Körber, Andreas (18. 1. 2010): “Zeitgemäßes schulisches Geschichts-Lernen in Gedenkstätten.”

Körber, Andreas (18. 1. 2010): “Zeitgemäßes schulisches Geschichts-Lernen in Gedenkstätten.” Vortrag gehalten von Mitarbeitern des Studienzentrums des Gedenkstätte Bergen-Belsen am 18.1.2010.

Körber, Andreas (18. 1. 2010): “Zeitgemäßes schulisches Geschichts-Lernen in Gedenkstätten.” Vortrag gehalten von Mitarbeitern des Studienzentrums des Gedenkstätte Bergen-Belsen am 18.1.2010.

Modulprüfungsklausur BA WiSe 2009/2010 am 8.2.2010

Die Klausur zur Vorlesung  „Einführung in die Fachdidaktik Geschichte“ im Wintersemester 2009/2010 findet statt

  • am Montag, den 8.2.2010; 16-18h
  • in Raum 05

Die Klausur ist zweistündig.

Sie ist verwendbar

  • als Modulprüfungsklausur für das Modul 0.i.1.k „Einführung in die Fachdidaktik Geschichte“
  • als Vorlesungsklausur für Studierende der „alten“ Lehrämter
  • als zwischenprüfungsrelevante Klausur für Studierende der „alten“ Lehrämter
  • als Nachschreibeklausur für die BA-Studierenden des SoSe 2009 und des WiSe 2008/09 (geringerer Umfang, da keine Modulprüfung).

Multiperspektivität? Multiperspektivität!

Körber, Andreas: „Multiperspektivität? Multiperspektivität!“

In der geschichtsdidaktischen Lehre spielt das Prinzip der „Multiperspektivität“ eine große Rolle. Es scheint auch für die Studierenden eingängig zu sein — jedenfalls fehlen positive Bezugnahmen darauf in fast keiner Hausarbeit.
Oft aber handelt es sich dabei um reine Lippenbekenntnisse – oder um Formen, die zeigen, dass die Eingängigkeit des Terminus und die scheinbare Klarheit oft ein tieferes Verständnis durchaus erschweren. 1

Ein Beispiel:
In manchen Hausarbeiten wird das Prinzip befürwortet — ebenso wie in publizierten Unterrichtsbeispielen. Die skizzierten Unterrichtsplanungen bestehen dann darin, zu einem Konflikt (im weiteren Sinne) jeweils eine Quelle der einen und einer der anderen Konfliktpartei zu präsentieren und bearbeiten zu lassen:

  • bei Thematisierungen des deutsch-französischen Verhältnisses vom Krieg 1870/71 zum 1. Weltkrieg werden Beispiele der beiderseitigen Propaganda genutzt;
  • bei der Behandlung des spanisch-baskischen Konflikts wird den Schülern präsentiert:
    1. ein Artikel, welcher „den“ terroristischen Basken alle Schuld gibt;
    2. ein Artikel, welcher zwischen extermistischen Basken und solchen unterscheidet, die in Frieden leben wollen
  • das Verhältnis der „Rassen“ in den USA wird folgendermaßen thematisiert:
    1. ein Zeitungsartikel, der die klassischen Vorurteile der Weißen gegenüber den Schwarzen (Vergewaltigung weißer Frauen) präsentiert und Lynchjustiz befürwortet;
    2. ein Artikel einer Journalistin, welche die Realität interethnischer Liebesbeziehungen herausstellt.2

Beide Arbeiten leiten daraus die Zielstellung ab, die Schüler(innen) könnten am Vergleich der Artikel erkennen, dass es nicht die eine wahre Geschichte gebe, sondern dass „es“ immer mehrere Perspektiven „gebe“.

Das ist natürlich die quasi standardisierte Formel der Geschichtsdidaktik. Aber ist sie hier gerechtfertigt? Ich habe meine Zweifel. An beiden Fällen lässt sich zeigen, dass das Prinzip der „Multiperspektivität“  nicht durch die Gegenüber- oder Zusammenstellung irgendwelcher unterschiedlichen Perspektiven auf einen Sachverhalt eingelöst werden kann, sondern dass es der historischen Reflexion der Perspektiven bedarf – auf ihre Relevanz  für historisches Lernen nämlich.3  Nicht dass Quellen unterschiedlichen Perspektiven auf den gleichen Gegenstand entstammen, ist relevant, sondern welcher Art dieser Perspektivenunterschied ist:

