Geschichtslernen an Stolpersteinen

Körber, Andreas: „Geschichtslernen an Stolpersteinen“

Im Rahmen eines Seminars zu „Lernorten“ haben sich Arbeitsgruppen mit den inzwischen in vielen Städten Deutschlands verlegten „Stolpersteinen“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig als Formen der Erinnerung und Orten für bzw. Gegenständen des Lernens beschäftigt.

Dabei ist mir aufgefallen, dass offenkundig ein Grundmuster der „Didaktisierung“ darin besteht, die Stolpersteine zum Anlass zu nehmen, die konkreten Biographien der Opfer von Deportation und Vernichtung, an die sie erinnern, zum eigentlichen Gegenstand des Lernens zu machen. Die Beschäftigung mit den konkreten Menschen, so die Argumentation, ermögliche eine lernende Reflexion auf die Auswirkungen der Politik des Nationalsozialismus auf konkrete Menschen, auf die Bedingungen von Handeln und Leiden, und somit auch ein Lernen, welches die eigene Person, die Orientierung, in den Mittelpunkt stelle — weniger die trockenen „Fakten“.

Ich will diese Form der Didaktisierung, welche eine Parallele zum „biographischen Arbeiten“ in der Gedenkstättenpädagogik darstellt, nicht infrage stellen, möchte aber doch einige skeptische Fragen und eine mögliche Alternative skizzieren:

    • Besteht nicht bei solch einem Anlass — gerade bei jüngeren Schüler(inne)n — die Gefahr eine Überwältigung durch eine Opfergeschichte, welche den eigenen Verarbeitungshorizont übersteigt?
    • Was wäre das gewünschte Lernziel? Identifikation mit den Opfern?
      1. Wohl kaum im Sinne einer Projektion in die Opfer hinein.
      2. auch wohl kaum im Sinne einer Verengung des Nachdenkens über das Geschehens aus einer (an Hand von Quellen) re-konstruierten oder nachempfundenen Opferperspektive.
        1. dass Erinnern an Vergangenes in dieser Gesellschaft in ganz unterschiedlichen Formen statt findet
        2. dass das seinen Grund hat
        3. dass dieses Erinnern und seine Formen keineswegs immer schon da waren und selbstverständlich sind, sondern dass um sie gerungen wird, darüber diskutiert,
        4. dass Erinnern nicht einfach „fertig“ ist, wenn ein Denkmal, ein Gedenkstein, eine Stolperstein liegt, sondern dass es um ein immer neues Nach-Denken geht.

      Es ist somit m.E. möglich, gerade auch im Geschichtsunterricht über das Gedenken und Erinnern, über Formen der Vergegenwärtigung von Vergangenheit als Teil des gegenwärtigen Umgangs der Gesellschaft zu lernen.

Dies würde kaum den Forderung entsprechen, dass Geschichtsunterricht zur Orientierung der eigenen Identität und des eigenen Handelns dienen soll.

