Kritik der Bildungsstandards des Geschichtslehrerverbandes

Eine Kritik der „Bildungsstandards Geschichte“ des Geschichtslehrerverbandes aus dem hessischen Landesverband, vorgelegt von Wolfgang Geiger und Martin Liepach, findet sich unter folgender Adresse:

http://www.geschichtslehrerverband-hessen.de/multimedia/dateien/kritik_bildungsstandards.pdf

Geschichtslernen an Stolpersteinen

Körber, Andreas: „Geschichtslernen an Stolpersteinen“

Im Rahmen eines Seminars zu „Lernorten“ haben sich Arbeitsgruppen mit den inzwischen in vielen Städten Deutschlands verlegten „Stolpersteinen“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig als Formen der Erinnerung und Orten für bzw. Gegenständen des Lernens beschäftigt.

Dabei ist mir aufgefallen, dass offenkundig ein Grundmuster der „Didaktisierung“ darin besteht, die Stolpersteine zum Anlass zu nehmen, die konkreten Biographien der Opfer von Deportation und Vernichtung, an die sie erinnern, zum eigentlichen Gegenstand des Lernens zu machen. Die Beschäftigung mit den konkreten Menschen, so die Argumentation, ermögliche eine lernende Reflexion auf die Auswirkungen der Politik des Nationalsozialismus auf konkrete Menschen, auf die Bedingungen von Handeln und Leiden, und somit auch ein Lernen, welches die eigene Person, die Orientierung, in den Mittelpunkt stelle — weniger die trockenen „Fakten“.

Ich will diese Form der Didaktisierung, welche eine Parallele zum „biographischen Arbeiten“ in der Gedenkstättenpädagogik darstellt, nicht infrage stellen, möchte aber doch einige skeptische Fragen und eine mögliche Alternative skizzieren:

    • Besteht nicht bei solch einem Anlass — gerade bei jüngeren Schüler(inne)n — die Gefahr eine Überwältigung durch eine Opfergeschichte, welche den eigenen Verarbeitungshorizont übersteigt?
    • Was wäre das gewünschte Lernziel? Identifikation mit den Opfern?
      1. Wohl kaum im Sinne einer Projektion in die Opfer hinein.
      2. auch wohl kaum im Sinne einer Verengung des Nachdenkens über das Geschehens aus einer (an Hand von Quellen) re-konstruierten oder nachempfundenen Opferperspektive.
        1. dass Erinnern an Vergangenes in dieser Gesellschaft in ganz unterschiedlichen Formen statt findet
        2. dass das seinen Grund hat
        3. dass dieses Erinnern und seine Formen keineswegs immer schon da waren und selbstverständlich sind, sondern dass um sie gerungen wird, darüber diskutiert,
        4. dass Erinnern nicht einfach „fertig“ ist, wenn ein Denkmal, ein Gedenkstein, eine Stolperstein liegt, sondern dass es um ein immer neues Nach-Denken geht.

      Es ist somit m.E. möglich, gerade auch im Geschichtsunterricht über das Gedenken und Erinnern, über Formen der Vergegenwärtigung von Vergangenheit als Teil des gegenwärtigen Umgangs der Gesellschaft zu lernen.

Dies würde kaum den Forderung entsprechen, dass Geschichtsunterricht zur Orientierung der eigenen Identität und des eigenen Handelns dienen soll.

Meines Erachtens bieten die Stolpersteine gerade dann einen guten Ansatzpunkt zu historischem Lernen, wenn man nicht vorschnell ihrem Verweis auf die konkreten Opfer folgt, sondern sie zunächst als das ernst und in den Blick nimmt, was sie sind: Formen der Auseinandersetzung der gegenwärtigen Gesellschaft mit der Vergangenheit, auf die sie verweisen — und mit sich selbst, als umstrittene Formen der Erinnerungskultur zu einer umstrittenen Vergangenheit.
Dieser Logik zufolge müssten zunächst die Stolpersteine selbst Gegenstand des Lernens werden – die Tatsache, dass sie an bestimmten Orten liegen, dass dieses keineswegs selbstverständlich ist, dass es Menschen gibt, die sich dafür einsetzen (und ihre Argumente) und solche, die dagegen sein – aus verschiedenen Gründen, von profanen, erinnerungskulturell gedankenlosen (etwa Furcht um die Beeinträchtigung des Geschäfts vor dem ein Stein liegt) über eminent historische (etwa Scham über das eigene Wegsehen damals, aber auch über die eigene erinnerungskulturelle Untätigkeit oder Zögerlichkeit) bis hin zu politischen (Leugnung des Geschehens, Abwehr dieser Form der ‚Schuldpräsentation‘) – aber auch zu unterschiedlichen erinnerungskulturellen Symboliken und Wertungen (s. Zentralrat der Juden, Stadt München, Sinti und Roma).
Durch die zunächst auf die Gegenwart blickende Erschließung der Stolpersteine in ihrer Programmatik und Symbolik, politischen Bedeutung, den Pros und Contras erst wird der Blick auf die konkreten Menschen gelenkt, derer gedacht wird. Das ist m.E. nur auf den ersten Blick eine „Instrumentalisierung“, bei genauerem Hinsehen vielmehr eine „Aufwertung“. Diese Menschen werden dann nämlich als Menschen Gegenstand historischer Betrachtung und historischen Lernens, die dieser Gesellschaft etwas bedeuten (wenn auch unterschiedliches), nicht als von außen (dem Lehrer, der Initiative, den Autoren eines Begleithefts) vorgegebene Beispiele.
Ein solches Vorgehen, das von der gegenwärtigen Umstrittenheit ausgeht, von der gegenwärtigen Erinnerungskultur mit ihren Verwerfungen und Debatten, ermöglicht es m.E. auch, das Lernen über den Holocaust und die Deportationen in eine längere Progression zu überführen. Mit jüngeren Schülerinnen und Schülern könnte somit zunächst noch ohne die Gefahr der Überforderung und Überwältigung die Tatsache thematisiert werden,