Dass Vertreter von gegnerischen Parteien eines Konflikts diesen unterschiedlich bewerten und darstellen, ist unmittelbar einsichtig – auch den Schülern. Daraus ist wenig zu lernen. Das Problem ist, dass sowohl den Konfliktparteien als auch den Schüler(inne)n der Vorwurf der „Lüge“ an die jeweils andere Partei bzw. (aus der Sicht des „neutralen“ Lernenden) an eine von ihnen schnell zur Hand und er auch nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Die Einsicht, die dem Prinzip der Multiperspektivität zu Grunde liegt, nämlich dass es zu jedem Zusammenhang zeitgenössisch (auf der „Ebene der Quellen“) wie retrospektiv (auf der „Ebene der Darstellungen“) mehrere berechtigte Perspektiven gibt, ja dass solche Perspektivenunterschiede notwendig sind, ist daran kaum zu gewinnen.

Hier wäre also zu formulieren, dass im Sinne dieser Einsicht relevante Multiperspektivität dann entsteht, wenn Unterschiede der Beurteilung eines Zustandes oder einer Handlung (Quellen) und in der späteren Historisierung (Darstellung) nicht unmittelbar auf antagonistische Interessen zurückgeführt werden können.

Es ist also viel fruchtbarer, solche Perspektiven zu kontrastieren, die nicht einfach die Positionen zweier Konfliktparteien abbilden, sondern die unterschiedliche Sichtweisen auf den Konflikt auf „einer“ Seite präsentieren — und so auch verschiedene Historisierungen bzw. historische Begründungen präsentieren:

  1. Beim deutsch-französischen Krieg 1870/71 oder zum 1. Weltkrieg wären das etwa die Perspektive  von Nationalisten und Kriegsbefürwortern gegenüber derjenigen von Pazifisten oder von Vertretern der Arbeiterbewegung, die den Zusammenhalt der Proletarier befürworten — und zwar nach Möglichkeit auf der gleichen, oder besser noch: auf „beiden“ Seiten des Krieges;
  2. im spanisch-baskischen Verhältnis wären etwa jeweils zu präsentieren:
    1. eine baskische Argumentation nationalistischer Art, die vielleicht eine ewige Eigenständigkeit „der Basken“ betont,
    2. eine andere, die vielfältige Beziehungen der Basken zu ihren Nachbarn und Veränderungen des Selbstverständnisses betont

    Ebenso wären unterschiedliche „spanische“ Argumentationen und Narrative zu kontrastieren;

  3. in Bezug auf die Rassenprobleme in den USA wären vielleicht zu nutzen:
    • eine „schwarze“, welche eine bessere Zukunft und ein friedliches Zusammenleben zwischen Schwarz und Weiß voraussieht bzw. erstrebt;
    • eine andere „schwarze“ Perspektive, welche nur auf Konfrontation und Kampf setzt;
    • eine „weiße“ Perspektive, die offen rassistisch argumentiert (wie die oben skizzierte);
    • eine weitere „weiße“ Perspektive, die die „Probleme mit den Schwarzen“ nicht auf deren Eigenschaften, sondern auf deren Lage zurückführt und so eine Veränderungsperspektive eröffnet.

Das nun gilt für alle Spielarten von Multiperspektivität:

  • für diejenige der zeitgenössischen Perspektiven (Quellen: „Multiperspektivität“ im engeren Sinne)
  • für diejenige späterer Sinnbildungen (Darstellungen: „Kontroversität“)
  • für diejenige heutiger Schlussfolgerungen und Urteile durch die Lernenden „Pluralität“).

Multiperspektivität ist also ein Prinzip, das nicht einfach durch Vielzahl und -falt und durch das formale Kriterium „unterschiedlicher“ Sichtweise zu berücksichtigen ist, sondern erst durch die Reflexion auf das Verhältnis der Perspektiven zueinander.

Die oben genannten Konfliktparteien-Perspektiven sind dabei nicht ausgeschlossen (zuweilen sind sie durchaus wichtig), reichen aber nicht aus, um die dem Prinzip zu Grunde liegende Einsicht in die unhintergehbare Perspektivität von Geschichte und somit die Pluralität der Sinnbildungen tatsächlich einsichtig zu machen.

