Arbeitsbereich Geschichtsdidaktik / History Education, Universität Hamburg

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Multiperspektivität? Multiperspektivität!

11. Januar 2010 Andreas Körber 4 Kommentare

In der geschichts­di­dak­ti­schen Leh­re spielt das Prin­zip der “Mul­ti­per­spek­ti­vi­tät” eine gro­ße Rol­le. Es scheint auch für die Stu­die­ren­den ein­gän­gig zu sein — jeden­falls feh­len posi­ti­ve Bezug­nah­men dar­auf in fast kei­ner Hausarbeit.
Oft aber han­delt es sich dabei um rei­ne Lip­pen­be­kennt­nis­se — oder um For­men, die zei­gen, dass die Ein­gän­gig­keit des Ter­mi­nus und die schein­ba­re Klar­heit oft ein tie­fe­res Ver­ständ­nis durch­aus erschwe­ren.  1

Ein Bei­spiel:
In man­chen Haus­ar­bei­ten wird das Prin­zip befür­wor­tet — eben­so wie in publi­zier­ten Unter­richts­bei­spie­len. Die skiz­zier­ten Unter­richts­pla­nun­gen bestehen dann dar­in, zu einem Kon­flikt (im wei­te­ren Sin­ne) jeweils eine Quel­le der einen und einer der ande­ren Kon­flikt­par­tei zu prä­sen­tie­ren und bear­bei­ten zu lassen:

  • bei The­ma­ti­sie­run­gen des deutsch-fran­zö­si­schen Ver­hält­nis­ses vom Krieg 1870/​71 zum 1. Welt­krieg wer­den Bei­spie­le der bei­der­sei­ti­gen Pro­pa­gan­da genutzt;
  • bei der Behand­lung des spa­nisch-bas­ki­schen Kon­flikts wird den Schü­lern präsentiert: 
    1. ein Arti­kel, wel­cher “den” ter­ro­ris­ti­schen Bas­ken alle Schuld gibt;
    2. ein Arti­kel, wel­cher zwi­schen exter­mis­ti­schen Bas­ken und sol­chen unter­schei­det, die in Frie­den leben wollen
  • das Ver­hält­nis der “Ras­sen” in den USA wird fol­gen­der­ma­ßen thematisiert: 
    1. ein Zei­tungs­ar­ti­kel, der die klas­si­schen Vor­ur­tei­le der Wei­ßen gegen­über den Schwar­zen (Ver­ge­wal­ti­gung wei­ßer Frau­en) prä­sen­tiert und Lynch­jus­tiz befürwortet;
    2. ein Arti­kel einer Jour­na­lis­tin, wel­che die Rea­li­tät inter­eth­ni­scher Lie­bes­be­zie­hun­gen her­aus­stellt. 2

Bei­de Arbei­ten lei­ten dar­aus die Ziel­stel­lung ab, die Schüler(innen) könn­ten am Ver­gleich der Arti­kel erken­nen, dass es nicht die eine wah­re Geschich­te gebe, son­dern dass “es” immer meh­re­re Per­spek­ti­ven “gebe”.

Das ist natür­lich die qua­si stan­dar­di­sier­te For­mel der Geschichts­di­dak­tik. Aber ist sie hier gerecht­fer­tigt? Ich habe mei­ne Zwei­fel. An bei­den Fäl­len lässt sich zei­gen, dass das Prin­zip der “Mul­ti­per­spek­ti­vi­tät”  nicht durch die Gegen­über- oder Zusam­men­stel­lung irgend­wel­cher unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven auf einen Sach­ver­halt ein­ge­löst wer­den kann, son­dern dass es der his­to­ri­schen Refle­xi­on der Per­spek­ti­ven bedarf — auf ihre Rele­vanz  für his­to­ri­sches Ler­nen näm­lich. 3  Nicht dass Quel­len unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven auf den glei­chen Gegen­stand ent­stam­men, ist rele­vant, son­dern wel­cher Art die­ser Per­spek­ti­ven­un­ter­schied ist:

Dass Ver­tre­ter von geg­ne­ri­schen Par­tei­en eines Kon­flikts die­sen unter­schied­lich bewer­ten und dar­stel­len, ist unmit­tel­bar ein­sich­tig — auch den Schü­lern. Dar­aus ist wenig zu ler­nen. Das Pro­blem ist, dass sowohl den Kon­flikt­par­tei­en als auch den Schüler(inne)n der Vor­wurf der “Lüge” an die jeweils ande­re Par­tei bzw. (aus der Sicht des “neu­tra­len” Ler­nen­den) an eine von ihnen schnell zur Hand und er auch nicht ganz von der Hand zu wei­sen ist. Die Ein­sicht, die dem Prin­zip der Mul­ti­per­spek­ti­vi­tät zu Grun­de liegt, näm­lich dass es zu jedem Zusam­men­hang zeit­ge­nös­sisch (auf der “Ebe­ne der Quel­len”) wie retro­spek­tiv (auf der “Ebe­ne der Dar­stel­lun­gen”) meh­re­re berech­tig­te Per­spek­ti­ven gibt, ja dass sol­che Per­spek­ti­ven­un­ter­schie­de not­wen­dig sind, ist dar­an kaum zu gewinnen.

Hier wäre also zu for­mu­lie­ren, dass im Sin­ne die­ser Ein­sicht rele­van­te Mul­ti­per­spek­ti­vi­tät dann ent­steht, wenn Unter­schie­de der Beur­tei­lung eines Zustan­des oder einer Hand­lung (Quel­len) und in der spä­te­ren His­to­ri­sie­rung (Dar­stel­lung) nicht unmit­tel­bar auf ant­ago­nis­ti­sche Inter­es­sen zurück­ge­führt wer­den können.