(Neuer) Text zur Bedeutung von Kompetenzmodellen bei der Unterrichtsplanung

Die Kollegen Peter Gautschi, Jan Hodel und Hans Utz haben bereits im Frühjahr im Internet (auf der Seite eines Gymnasiums) einen Text zur Rolle von Kompetenzmodellen für den Geschichtslehrer veröffentlich.

Er bezieht sich auf das von Peter Gautschi inzwischen auch in seiner Dissertation weitergeführte Kompetenzmodell „Guter Geschichtsunterricht“ — also nicht unser FUER-Modell, ist aber „dennoch“ (gemeint ist natürlich: auch deshalb) zu empfehlen.

GAUTSCHI, PETER; HODEL, JAN; UTZ, HANS (2009): „Kompetenzmodell «Guter Geschichtsunterricht» – eine Orientierungshilfe zur Angebotsplanung für Lehrerinnen und Lehrer. Online unter: http://www.gymlaufen.ch/fileadmin/pdf/was/oa11/oa11_2011/Kompetenzmodell-Geschichte-OA2011.pdf (gelesen 9.12.2009).15.4.2009.

Eine andere Fassung (Stand: 8.2009) findet sich hier:

GAUTSCHI, PETER; HODEL, JAN; UTZ, HANS (2009): „Kompetenzmodell für «Historisches Lernen» – eine Orientierungshilfe für Lehrerinnen und Lehrer. Online unter: http://www.fhnw.ch/ph/isek/Sekundarstufe%201/de/Datenablage%20Webmaster/docs-professuren/gautschi/kompetenzmodell (gelesen 9.12.2009).8.2009.

KÖRBER, ANDREAS (2010): "Aktuelle Themen im Geschichtsunterricht? Zwei Möglichkeiten geschichtlichen Lernens."" In: Schulmagazin 5-10; 1/2010; S. 5-8.

Körber, Andreas (2010): „Aktuelle Themen im Geschichtsunterricht? Zwei Möglichkeiten geschichtlichen Lernens.““ In: Schulmagazin 5-10; 1/2010; S. 5-8.

Körber, Andreas (2010): „Aktuelle Themen im Geschichtsunterricht? Zwei Möglichkeiten geschichtlichen Lernens.““ In: <a href=“http://www.oldenbourg-klick.de/zeitschriften/schulmagazin-5-10/2010-1/aktuelle-themen-im-geschichtsunterricht“>Schulmagazin 5-10; 1/2010</a>; S. 5-8.

27.11.2009: Gastvortrag von Prof. Dr. Bea Lundt (Flensburg)


Liebe Kommiliton(inn)en,

am 27.11. startet der Arbeitsbereich Geschichtsdidaktik eine neue Reihe mit Gastvorträgen. Den Anfang macht Frau Prof. Dr. Bea Lundt von der Universität Flensburg:

A.Körber

Gastvortrag von Frau Prof. Dr. Bea Lundt:

Das Afrikanische Mittelalter als Herausforderung für die Geschichtsdidaktik.


