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Eine der For­meln, die sich im Zuge der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung des Faches Geschich­te eta­bliert haben, ist die von Wal­traud Schrei­ber gepräg­te For­mu­lie­rung von “reflek­tier­tem und (selbst-)reflexivem” Geschichts­be­wusst­seins als Ziel his­to­ri­schen Ler­nens. Die Unter­schei­dung bei­der Par­ti­kel ist zumeist dahin­ge­hend erläu­tert wor­den, dass das letz­te­re Ele­ment die Fokus­sie­rung des his­to­ri­schen Den­kens nicht nur auf den (ver­gan­ge­nen) Gegen­stand und sei­ne Bezie­hung der Gegen­wart umfasst wie das zuerst genann­te, son­dern die spe­zi­fi­sche Wen­dung des Geschichts­be­wusst­seins bzw. seine*r Träger*in auf die eige­ne Posi­ti­on und Rol­le dabei, also auf die Eigen­schaft auch Akteur*in des eige­nen Geschichts­den­kens zu sein.

In einem ande­ren Zugriff haben vor zwei Jah­ren Chris­ti­an Heu­er, Wal­traud Schrei­ber und ich in einem nicht publi­zier­ten und nicht video­gra­phier­ten Vor­trag auf einer Tagung der Sek­ti­on Schul­päd­ago­gik der Deut­schen Gesell­schaft für Erzie­hungs­wis­sen­schaft die Unter­schei­dung von “Reflek­tier­heit” und “Refle­xi­vi­tät” ähn­lich, aber doch in ent­schei­den­der Hin­sicht anders getrof­fen.1 Wir haben dort “Reflek­tiert­heit” als Aus­weis eines mitt­le­ren Kom­pe­tenz­ni­veaus und “Refle­xi­vi­tät” als Indi­ka­tor für das ela­bo­rier­te Niveau ange­nom­men, begrün­det mit der schon im Niveau­un­ter­schei­dungs- (also Graduierungs-)Konzept des FUER-Kom­pe­tenz­mo­dells ange­leg­ten Defi­ni­ti­on, dass das mitt­le­re (inter­me­diä­re) Niveau his­to­ri­schen Den­kens in der Nut­zung kon­ven­tio­nel­ler Begrif­fe, Kon­zep­te, Metho­den etc. für eigen­stän­di­ges his­to­ri­sches Den­ken, das ela­bo­rier­te Niveau hin­ge­gen dar­in bestehe, dass die­se Kon­ven­tio­nen nicht ein­fach (pro­duk­tiv) ange­wandt, son­dern (gewis­ser­ma­ßen “neben” deren Anwen­dung) selbst zum Gegen­stand des his­to­ri­schen Den­kens gemacht wer­den — ins­be­son­de­re hin­sicht­lich ihrer Reich­wei­te, Leis­tung und Gren­zen bzw. Konkretisierungs‑, Adap­ti­ons- und Wei­ter­ent­wick­lungs­be­darf. In die­sem Sin­ne ist “Refle­xi­vi­tät” nicht allein die Wen­dung des His­to­ri­schen Den­kens auf die eige­ne Posi­tio­na­li­tät, Per­spek­ti­ve und agen­cy, gewis­ser­na­ßen als kom­ple­men­tä­re Facet­te zu Reflek­tiert­heit, son­dern eine höhe­re, gestei­ger­te Form, die auch eine noch so pro­duk­ti­ve Anwen­dung kon­ven­tio­nel­ler For­men übersteigt.

