Mitte September 2026 hat das Büro der Senatorin für Schule, Familie und Berufsbildung geantwortet. Hier ein Auszug:
„Es handelt sich bei der archivpädagogischen Stelle im Staatsarchiv Hamburg nicht um eine regelhafte Stelle im Haushaltsplan der Behörde für Schule, Familie und Berufsbildung und damit auch nicht um eine Stellenstreichung. Vielmehr wurde die Aufgabe von Juli 2011 bis Mai 2024 durch eine Lehrkraft und ab Oktober 2026 durch eine andere Lehrkraft wahrgenommen, für die jeweils eine Verwendung außerhalb des schulischen Bereichs gefunden werden musste. Die bisherige Zuweisung kann aus finanziellen Gründen leider nicht fortgesetzt werden.
Auch uns ist es weiterhin ein wichtiges Anliegen, Schülerinnen und Schüler den Zugang zu Geschichte zu ermöglichen. Deswegen stellen wir gemeinsam mit der Behörde für Kultur und Medien sicher, dass die fachkundige Betreuung und Einführung von jungen Menschen, auch von Schülerinnen und Schüler, weiterhin über den Beratungsdienst des Staatsarchivs sichergestellt ist. Die Schülerinnen und Schüler werden dabei von Lehrkräften fachkundig begleitet.Ferner stehen mit den Geschichtswerkstätten außerschulische Lernorte zur Verfügung, die u.a. Archivmaterial, geführte Rundgänge und Kontakt zu Zeitzeuginnen und Zeitzeugen anbieten. Über diese Möglichkeit werden den Lehrkräften über das Landesinstitut für Qualifizierung und Qualitätsentwicklung in Schulen in Hamburg ausführlich informiert. Zudem fördert die Behörde für Schule, Familie und Berufsbildung das Projekt Geschichtomat. Das Geschichtomat-Team unterstützt bei der Suche nach Themen, Interviewpartnern, außerschulischen Lernorten, Archiven, Datenbanken und Bibliotheken wie auch bei der weiteren Recherche.
Zu guter Letzt möchte ich betonen, dass Bildung – und dazu zählt auch die Auseinandersetzung mit Geschichte – eine zentrale Priorität des Hamburger Senats bleibt. Für das Jahr 2027 ist eine Erhöhung des Haushaltsvolumens der Behörde für Schule, Familie und Berufsbildung um rund 7 Prozent auf insgesamt 6,36 Milliarden Euro vorgesehen. Gleichzeitig werden die finanziellen Handlungsspielräume enger, unter anderem durch Tarifanpassungen und steigende Fallzahlen bei gesetzlichen Leistungen. Im Rahmen unserer Haushaltsplanung wägen wir daher sehr genau ab, welche Maßnahmen verhältnismäßig sind. Demokratie- und Medienbildung, einschließlich der Auseinandersetzung mit Geschichte, ist und bleibt ein Schwerpunkt der Hamburger Bildungspolitik.“
Hierzu ein paar kurze Kommentare. Vorausgeschickt sei, dass die angespannte Haushaltslage nicht in Abrede gestellt wird. Das ist aber gerade ein Grund, die Bedeutung der in Frage gestellten Position heraus zu stellen. Das vorausgeschickt:
- Dass eine Verlagerung einer pädagogischen Stelle der Schulbehörde aus dem Staatsarchiv heraus keine Stellenstreichung ist, mag haushaltstechnisch im Rahmen der Schulbehörde richtig sein. Dass dem Staatsarchiv damit eine (ihm nicht gehörende) Stelle zur archivpädagogischen Betreuung von Schüler*innen, Lehrpersonen und auch Lehramtsstudierenden – wie auch weiteren ähnlichen Gruppen — abhanden kommt, ist aber ebenso richtig. Zudem verdeutlicht der erste Satz der Antwort ja erst Recht, dass es der Behörde offenkundig seit längerem nicht um eine qualifizierte Archivpädagogik geht, sondern um eine Ersatzverwendung von Kolleg*innen. Dass diese auf diesen Stellen durchaus wertvolle Arbeit geleistet haben, wird gar nicht in Frage gestellt. Aber die Bedeutung einer Archivpädagogik eigenen Zuschnitts scheint bei diesen Verwendungen gerade keine Rolle gespielt zu haben.