Es ist also viel frucht­ba­rer, sol­che Per­spek­ti­ven zu kon­tras­tie­ren, die nicht ein­fach die Posi­tio­nen zwei­er Kon­flikt­par­tei­en abbil­den, son­dern die unter­schied­li­che Sicht­wei­sen auf den Kon­flikt auf “einer” Sei­te prä­sen­tie­ren — und so auch ver­schie­de­ne His­to­ri­sie­run­gen bzw. his­to­ri­sche Begrün­dun­gen präsentieren:

  1. Beim deutsch-fran­zö­si­schen Krieg 1870/​71 oder zum 1. Welt­krieg wären das etwa die Per­spek­ti­ve  von Natio­na­lis­ten und Kriegs­be­für­wor­tern gegen­über der­je­ni­gen von Pazi­fis­ten oder von Ver­tre­tern der Arbei­ter­be­we­gung, die den Zusam­men­halt der Pro­le­ta­ri­er befür­wor­ten — und zwar nach Mög­lich­keit auf der glei­chen, oder bes­ser noch: auf “bei­den” Sei­ten des Krieges;
  2. im spa­nisch-bas­ki­schen Ver­hält­nis wären etwa jeweils zu präsentieren: 
    1. eine bas­ki­sche Argu­men­ta­ti­on natio­na­lis­ti­scher Art, die viel­leicht eine ewi­ge Eigen­stän­dig­keit “der Bas­ken” betont,
    2. eine ande­re, die viel­fäl­ti­ge Bezie­hun­gen der Bas­ken zu ihren Nach­barn und Ver­än­de­run­gen des Selbst­ver­ständ­nis­ses betont

    Eben­so wären unter­schied­li­che “spa­ni­sche” Argu­men­ta­tio­nen und Nar­ra­ti­ve zu kontrastieren;

  3. in Bezug auf die Ras­sen­pro­ble­me in den USA wären viel­leicht zu nutzen: 
    • eine “schwar­ze”, wel­che eine bes­se­re Zukunft und ein fried­li­ches Zusam­men­le­ben zwi­schen Schwarz und Weiß vor­aus­sieht bzw. erstrebt;
    • eine ande­re “schwar­ze” Per­spek­ti­ve, wel­che nur auf Kon­fron­ta­ti­on und Kampf setzt;
    • eine “wei­ße” Per­spek­ti­ve, die offen ras­sis­tisch argu­men­tiert (wie die oben skizzierte);
    • eine wei­te­re “wei­ße” Per­spek­ti­ve, die die “Pro­ble­me mit den Schwar­zen” nicht auf deren Eigen­schaf­ten, son­dern auf deren Lage zurück­führt und so eine Ver­än­de­rungs­per­spek­ti­ve eröffnet.

Das nun gilt für alle Spiel­ar­ten von Multiperspektivität:

  • für die­je­ni­ge der zeit­ge­nös­si­schen Per­spek­ti­ven (Quel­len: “Mul­ti­per­spek­ti­vi­tät” im enge­ren Sinne)
  • für die­je­ni­ge spä­te­rer Sinn­bil­dun­gen (Dar­stel­lun­gen: “Kon­tro­ver­si­tät”)
  • für die­je­ni­ge heu­ti­ger Schluss­fol­ge­run­gen und Urtei­le durch die Ler­nen­den “Plu­ra­li­tät”).

Mul­ti­per­spek­ti­vi­tät ist also ein Prin­zip, das nicht ein­fach durch Viel­zahl und ‑falt und durch das for­ma­le Kri­te­ri­um “unter­schied­li­cher” Sicht­wei­se zu berück­sich­ti­gen ist, son­dern erst durch die Refle­xi­on auf das Ver­hält­nis der Per­spek­ti­ven zueinander.

Die oben genann­ten Kon­flikt­par­tei­en-Per­spek­ti­ven sind dabei nicht aus­ge­schlos­sen (zuwei­len sind sie durch­aus wich­tig), rei­chen aber nicht aus, um die dem Prin­zip zu Grun­de lie­gen­de Ein­sicht in die unhin­ter­geh­ba­re Per­spek­ti­vi­tät von Geschich­te und somit die Plu­ra­li­tät der Sinn­bil­dun­gen tat­säch­lich ein­sich­tig zu machen.

Anmer­kun­gen /​ Refe­ren­ces
  1. Vgl. auch den Bei­trag “Zur Unein­deu­tig­keit geschichts­di­dak­ti­scher Topoi”.[]
  2. Ent­spre­chen­de Quel­len sind etwa zu fin­den in dem Bei­trag MARTSCHUKAT, JÜRGEN; STORRER, THOMAS (2001): “Gewalt­er­fah­rung und Erin­ne­rung. Das Ende der Skla­ve­rei in den USA.” In: KÖRBER, ANDREAS (Hrsg.; 2001): Inter­kul­tu­rel­les Geschichts­ler­nen. Geschichts­un­ter­richt unter den Bedin­gun­gen von Ein­wan­de­rung und Glo­ba­li­sie­rung. Kon­zep­tio­nel­le Über­le­gun­gen und prak­ti­sche Ansät­ze. Müns­ter: Wax­mann (Novem­ber­aka­de­mie; 2), S. 193 – 203, der aller­dings weit­aus mehr Per­spek­ti­ven bereit­stellt.[]
  3. vgl.:  STRADLING, ROBERT (2004): Mul­ti­per­spec­ti­vi­ty in histo­ry tea­ching. A gui­de for tea­chers.: Cou­cil of Euro­pe, p. 19[]
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