An den Senat der Freien und Hansestadt Hamburg
– Präses Behörde für Schule, Familie und Berufsbildung – Frau Ksenija Bekeris,
-Präses der Behörde für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung, Frau Maryam Blumenthal
3. September 2026
AK
Protest gegen Streichung der Archivpädagogik am Hamburgischen Staatsarchiv
Sehr geehrte Frau Senatorin Bekeris, sehr geehrte Frau Senatorin Blumenthal,
mit Bestürzung haben wir erfahren, dass die Archivpädagogik am Hamburgischen Staatsarchiv gestrichen werden soll. Auch in Zeiten knapper Kassen bedeutet eine solche Maßnahme nicht nur eine neutrale Einsparung finanzieller Mittel, sondern eine erhebliche Schädigung der Möglichkeiten sowohl des schulischen Geschichtsunterrichts als auch der Ausbildung von Lehrkräften der Geschichtswissenschaft sowie der übrigen geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer. Gerade in Zeiten einer zunehmenden Digitalisierung unserer Kultur und der Tendenzen, dass Schüler*innen nicht nur ihre privaten Informationen, sondern auch solche zu geschichtlichen und sozialen Zusammenhängen zunehmend aus der digitalen Welt beziehen – zuletzt von „Künstlicher Intelligenz“ – ist es für die Herausbildung einer nicht nur zügigen und geschickten sowie selbstsicheren Anwendung der neuen Medien und Formate, sondern mindestens ebenso einer reflektierten und die eigene Verantwortung dabei reflektierenden Haltung zu diesen Medien und ihrem Output gegenüber unabdingbar, dass Schüler*innen wie Lehrkräfte Wissen, Vorstellungen und Erfahrungen mit Fragen der Überlieferungsbildung, Recherche, Überprüfung und Interpretation in allen medialen Formen erwerben und ausbauen. Die nötigen Einsichten und Fähigkeiten beschränken sich gerade nicht allein auf Wissen um Zugang, Retrieval und „Nutzung“, sondern beziehen sich mindestens ebenso auf Einsichten zu Fragen der Speicherung, der Einschätzung von Stabilität und Flüchtigkeit von Informationen sowie auf Prinzipien und Methoden des Umgangs in Abhängigkeit von Medialität, analog und digital, ebenso wie in Bezug auf Digitalisate.
Entsprechendes Wissen wird in modernen Gesellschaften wesentlich durch institutionalisierte Archive vorgehalten. Es gehört zu den unumgänglichen Fähigkeiten von Bürger*innen, die nicht nur Adressat*innen staatlichen und anderen gesellschaftlichen Handelns sein, sondern selbst daran teilhaben sollen, entsprechendes Wissen und entsprechende Fähigkeiten zu erwerben. Ihnen Möglichkeiten wie Anleitung dazu zu bieten, ist staatliche Aufgabe und Verpflichtung. Schulen allein können dies angesichts der zunehmenden Spezialisierung nicht leisten – wohl aber können Schule und Lehrkräftebildung in Zusammenwirken mit einer Archivpädagogik, die die Besonderheiten des Lernortes, seiner Aufgaben und Handlungsweisen für Didaktik und Methodik aktuellen geschichts- bzw. gesellschaftswissenschaftlichen Lernens und die entsprechenden Lehrkräftebildungen zugänglich macht und zugleich die Perspektiven moderner Didaktik in die Institution Archiv vermitteln, dieses leisten. Beide, Schule und Lehrkräftebildung wie auch diesbezügliche didaktische Forschung würden von einer Streichung der derzeitigen Ausstattung des Staatsarchivs Hamburg mit einer solchen Archivpädagogik unweigerlich schwer beeinträchtigt.
Mein Team am Arbeitsbereich Geschichtsdidaktik und ich selbst fordern Sie daher dringend auf, diese Streichung zu überdenken und zurückzunehmen.
Mit freundlichem Gruß,
Andreas Körber, Katinka Kalusche, Annika Stork, Auguste Meister, Daria Uhlig