  1. Vgl. auch den Beitrag „Zur Uneindeutigkeit geschichtsdidaktischer Topoi„. []
  2. Entsprechende Quellen sind etwa zu finden in dem Beitrag MARTSCHUKAT, JÜRGEN; STORRER, THOMAS (2001): „Gewalterfahrung und Erinnerung. Das Ende der Sklaverei in den USA.“ In: KÖRBER, ANDREAS (Hrsg.; 2001): Interkulturelles Geschichtslernen. Geschichtsunterricht unter den Bedingungen von Einwanderung und Globalisierung. Konzeptionelle Überlegungen und praktische Ansätze. Münster: Waxmann (Novemberakademie; 2), S. 193-203, der allerdings weitaus mehr Perspektiven bereitstellt. []
  3. vgl.:  STRADLING, ROBERT (2004): Multiperspectivity in history teaching. A guide for teachers.: Coucil of Europe, p. 19 []

Kritik der Bildungsstandards des Geschichtslehrerverbandes

Eine Kritik der „Bildungsstandards Geschichte“ des Geschichtslehrerverbandes aus dem hessischen Landesverband, vorgelegt von Wolfgang Geiger und Martin Liepach, findet sich unter folgender Adresse:

http://www.geschichtslehrerverband-hessen.de/multimedia/dateien/kritik_bildungsstandards.pdf

Rezension: Empirie in der Geschichtsdidaktik

In H-SOZ-U-KULT findet sich heute eine aktuelle Rezension von Markus Furrer zum Band

HODEL, JAN; ZIEGLER, BÉATRICE (Hrsg.; 2009): Forschungswerkstatt Geschichtsdidaktik 07. Beiträge zur Tagung “geschichtsdidaktik empirisch 07“. Bern: hep (Geschichtsdidaktik heute; 2). ISBN: 978-3-03905-450-3

Sie ist hier zu finden.

Körber, Andreas (2012): Kompetenzorientiertes Geschichtslernen in Hamburg und Niedersachsen? Zwei Wege der Richtlinien-„Innovation“

Körber, Andreas (2012): Kompetenzorientiertes Geschichtslernen in Hamburg und Niedersachsen? Zwei Wege der Richtlinien-„Innovation“: pedocs. Online verfügbar unter http://www.pedocs.de/volltexte/2012/5850.

Englischsprachiger Artikel zur Kompetenzorientierung des historischen Lernens

Körber, Andreas (2011): “German History Didactics: From Historical Consciousness to Historical Competencies – and beyond?” In: Bjerg, Helle; Lenz, Claudia; Thorstensen, Erik (Hgg.; 2011): Historicising the Uses of the Past – Scandinavian Perspectives on History Culture, Historical Consciousness and Didactics of History Related to World War II. Bielefeld: transcript (Zeit – Sinn – Kultur); ISBN: 9783837613254 ; pp. 145-164.

In der Dokumentation zur Tagung „Historicising the Uses of the Past“ in Oslo ist eine englischsprachige Kurzfassung des FUER-Kompetenzmodells erschienen:

 

Körber, Andreas (2011): “German History Didactics: From Historical Consciousness to Historical Competencies – and beyond?” In: Bjerg, Helle; Lenz, Claudia; Thorstensen, Erik (Hgg.; 2011): Historicising the Uses of the Past – Scandinavian Perspectives on History Culture, Historical Consciousness and Didactics of History Related to World War II. Bielefeld: transcript (Zeit – Sinn – Kultur); <a href=“https://portal.dnb.de/opac.htm?query=9783837613254&method=simpleSearch“>ISBN: 9783837613254</a> ; pp. 145-164.

Geschichtslernen an Stolpersteinen

Körber, Andreas: „Geschichtslernen an Stolpersteinen“

Im Rahmen eines Seminars zu „Lernorten“ haben sich Arbeitsgruppen mit den inzwischen in vielen Städten Deutschlands verlegten „Stolpersteinen“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig als Formen der Erinnerung und Orten für bzw. Gegenständen des Lernens beschäftigt.

Dabei ist mir aufgefallen, dass offenkundig ein Grundmuster der „Didaktisierung“ darin besteht, die Stolpersteine zum Anlass zu nehmen, die konkreten Biographien der Opfer von Deportation und Vernichtung, an die sie erinnern, zum eigentlichen Gegenstand des Lernens zu machen. Die Beschäftigung mit den konkreten Menschen, so die Argumentation, ermögliche eine lernende Reflexion auf die Auswirkungen der Politik des Nationalsozialismus auf konkrete Menschen, auf die Bedingungen von Handeln und Leiden, und somit auch ein Lernen, welches die eigene Person, die Orientierung, in den Mittelpunkt stelle — weniger die trockenen „Fakten“.