beafrika_1Afrika im Mittelalter? Bei dem Begriff „Mittelalter“ tauchen cbeafrika_1hristliche Dome vor unseren inneren Augen auf, Ritter in glänzenden Rüstungen, städtische Handwerker, aber auch arme und unwissende Bauern in ihren unzivilisierten Dörfern. Gerade erst erschienen sind Unterrichts-materialien, die auch weiterhin „das Reich“ und seine Kaiser als Vorform Deutschlands präsentieren; noch immer eingesetzt wird eine dreigliedrige Lehnspyramide zur Kennzeichnung einer statischen sozialen Ordnung, die angeblich die Vormoderne kenn-zeichnete. Dabei zeigt uns die Forschung seit einigen Jahren eine differenzierte, multireligiöse und multikulturelle Epoche von hoher Mobilität in einem weit über Europa hinausreichenden Raum. Am Ende der Karawanenstraßen durch die Sahara befanden sich große Städte und Reiche. Zur Zeit werden in dem mittelalterlichen Gelehrtenzentrum Timbuktu zahlreiche arabische Handschriften gesichert, die von Reichtum und Wissen einer islamischen Schriftkultur des Mittelalters zeugen. In Afrika ist man sich dieser Tradition bewusst und pflegt sie. Doch in die mitteleuropäischen Geschichtsbilder sind solche Erkenntnisse noch nicht eingearbeitet. Wir werden „unser“ Mittelalter teilen müssen…

Frau Prof. Dr. Bea Lundt ist Professorin für mittelalterliche Geschichte und für die Didaktik der Geschichte an der Universität Flensburg, ebenso nimmt sie Lehraufträge und Assoziierungen an der Humboldt-Universität zu Berlin wahr.

Datum: 27. November 2009

Uhrzeit: 18.00 Uhr

Ort: Anna- Siemsen- Hörsaal

(Von- Melle- Park 8 )

Vortrag zu kompetenzorientiertem Geschichtslernen an Gedenkstätten

Körber, Andreas (3. 10. 2009): “Lehrer, Gedenkstätten, Schüler. Zum Verhältnis von schulischer und außerschulischer Bildung an Gedenkstätten.” Vortrag, gehalten auf dem Kolloquium: “Das KZ Neuengamme und seine Außenlager. Geschichte, Nachgeschichte, Erinnerung, Bildung” in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

Körber, Andreas (3. 10. 2009): “Lehrer, Gedenkstätten, Schüler. Zum Verhältnis von schulischer und außerschulischer Bildung an Gedenkstätten.” Vortrag, gehalten auf dem Kolloquium: “Das KZ Neuengamme und seine Außenlager. Geschichte, Nachgeschichte, Erinnerung, Bildung” in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

Gastvortrag: Learning Each Other's Historical Narrative

Learning Each Other‘s Historical Narrative – Gastvortrag

Vortrag am 16. Juli 2009 16:15

Einladung zu einem

Gastvortrag
in englischer Sprache

Prof. Dr. Shifra Sagy
(Ben-Gurion-University of the Negev;
Beer-Sheva, Israel)

Prof. Dr. Sami Adwan
(Bethlehem University,
Palestinian Authority)

Learning Each Other‘s Historical Narrative
An innovative form of peace-promoting history teaching and its background conditions in conflicting societies

Sami Adwan, Prof. of Education in Bethlehem, is co-initiator (together with the late with Dan Bar-On) and co-director of PRIME, the Peace-Research Institute for the Middle East in Talitha Kumi. In this function, he initiated a project for promoting a culture of mutual understanding among Jewish Israeli and Palestinian Students using a history textbook presenting the history of their societies‘ conflict in two contrasting narratives (Learning each other‘s historical narrative; 3 volumes). This project makes use of principles which correlate with standard principles of history teaching, theoretically cherished in German history didactics, however not fully implemented in teaching materials so far (multiperspectivity, controversialty, orientation on narratives rather than only on primary sources). Prof. Adwan will give a presentation about the idea of, the concept for and the experiences with this project.

Shifra Sagy, Prof. of Psychology, has undertaken empirical research about the perception of the mutual conflict among Jewish and Arab Israeli students in a longitudinal study. She will present her results and discuss them with special regard to effects of the the changing political situation onto both the perception and interpretation both of the past and on the attitudes towards the other.

Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft

Professur für Erziehungswissenschaft

unter bes. Berücksichtigung der Didaktik der Geschichte und der Politik

Prof. Dr. Andreas Körber

Kommentar zu einem Eintrag bei weblog.histnet.ch über Wikipedia im Geschichtsunterricht

Ich war beim Werkstattgespräch leider nicht dabei. Was mich aber wirklich interessieren würde jenseits aller (nein: neben allen) Fragen nach Authentizität, Verlässlichkeit, Reproduzierbarkeit ist unter spezifisch didaktischen Gesichtspunkten die Frage, ob mittels der Diskussions-Seiten von Wikipedia (und ähnlichen Projekten) das (nicht nur geschichts-) didaktische Konzept der “Kontroversität” besonders in Wert gesetzt werden kann.
Das Konzept basiert ja auf der theoretisch einsichtigen Vorstellung, dass es nicht die eine wahre Geschichte gibt, sondern jeweils perspektivisch und kulturell sowie wertend unterschiedliche, und dass es so zu einer Mehrzahl von nicht immer spannungsfrei miteinander kombinierbaren Re-Konstruktionen kommt.

