „Sie“ nicht nur konstruiert werden müssen, sondern dass in der historischen, diachronen Perspektive die Identität der beiden (bzw. vielen) Identitäten über t1 und t2 hinweg ebenso Konstruktionen sind. Wer das „Wir“ in einer Vergangenheit war, muss ebenso denkend erschlossen und plausibel gemacht werden. Das gilt natürlich für „Sie“ ganz genauso: Welche Teile der Vergangenheit zur „Deutschen“ Geschichte gehören ist somit ebenso Gegenstand von Konstruktion wie der Umfang der „Türkischen Geschichte“.

Nr. 5 und 6 machen nun deutlich, dass auch dieses wieder Gegenstand interkultureller Verhandlungsnotwendigkeiten sein kann. Was wir in unserer eigenen historiographischen Tradition unter „Türkische Geschichte“ fassen, muss mit dem Bild der heutigen Türken keineswegs übereinstimmen — ebensowenig wie die Vorstellung dessen, was „Deutschland“ in Vergangenheit und Gegenwart ausmacht, von uns allein bestimmt werden könnte.

Historisches Fremdverstehen umfasst also

  • die intellektuelle (dabei aber auch ästhetische, moralische, politische etc.) Herausforderung, Menschen in früheren Zeiten  zu „verstehen“, wobei ein gegenseitiges Verständigen über dieses Verstehen, über das Gelingen von Verständnis, nicht möglich ist. Man wird keine Zustimmung für seine Deutungsversuche erhalten. Kommunikative Validierungen eigener Deutungen durch Gespräche mit dem Betroffenen gelingen der Geschichte nicht;
  • die intellektuelle (…) Herausforderung, gegenwärtige „Andere“ zu verstehen, und zwar im Falle der Geschichte hinsichtlich ihrer Orientierungsbedürfnisse, ihrer historischen Selbstverständnisse, ihrer Deutungs- und Erklärungsmuster, Norm- und Wertvorstellungen und den daraus entstehenden Geschichtsbildern.
  • die sich aus der Kombination der beiden ergebende doppelte Herausforderung, die historischen Identitätskonstruktionen „der Anderen“ zu verstehen (und anzuerkennen), dabei aber selbst auch gegenüber den zeitlich und kulturell Anderen selbst ein Verständnis aufzubauen.

Insbesondere mit Blick auf die spezifisch historische Dimension kann „Verstehen“ somit nicht tatsächlichen gültigen Nachvollzug der Wahrnehmungen, Denk-, Urteils- und Handlungsweisen „der Anderen“ meinen. Es kann mangels der Möglichkeit der kommunikativen Validierung weder der prinzipiellen Unverfügbarkeit der Vergangenheit und somit der prinzipiell narrativen Struktur historischer Deutungen, nicht darum gehen, die Anderen „in uns“ abzubilden. Weitaus fruchtbarer als Gelingensbedingung für „Verstehen“ und „Verständnis“ ist die Konzeption eines „verständig darüber sprechen“ könnens. Damit wird nicht das unerreichbare Ideal einer Annäherung an die Vergangenheit zum Kriterium, sondern die innere Plausibilität des Nachvollzugs.

Gerade weil dies so ist, ist aber auch zu fordern, dass die eigenen Konzepte der „fremden“ Geschichte (ebenso wie „fremde“ Geschichten über das „eigene“) auf der Ebene der Gegenwart kommunikativ validiert werden. Das bedeutet, dass immer dort, wo es um „fremde Geschichte“ geht, nicht nur auf der Ebene der Quellen, sondern gerade auch auf derjenigen der rezenten Deutungen beide/alle Perspektiven zumindest partiell herangezogen werden.

Literatur

ALAVI, BETTINA (1998): Geschichtsunterricht in der multiethnischen Gesellschaft. Eine fachdidaktische Studie zur Modifikation des Geschichtsunterrichts aufgrund migrationsbedingter Veränderungen. Frankfurt am Main: IKO – Verlag für interkulturelle Kommunikation (Interdisziplinäre Studien zum Verhältnis von Migrationen, Ethnizität und gesellschaftlicher Multikulturalität; 9).

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DEHNE, BRIGITTE (2008): „‚Mit eigenen Augen sehen‘ oder ‚Mit den Augen des anderen sehen‘? Eine kritische Auseinandersetzung mit den geschichtsdidaktischen Konzepten der Perspektivenübernahme und des Fremdverstehens.“ In: BAUER, JAN-PATRICK; MEYER-HAMME, JOHANNES; KÖRBER, ANDREAS (Hrsg.; 2008): Geschichtslernen – Innovationen und Reflexionen. Geschichtsdidaktik im Spannungsfeld von theoretischen Zuspitzungen, empirischen Erkundungen, normativen Überlegungen und pragmatischen Wendungen – Festschrift für Bodo von Borries zum 65. Geburtstag. Kenzingen: Centarurus Verlag (Reihe Geschichtswissenschaft; 54), S. 121-144.

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KÖRBER, ANDREAS (Hrsg.; 2001): Interkulturelles Geschichtslernen. Geschichtsunterricht unter den Bedingungen von Einwanderung und Globalisierung. Konzeptionelle Überlegungen und praktische Ansätze.1. Aufl.  Münster: Waxmann (Novemberakademie; 2).

KÖRBER, ANDREAS (2010): „Theoretische Dimensionen des Interkulturellen Geschichtslernens.“ In: Ventzke, Marcus; Mebus, Sylvia; Schreiber, Waltraud (Hgg.; 2010): Geschichte denken statt pauken in der Sekundarstufe II. 20 Jahre nach der friedlichen Revolution: Deutsche und europpäische Perspektiven im gymnasialen Geschichtsunterricht. Radebeul: Sächsisches Bildungsinstitut. S. 25-48.

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SCHÖRKEN, ROLF (1980): „Geschichtsunterricht in der kleiner werdenden Welt. Prolegomena zu einer Didaktik des Fremdverstehens.“ In: SÜSSMUTH, HANS (Hrsg.; 1980): Geschichtsdidaktische Positionen. Bestandsaufnahme und Neuorientierung. Paderborn: Ferdinand Schöningh (UTB; 954), S. 315-336.

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