Meines Erachtens bieten die Stolpersteine gerade dann einen guten Ansatzpunkt zu historischem Lernen, wenn man nicht vorschnell ihrem Verweis auf die konkreten Opfer folgt, sondern sie zunächst als das ernst und in den Blick nimmt, was sie sind: Formen der Auseinandersetzung der gegenwärtigen Gesellschaft mit der Vergangenheit, auf die sie verweisen — und mit sich selbst, als umstrittene Formen der Erinnerungskultur zu einer umstrittenen Vergangenheit.
Dieser Logik zufolge müssten zunächst die Stolpersteine selbst Gegenstand des Lernens werden – die Tatsache, dass sie an bestimmten Orten liegen, dass dieses keineswegs selbstverständlich ist, dass es Menschen gibt, die sich dafür einsetzen (und ihre Argumente) und solche, die dagegen sein – aus verschiedenen Gründen, von profanen, erinnerungskulturell gedankenlosen (etwa Furcht um die Beeinträchtigung des Geschäfts vor dem ein Stein liegt) über eminent historische (etwa Scham über das eigene Wegsehen damals, aber auch über die eigene erinnerungskulturelle Untätigkeit oder Zögerlichkeit) bis hin zu politischen (Leugnung des Geschehens, Abwehr dieser Form der ‚Schuldpräsentation‘) – aber auch zu unterschiedlichen erinnerungskulturellen Symboliken und Wertungen (s. Zentralrat der Juden, Stadt München, Sinti und Roma).
Durch die zunächst auf die Gegenwart blickende Erschließung der Stolpersteine in ihrer Programmatik und Symbolik, politischen Bedeutung, den Pros und Contras erst wird der Blick auf die konkreten Menschen gelenkt, derer gedacht wird. Das ist m.E. nur auf den ersten Blick eine „Instrumentalisierung“, bei genauerem Hinsehen vielmehr eine „Aufwertung“. Diese Menschen werden dann nämlich als Menschen Gegenstand historischer Betrachtung und historischen Lernens, die dieser Gesellschaft etwas bedeuten (wenn auch unterschiedliches), nicht als von außen (dem Lehrer, der Initiative, den Autoren eines Begleithefts) vorgegebene Beispiele.
Ein solches Vorgehen, das von der gegenwärtigen Umstrittenheit ausgeht, von der gegenwärtigen Erinnerungskultur mit ihren Verwerfungen und Debatten, ermöglicht es m.E. auch, das Lernen über den Holocaust und die Deportationen in eine längere Progression zu überführen. Mit jüngeren Schülerinnen und Schülern könnte somit zunächst noch ohne die Gefahr der Überforderung und Überwältigung die Tatsache thematisiert werden,

Vortrag im Rahmen des Allgemeinen Vorlesungswesens: Lernort Gedenkstätte?

Körber, Andreas: (8.12.2009): „Lernort Gedenkstätte?“ Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Lernort Hamburg“ des Allgemeinen Vorlesungswesens der Universität Hamburg

Körber, Andreas: (8.12.2009): „Lernort Gedenkstätte?“ Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Lernort Hamburg“ des Allgemeinen Vorlesungswesens der Universität Hamburg am 8. Dezember 2009. Video

Ein Artikel zu kompetenzorientiertem historischem Lernen in der Grundschule/Primarstufe

Körber, Andreas (2009): „Wasser – ein geeignetes Thema zum historischen Lernen in der Grundschule?“ In: Fournés, Angelika (Hg.; 2009): Wasser – Sinnbild des Lebens. Wegweiser zu einem vielperspektivisch-diskursiven Sachunterricht. Hamburg: Dr. Kovac; ISBN: 9783830040842; S. 96-106.

Ein Beitrag zu Möglichkeiten (kompetenzorientierten) historisschen Lernens in der Grundschule /Primarstufe.

Körber, Andreas (2009): „Wasser – ein geeignetes Thema zum historischen Lernen in der Grundschule?“ In: Fournés, Angelika (Hg.; 2009): Wasser – Sinnbild des Lebens. Wegweiser zu einem vielperspektivisch-diskursiven Sachunterricht. Hamburg: Dr. Kovac; ISBN: 9783830040842 ; S. 69-106.

Vortrag zu kompetenzorientiertem Geschichtslernen in Museen

Körber, Andreas (28. 10. 2009): “Historisches Denken zwischen Museum und Schule.” Impulsreferat gehalten auf der Tagung “Museum und Schule – erfolgreiche Partner?” der Hanns-Seidel-Stiftung und des Bezirks Oberfranken im Tagungszentrum Kloster Banz.

Körber, Andreas (28. 10. 2009): “Historisches Denken zwischen Museum und Schule.” Impulsreferat gehalten auf der Tagung “Museum und Schule – erfolgreiche Partner?” der Hanns-Seidel-Stiftung und des Bezirks Oberfranken im Tagungszentrum Kloster Banz.

Vortrag zur Kompetenzorientierung in einer Lehrplan/Curriculumskommission

Körber, Andreas (7. 9. 2009): “Kompetenzorientiertes Geschichtslernen.” Präsentation vor der Arbeitsgruppe “Kerncurriculum Geschichte Oberstufe” Niedersachsen in Bad Nenndorf am 7. 9. 2009.

Körber, Andreas (7. 9. 2009): “Kompetenzorientiertes Geschichtslernen.” Präsentation vor der Arbeitsgruppe “Kerncurriculum Geschichte Oberstufe” Niedersachsen in Bad Nenndorf am 7. 9. 2009.