Refle­xi­vi­tät erscheint so als Aus­weis des­je­ni­gen Niveaus, das schu­li­sches Geschichts­ler­nen wenigs­tens ansatz­wei­se anstre­ben muss, wäh­rend und nach­dem die Befä­hi­gung zur Nut­zung gesell­schaft­lich und dis­zi­pli­när kon­ven­tio­nel­ler Kon­zep­te fokus­siert wird. Letz­te­re ist not­wen­di­ge Bedigung für eine akti­ve wie pas­si­ve Teil­ha­be an der Geschichts­kul­tur — etwa dadurch, dass die Ver­fü­gung über sol­che Kon­zep­te die Befä­hi­gung grund­legt, von ande­ren ver­stan­den wer­den, wenn nach his­to­ri­schen Infor­ma­tio­nen, Deu­tun­gen etc. gefragt wird (u.a. durch kor­rek­ten Bezug auf Epo­chen, Sek­to­ren, durch Ver­weis auf Deu­tungs- und Erklräungs­mus­ter etc.), reicht für die Zuer­ken­nung ela­bo­rier­ter Kom­pe­tenz jedoch nicht aus, wenn dar­un­ter ver­stan­den wer­den soll, dass das ein­zel­ne Mit­glied der Gesell­schaft ein­se­hen und damit umge­hen kön­nen soll, dass sol­che Kon­ven­tio­nen eben nicht ein­fach “die wah­re Ver­gan­gen­heit” abbil­den, son­dern dass sie zeit‑, kul­tur­spe­zi­fi­sche und wei­te­re Set­zun­gen ent­hal­ten, die ggf. kri­ti­sche zu reflek­tie­ren sind.

Aller­dings ist es mit die­ser Form von Refle­xi­vi­tät his­to­ri­schen Den­kens ange­sichts der gegen­wär­tig dis­ku­tier­ten Ori­en­tie­rungs­be­dürf­nis­se der Mensch­heit wohl nicht getan. Die bis­lang die geschichts­di­dak­ti­sche Dis­kus­si­on und For­schung in Deutsch­land und auch dar­über hin­aus prä­gen­den Zeit­ver­laufs- und ‑rela­ti­ons­kon­zep­te gera­ten unter den rezent dis­ku­tier­ten Ein­drü­cken exis­ten­zi­el­ler Her­aus­for­de­run­gen  in Ver­dacht, nicht auszureichen.

Die­se besa­gen, dass das Ziel his­to­ri­scher Denk­ope­ra­tio­nen ist — immer die (ko-)konstruktive Gewin­nung zeit­li­cher Ori­en­tie­rung, d.h. die Ver­ge­wis­se­rung und Prü­fung des eige­nen “Stand­orts” der so den­ken­den und argu­men­tie­ren­den Indi­vi­du­en und Kol­lek­ti­ve sowohl inner­halb der Gegen­wart, vor­nehm­lich aber in Rela­ti­on zu ver­gan­ge­nen Zei­ten (“Iden­ti­fi­zie­rung”; Iden­ti­täts­re­fle­xi­on), die Klä­rung eige­ner und frem­der Erwar­tun­gen (neu­tral-sach­li­cher Art eben­so wie Hoff­nun­gen und Befürch­tun­gen) für kom­men­de Zei­ten, und zen­tral der Mög­lich­kei­ten und Gren­zen gegen­wär­ti­ger Hand­lun­gen mit Blick auf die­se Erfah­run­gen “im Lich­te” des Vergangenen.

Die­se Kom­bi­na­ti­on der Drei­heit “Ver­gan­gen­heits­deu­tung — Gegen­warts­wahr­neh­mung und Zukunfts­er­war­tung”, wie sie Karl-Ernst Jeis­mann als Grund­struk­tur der Zen­tral­ka­te­go­rie der Geschichts­di­dak­tik, des Geschichts­be­wusst­seins, for­mu­liert hat, prägt For­schung, nor­ma­ti­ve Dis­kus­si­on und Prag­ma­tik der Dis­zi­plin bis heu­te. Ange­sichts der skiz­zier­ten Her­aus­for­de­run­gen erscheint sie aber nicht mehr hin­rei­chend. Viel­mehr macht es den Ein­druck, dass — bei aller Reflek­tiert­heit (!), die die­se Kon­zept­ent­wick­lung im Zusam­men­spiel von Geschichts­theo­rie, ‑for­schung und ‑didak­tik off­ebart — die in ihr prä­sen­te Per­spek­ti­ve noch eine ist, deren Zukunfts­er­war­tung gewis­ser­ma­ßen “unge­trübt” von exis­ten­ti­el­len Besorg­nis­sen erschien. Die skiz­zier­te “Drei­er­for­mel” wie auch die ver­schie­de­nen For­mu­lie­run­gen der Funk­ti­ons­bschrei­bung der Geschich­te bzw. des his­to­ri­schen Den­kens durch Jörn Rüsen zeu­gen davon — etwa wenn davon die Rede ist, dass “Men­schen his­to­risch den­ken müs­sen, um leben zu kön­nen, daß sie ihre Gegen­wart nur erschlie­ßen und ihre Zukunft nur ent­wer­fen kön­nen, wenn sie sich der Ver­gan­gen­heit zuwen­den”,2, ers­te “als Hand­lungs­per­spek­ti­ve […] gewon­nen” wer­den soll 3. Es geht um die Eröff­nung von Zukunfts­per­spek­ti­ven “in die hin­ein absichts­voll gehan­delt wer­den kann” 4.