Ich will diese Form der Didaktisierung, welche eine Parallele zum „biographischen Arbeiten“ in der Gedenkstättenpädagogik darstellt, nicht infrage stellen, möchte aber doch einige skeptische Fragen und eine mögliche Alternative skizzieren:

    • Besteht nicht bei solch einem Anlass — gerade bei jüngeren Schüler(inne)n — die Gefahr eine Überwältigung durch eine Opfergeschichte, welche den eigenen Verarbeitungshorizont übersteigt?
    • Was wäre das gewünschte Lernziel? Identifikation mit den Opfern?
      1. Wohl kaum im Sinne einer Projektion in die Opfer hinein.
      2. auch wohl kaum im Sinne einer Verengung des Nachdenkens über das Geschehens aus einer (an Hand von Quellen) re-konstruierten oder nachempfundenen Opferperspektive.
        1. dass Erinnern an Vergangenes in dieser Gesellschaft in ganz unterschiedlichen Formen statt findet
        2. dass das seinen Grund hat
        3. dass dieses Erinnern und seine Formen keineswegs immer schon da waren und selbstverständlich sind, sondern dass um sie gerungen wird, darüber diskutiert,
        4. dass Erinnern nicht einfach „fertig“ ist, wenn ein Denkmal, ein Gedenkstein, eine Stolperstein liegt, sondern dass es um ein immer neues Nach-Denken geht.

      Es ist somit m.E. möglich, gerade auch im Geschichtsunterricht über das Gedenken und Erinnern, über Formen der Vergegenwärtigung von Vergangenheit als Teil des gegenwärtigen Umgangs der Gesellschaft zu lernen.

Dies würde kaum den Forderung entsprechen, dass Geschichtsunterricht zur Orientierung der eigenen Identität und des eigenen Handelns dienen soll.

Meines Erachtens bieten die Stolpersteine gerade dann einen guten Ansatzpunkt zu historischem Lernen, wenn man nicht vorschnell ihrem Verweis auf die konkreten Opfer folgt, sondern sie zunächst als das ernst und in den Blick nimmt, was sie sind: Formen der Auseinandersetzung der gegenwärtigen Gesellschaft mit der Vergangenheit, auf die sie verweisen — und mit sich selbst, als umstrittene Formen der Erinnerungskultur zu einer umstrittenen Vergangenheit.
Dieser Logik zufolge müssten zunächst die Stolpersteine selbst Gegenstand des Lernens werden – die Tatsache, dass sie an bestimmten Orten liegen, dass dieses keineswegs selbstverständlich ist, dass es Menschen gibt, die sich dafür einsetzen (und ihre Argumente) und solche, die dagegen sein – aus verschiedenen Gründen, von profanen, erinnerungskulturell gedankenlosen (etwa Furcht um die Beeinträchtigung des Geschäfts vor dem ein Stein liegt) über eminent historische (etwa Scham über das eigene Wegsehen damals, aber auch über die eigene erinnerungskulturelle Untätigkeit oder Zögerlichkeit) bis hin zu politischen (Leugnung des Geschehens, Abwehr dieser Form der ‚Schuldpräsentation‘) – aber auch zu unterschiedlichen erinnerungskulturellen Symboliken und Wertungen (s. Zentralrat der Juden, Stadt München, Sinti und Roma).
Durch die zunächst auf die Gegenwart blickende Erschließung der Stolpersteine in ihrer Programmatik und Symbolik, politischen Bedeutung, den Pros und Contras erst wird der Blick auf die konkreten Menschen gelenkt, derer gedacht wird. Das ist m.E. nur auf den ersten Blick eine „Instrumentalisierung“, bei genauerem Hinsehen vielmehr eine „Aufwertung“. Diese Menschen werden dann nämlich als Menschen Gegenstand historischer Betrachtung und historischen Lernens, die dieser Gesellschaft etwas bedeuten (wenn auch unterschiedliches), nicht als von außen (dem Lehrer, der Initiative, den Autoren eines Begleithefts) vorgegebene Beispiele.
Ein solches Vorgehen, das von der gegenwärtigen Umstrittenheit ausgeht, von der gegenwärtigen Erinnerungskultur mit ihren Verwerfungen und Debatten, ermöglicht es m.E. auch, das Lernen über den Holocaust und die Deportationen in eine längere Progression zu überführen. Mit jüngeren Schülerinnen und Schülern könnte somit zunächst noch ohne die Gefahr der Überforderung und Überwältigung die Tatsache thematisiert werden,

Vortrag im Rahmen des Allgemeinen Vorlesungswesens: Lernort Gedenkstätte?

Körber, Andreas: (8.12.2009): „Lernort Gedenkstätte?“ Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Lernort Hamburg“ des Allgemeinen Vorlesungswesens der Universität Hamburg

Körber, Andreas: (8.12.2009): „Lernort Gedenkstätte?“ Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Lernort Hamburg“ des Allgemeinen Vorlesungswesens der Universität Hamburg am 8. Dezember 2009. Video