Ein Artikel zur Möglichkeit quantitativer Messung (als solcher wünschenswerter) historischer Kompetenzen (skeptisch) und gegen eine (enge) Standardisierung-

Körber, Andreas (in Zusammenarbeit mit Bodo von Borries, Christine Pflüger, Waltraud Schreiber und Béatrice Ziegler (2008): „Sind Kompetenzen historischen Denkens messbar?“. In: Frederking, Volker (Hg.): Schwer messbare Kompetenzen. Herausforderungen empirischer Fachdidaktik und unterrichtlicher Praxis. Baltmannsweiler: Schneider; ISBN: 9783834005151; S. 65-84.

Körber, Andreas (in Zusammenarbeit mit Bodo von Borries, Christine Pflüger, Waltraud Schreiber und Béatrice Ziegler (2008): „Sind Kompetenzen historischen Denkens messbar?“. In: Frederking, Volker (Hg.): Schwer messbare Kompetenzen. Herausforderungen empirischer Fachdidaktik und unterrichtlicher Praxis. Baltmannsweiler: Schneider; ISBN: 9783834005151; S. 65-84.

Körber, Andreas (2008): „Das Deutsch-französische Schulgeschichtsbuch aus fachdidaktischer Perspektive.“ In: Georg-Eckert-Institut (Hg.; 2008): Eckert. Dossier. Europa und die Welt. Historie/Geschichte 2. Online: http://www.gei.de/publikationen/eckert-dossiers/europa-und-die-welt/fachdidaktik.html.
Übersetzungen:

  1. Francais: Körber, Andreas (2008): „Le manuel d’Histoire franco-allemand dans une perspective didactique.“ In: Georg-Eckert-Institut (2008; Ed.): Eckert. Dossier. Europa und die Welt. Historie/Geschichte 2. En ligne: http://www.gei.de/index.php?id=1325 (vue 30.10.2008). (traduit de l’allemand par Isabelle Quillévéré).
  2. English: Körber, Andreas (2008): The Franco-German History Textbook from the Perspective of Specialist Didactics. Online: http://www.gei.de/publikationen/eckert-dossiers/europa-und-die-welt/fachdidaktik/didactics.html. (Translated from German by Wendy Anne Kopisch).

Körber, Andreas (2008): „Das Deutsch-französische Schulgeschichtsbuch aus fachdidaktischer Perspektive.“ In: Georg-Eckert-Institut (Hg.; 2008): Eckert. Dossier. Europa und die Welt. Historie/Geschichte 2. Online: http://www.gei.de/publikationen/eckert-dossiers/europa-und-die-welt/fachdidaktik.html.
Übersetzungen:

  1. Francais: Körber, Andreas (2008): „Le manuel d’Histoire franco-allemand dans une perspective didactique.“ In: Georg-Eckert-Institut (2008; Ed.): Eckert. Dossier. Europa und die Welt. Historie/Geschichte 2. En ligne: http://www.gei.de/index.php?id=1325 (vue 30.10.2008). (traduit de l’allemand par Isabelle Quillévéré).
  2. English: Körber, Andreas (2008): The Franco-German History Textbook from the Perspective of Specialist Didactics. Online: http://www.gei.de/publikationen/eckert-dossiers/europa-und-die-welt/fachdidaktik/didactics.html. (Translated from German by Wendy Anne Kopisch).

Vortrag in Oslo in englischer Sprache zur Entwicklung der deutschen Geschichtsdidaktik vom Geschichtsbewusstseins-Konzept zur Kompetenzorientierung

Körber, Andreas (6. 11. 2008): “From Historical Consciousness to Historical Competencies – what Didactics of History is (or could be) about.” Paper presented to the Conference „Historicising the uses of the past“, Oslo; November, 5th to 6th, 2008.

Körber, Andreas (6. 11. 2008): “From Historical Consciousness to Historical Competencies – what Didactics of History is (or could be) about.” Paper presented to the Conference „Historicising the uses of the past“, Oslo; November, 5th to 6th, 2008.