- Die in der Antwort genannten Förderungen von Projekten mehr oder weniger forschenden Lernens im Fach Geschichte sowie der Hinweis auf andere Orte (Geschichtswerkstätten) sind wertvoll. Sie stellen aber keinen Ersatz für eine Archivpädagogik dar – im Gegenteil: Welche Bedeutung eine nicht nur besetzte, sondern selbst aktive Archivpädagogik für die Schulen hat, zeigt nicht zuletzt das Beispiel Münster, wo seit vielen Jahren nicht zuletzt durch die pro-aktiven und unterstützenden, nicht nur beratenden, Leistungen des Stadtarchivs Schüler*innen überdurchschnittlich viele preiswürdige Arbeiten im Geschichtswettbewerb erstellen.
- Zentral ist in der Antwort der Hinweis auf die „Sicherstellung“ der fachlichen Betreuung und Begleitung auch von Schüler*innen durch den Beratungsdienst des Staatsarchivs mit „fachkundiger“ Begleitung durch Lehrkräften. Hier sind einige Fragen und Anmerkungen nötig. Da es ja gerade darum geht, dass die einzige Stelle einer Lehrkraft am Staatsarchiv von dort verlagert wurde, ist zu vermuten, dass mit der „fachkundigen“ Begleitung „durch Lehrkräfte“ die jeweiligen Klassenlehrer*innen der das Staatsarchiv besuchenden Klassen gemeint sind.
Wenn das zutrifft, ist es aber doch aus mehreren Gründen problematisch. Nicht nur, dass es bei Archivpädagogik – ähnlich wie bei der Gedenkstättenpädagogik – und beim Lernen im Staatsarchiv nicht einfach um die Verlängerung und Auslagerung genuin schulischer Lernformen an einen anderen Ort geht, sondern gerade auch darum, die eigene Logik dieses anderen Ortes selbst kennen zu lernen, so dass auch den begleitenden Lehrkräften ein das Staatsarchiv „von innen“ kennendes Gegenüber gebraucht wird — nicht zuletzt auch, damit auch jüngere und künftige Lehrkräfte diesen Ort nicht nur mit seiner rechts- und geschichtswissenschaftlichen Funktion und Logik, sondern auch als außerschulischer Lernort mit eigenem Auftrag überhaupt kennen lernen sollen. Die Reduktion der Archivpädagogik auf die Funktion der Betreuung von Schüler*innen in forschendem Lernen durch – wie auch immer begleitete – Betreuung ist ein Fehler. Bereits in der Lehrkräftebildung (1 und 2. Phase) sollten Lehrkräfte Orte wie das Staatsarchiv nicht nur als potentielle spätere „Kunden“ kennen lernen, sondern die entsprechenden Logiken, Pädagogiken etc. aus der Perspektive dieser außerschulischen Institutionen selbst kennen lernen.
Dafür ist eine entwickelte und besetzte eigene Pädagogik nötig, die mit unterschiedlichen pädagogischen und didaktischen Perspektiven in einen Austausch treten kann – nicht nur konkret Schüler*innen begleiten. - Dass auch für fachdidaktische Forschung zu Lernen im Archiv (etwa bei Abschlussarbeiten Lehramtsstudierender) eine Archivpädagogik und nicht allein der Beratungsdienst eine wichtige Funktion zukommt, muss wohl auch noch einmal betont werden.
Hier nun das ursprüngliche Protestschreiben, auf das die Senatorin wie oben geantwortet hat.