Für den Geschichtsunterricht wird -in Anlehnung an den Beutelsbacher Konsens (1976)- dann gefordert, dass, was in Wissenschaft und Gesellschaft kontrovers ist, auch im Unterricht kontrovers thematisiert werden müsse, damit Schülerinnen und Schüler lernen, mit eben diesen Kontroversen in der Gesellschaft umzugehen (so zumindest unsere kompetenztheoretische Vorstellung; vgl. Schreiber/Körber 2006).
Im Rahmen der konventionellen Unterrichtsmedien kann dieses geschehen, indem in diesen “typische” Positionen einander gegenüber gestellt werden (wenn es auch noch immer zu wenige wirklich multiperspektivisch und kontrovers angelegte Quellensammlungen gibt), und, indem die Schülerinnen und Schüler mit oder ohne Hilfe in ihrer Umgebung solche Deutungs-Kontroversen entdecken.

Wird das mit Wikipedia anders und leichter? Stellen die Diskussions-Seiten eine relevante Auswahl relevanter und repräsentativer Perspektiven und Kontroversen dar? Gibt es also durch Wikipedia weniger auf den Haupt-Seiten, sondern mehr auf den Debatten-Seiten einen Zugriff auf die Realität des Deutungsgeschäfts (Vgl. meinen Vortrag in Schleswig)?

Und – daran anschließend – welche Konzepte und Kategorien sowie methodische Fähigkeiten müssen entwickelt und gefördert werden, um in diesen doch nicht spezifisch vorstrukturierten Debatten die relevanten Perspektiven zu entziffern, ihre Deutungen zu de-konstruieren und diskutierbar zu machen?

Hier wäre es z.B. sinnvoll, an konkreten historischen Themen einmal die Debattenseiten zu analysieren, um exemplarisch zu erarbeiten, ob diese das oben geschilderte Potential haben, oder ob sie sich doch eher als Spielwiese für abstruse Detaildiskussionen von ‘Freaks’ oder für politische Grabenkämpfe erweisen? [Damit soll nicht gesagt sein, dass das nicht gerade relevante Diskussionen ergibt, wer aber etwa die Debatte um Illigs These zwischen dessen Adepten Günter Lelarge und einer weitgehend wechselnden Gruppe eher wissenschaftlich argumentierender Teilnehmer in einer newsgroup kennt, kennt auch die politischen Publikationen).

Gruß

Andreas Körber

Beitrag zur Zusammenarbeit zwischen Geographie- und Geschichtsunterricht

Körber, Andreas (2006): Geschichte und Geographie – kategoriale Möglichkeiten der Kooperation. Eine Skizze aus der Sicht einer narrativistischen und kompetenzorientierten Geschichtsdidaktik. In Tobias Arand, Bodo von Borries, Andreas Körber, Waltraud Schreiber, Anna Wenzl, Béatrice Ziegler (Eds.): Geschichtsunterricht im Dialog. Fächerübergreifende Zusammenarbeit ; [Tagung]. Münster: Zentrum für Lehrerbildung (ZfL-Text, 11), ISBN: 978-3-934064-59, pp. 201–217.

Körber, Andreas (2006): Geschichte und Geographie – kategoriale Möglichkeiten der Kooperation. Eine Skizze aus der Sicht einer narrativistischen und kompetenzorientierten Geschichtsdidaktik. In Tobias Arand, Bodo von Borries, Andreas Körber, Waltraud Schreiber, Anna Wenzl, Béatrice Ziegler (Eds.): Geschichtsunterricht im Dialog. Fächerübergreifende Zusammenarbeit; Münster: Zentrum für Lehrerbildung (ZfL-Text, 11), <a href=“https://portal.dnb.de/opac.htm?query=978-3-934064-59-1&method=simpleSearch“>ISBN: 978-3-934064-59</a>, pp. 201–217.

Ein Beitrag zur Analyse videographierter / transkribierter Unterrichtsstunden

Körber, Andreas (2003): „Analyse von Geschichtsunterrichtstunden im Projekt ‚FUER Geschichtsbewusstsein‘.“ In: Zeitschrift für Geschichtsdidaktik 2, S. 89-101.

Körber, Andreas (2003): „Analyse von Geschichtsunterrichtstunden im Projekt ‚FUER Geschichtsbewusstsein‘.“ In: Zeitschrift für Geschichtsdidaktik 2, S. 89-101.