Vortrag zum interkulturellen Geschichtslernen

Körber, Andreas (19. 9. 2008): “Dimensionen des Interkulturellen Geschichtslernens. Theoretische Perspektiven für das Geschichtslernen in lokaler außerschulischer Projektarbeit mit Jugendlichen in der Zuwanderungsgesellschaft”. Vortrag auf dem Fachtag “Geschichtslernen in der Zuwanderungsgesellschaft” des Landesjugendrings Berlin und des Landesjugendrings Brandenburg am 19. 9. 2008 im Rathaus Charlottenburg; Berlin. Dokumentation in Vorbereitung.

Körber, Andreas (19. 9. 2008): “Dimensionen des Interkulturellen Geschichtslernens. Theoretische Perspektiven für das Geschichtslernen in lokaler außerschulischer Projektarbeit mit Jugendlichen in der Zuwanderungsgesellschaft”. Vortrag auf dem Fachtag “Geschichtslernen in der Zuwanderungsgesellschaft” des Landesjugendrings Berlin und des Landesjugendrings Brandenburg am 19. 9. 2008 im Rathaus Charlottenburg; Berlin. Dokumentation in Vorbereitung.

Kommentar zu einem Eintrag bei weblog.histnet.ch über Wikipedia im Geschichtsunterricht

Ich war beim Werkstattgespräch leider nicht dabei. Was mich aber wirklich interessieren würde jenseits aller (nein: neben allen) Fragen nach Authentizität, Verlässlichkeit, Reproduzierbarkeit ist unter spezifisch didaktischen Gesichtspunkten die Frage, ob mittels der Diskussions-Seiten von Wikipedia (und ähnlichen Projekten) das (nicht nur geschichts-) didaktische Konzept der “Kontroversität” besonders in Wert gesetzt werden kann.
Das Konzept basiert ja auf der theoretisch einsichtigen Vorstellung, dass es nicht die eine wahre Geschichte gibt, sondern jeweils perspektivisch und kulturell sowie wertend unterschiedliche, und dass es so zu einer Mehrzahl von nicht immer spannungsfrei miteinander kombinierbaren Re-Konstruktionen kommt.

Für den Geschichtsunterricht wird -in Anlehnung an den Beutelsbacher Konsens (1976)- dann gefordert, dass, was in Wissenschaft und Gesellschaft kontrovers ist, auch im Unterricht kontrovers thematisiert werden müsse, damit Schülerinnen und Schüler lernen, mit eben diesen Kontroversen in der Gesellschaft umzugehen (so zumindest unsere kompetenztheoretische Vorstellung; vgl. Schreiber/Körber 2006).
Im Rahmen der konventionellen Unterrichtsmedien kann dieses geschehen, indem in diesen “typische” Positionen einander gegenüber gestellt werden (wenn es auch noch immer zu wenige wirklich multiperspektivisch und kontrovers angelegte Quellensammlungen gibt), und, indem die Schülerinnen und Schüler mit oder ohne Hilfe in ihrer Umgebung solche Deutungs-Kontroversen entdecken.

Wird das mit Wikipedia anders und leichter? Stellen die Diskussions-Seiten eine relevante Auswahl relevanter und repräsentativer Perspektiven und Kontroversen dar? Gibt es also durch Wikipedia weniger auf den Haupt-Seiten, sondern mehr auf den Debatten-Seiten einen Zugriff auf die Realität des Deutungsgeschäfts (Vgl. meinen Vortrag in Schleswig)?

Und – daran anschließend – welche Konzepte und Kategorien sowie methodische Fähigkeiten müssen entwickelt und gefördert werden, um in diesen doch nicht spezifisch vorstrukturierten Debatten die relevanten Perspektiven zu entziffern, ihre Deutungen zu de-konstruieren und diskutierbar zu machen?

Hier wäre es z.B. sinnvoll, an konkreten historischen Themen einmal die Debattenseiten zu analysieren, um exemplarisch zu erarbeiten, ob diese das oben geschilderte Potential haben, oder ob sie sich doch eher als Spielwiese für abstruse Detaildiskussionen von ‘Freaks’ oder für politische Grabenkämpfe erweisen? [Damit soll nicht gesagt sein, dass das nicht gerade relevante Diskussionen ergibt, wer aber etwa die Debatte um Illigs These zwischen dessen Adepten Günter Lelarge und einer weitgehend wechselnden Gruppe eher wissenschaftlich argumentierender Teilnehmer in einer newsgroup kennt, kennt auch die politischen Publikationen).

Gruß

Andreas Körber