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An den Senat der Freien und Hansestadt Hamburg
– Präses Behörde für Schule, Familie und Berufsbildung – Frau Ksenija Bekeris,
-Präses der Behörde für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung, Frau Maryam Blumenthal
3. September 2026
AK
Protest gegen Streichung der Archivpädagogik am Hamburgischen Staatsarchiv
Sehr geehrte Frau Senatorin Bekeris, sehr geehrte Frau Senatorin Blumenthal,
mit Bestürzung haben wir erfahren, dass die Archivpädagogik am Hamburgischen Staatsarchiv gestrichen werden soll. Auch in Zeiten knapper Kassen bedeutet eine solche Maßnahme nicht nur eine neutrale Einsparung finanzieller Mittel, sondern eine erhebliche Schädigung der Möglichkeiten sowohl des schulischen Geschichtsunterrichts als auch der Ausbildung von Lehrkräften der Geschichtswissenschaft sowie der übrigen geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer. Gerade in Zeiten einer zunehmenden Digitalisierung unserer Kultur und der Tendenzen, dass Schüler*innen nicht nur ihre privaten Informationen, sondern auch solche zu geschichtlichen und sozialen Zusammenhängen zunehmend aus der digitalen Welt beziehen – zuletzt von „Künstlicher Intelligenz“ – ist es für die Herausbildung einer nicht nur zügigen und geschickten sowie selbstsicheren Anwendung der neuen Medien und Formate, sondern mindestens ebenso einer reflektierten und die eigene Verantwortung dabei reflektierenden Haltung zu diesen Medien und ihrem Output gegenüber unabdingbar, dass Schüler*innen wie Lehrkräfte Wissen, Vorstellungen und Erfahrungen mit Fragen der Überlieferungsbildung, Recherche, Überprüfung und Interpretation in allen medialen Formen erwerben und ausbauen. Die nötigen Einsichten und Fähigkeiten beschränken sich gerade nicht allein auf Wissen um Zugang, Retrieval und „Nutzung“, sondern beziehen sich mindestens ebenso auf Einsichten zu Fragen der Speicherung, der Einschätzung von Stabilität und Flüchtigkeit von Informationen sowie auf Prinzipien und Methoden des Umgangs in Abhängigkeit von Medialität, analog und digital, ebenso wie in Bezug auf Digitalisate.
Entsprechendes Wissen wird in modernen Gesellschaften wesentlich durch institutionalisierte Archive vorgehalten. Es gehört zu den unumgänglichen Fähigkeiten von Bürger*innen, die nicht nur Adressat*innen staatlichen und anderen gesellschaftlichen Handelns sein, sondern selbst daran teilhaben sollen, entsprechendes Wissen und entsprechende Fähigkeiten zu erwerben. Ihnen Möglichkeiten wie Anleitung dazu zu bieten, ist staatliche Aufgabe und Verpflichtung. Schulen allein können dies angesichts der zunehmenden Spezialisierung nicht leisten – wohl aber können Schule und Lehrkräftebildung in Zusammenwirken mit einer Archivpädagogik, die die Besonderheiten des Lernortes, seiner Aufgaben und Handlungsweisen für Didaktik und Methodik aktuellen geschichts- bzw. gesellschaftswissenschaftlichen Lernens und die entsprechenden Lehrkräftebildungen zugänglich macht und zugleich die Perspektiven moderner Didaktik in die Institution Archiv vermitteln, dieses leisten. Beide, Schule und Lehrkräftebildung wie auch diesbezügliche didaktische Forschung würden von einer Streichung der derzeitigen Ausstattung des Staatsarchivs Hamburg mit einer solchen Archivpädagogik unweigerlich schwer beeinträchtigt.
Mein Team am Arbeitsbereich Geschichtsdidaktik und ich selbst fordern Sie daher dringend auf, diese Streichung zu überdenken und zurückzunehmen.
Mit freundlichem Gruß,
Andreas Körber, Katinka Kalusche, Annika Stork, Auguste Meister, Daria Uhlig