Zu den Her­aus­for­de­run­gen des im Fol­gen­den skiz­zier­ten bis­he­ri­gen Kon­zept his­to­ri­schen Den­kens sen­su Rüsen gehört die ursprüng­lich in der Natur­wis­sen­schaft for­mu­lier­te, in sich selbst aber grund­le­gend his­to­ri­sche Wahr­neh­mung, die Mensch­heit sei in ein wei­te­res Zeit­al­ter ihrer Gat­tungs­ge­schich­te ein­ge­tre­ten, näm­lich das Anthro­po­zän, eben­so wie weni­ger in den Kon­zep­ten von “Big Histo­ry” for­mu­lier­te Wahr­neh­mun­gen unmit­tel­bar oder dem­nächst bevor­ste­hen­der Bedro­hun­gen mensch­li­cher Ord­nun­gen oder gar der Exis­tenz, wie unter dem Stich­wort “Kli­ma­wan­del”, “Kip­punk­te” und “letz­te Gene­ra­ti­on” dis­ku­tiert. Alle die­se Denk­for­men sind kon­sti­tu­tiv nar­ra­tiv, d.h. his­to­risch struk­tu­riert, inso­fern sie gegen­wär­ti­ge Erleb­nis­se im Modus his­to­ri­schen Den­kens mit mehr oder weni­ger strin­gent for­schend gewon­ne­nen Infor­ma­tio­nen über ver­gan­ge­ne Gege­ben­hei­ten und Ent­wick­lun­gen sowie mit Erwar­tun­gen an die Zukunft in Bezie­hung set­zen. Das glei­che gilt etwa für die Zukunfts­pro­jek­ti­on eines Her­aus­tre­tens der Gat­tung homo sapi­ens aus dem Kreis der Natur (als zwar beson­ders mäch­ti­ges, aber doch letzt­lich ein Tier unter ande­ren), in wel­cher sie ihr Ver­hält­nis zum Rest der Natur inten­tio­nal und grund­le­gend ver­än­dern kann — nicht zuletzt durch Inte­gra­ti­on von Mensch und Tech­nik (etwa Schnitt­stel­len zwi­schen Com­pu­tern und Kör­pern und vor allem Gehir­nen) bzw. durch die Gewin­nung tech­no­lo­gi­scher Herr­schaft nicht nur über die Tat­sa­che mensch­li­cher Repro­duk­ti­on, son­dern eben­so über die Gestal­tung künf­ti­ger Men­schen, wie sie vor ein paar Jah­ren Yuval Hara­ri ent­wor­fen hat.5 Sie wären ein “Game Chan­ger” nicht inso­fern als Chan­cen im grund­le­gend glei­chen Spiel neu ver­teilt wür­den, son­dern inso­fern die Regeln des Spiels “Mensch­sein” neu defi­niert wür­den. Mit der Kli­mathe­ma­tik und dem dort behei­ma­te­ten Kon­zept des Anthro­po­zäns hät­te die­se Visi­on gemein­sam, dass die Stel­lung des Men­schen zur Natur gänz­lich umstruk­tu­riert wür­de im Sin­ne einer grund­le­gen­den Gestal­tungs­macht der mensch­li­chen Gattung.

Man könn­te zunächst mei­nen, dass unter der­art ver­än­der­ten Bedin­gun­gen der gesam­te Erfah­rungs­schatz mensch­li­chen Zusam­men­le­bens in der Ver­gan­gen­heit und damit his­to­ri­sches Den­ken sowie Geschichts­be­wusst­sein wert­los wür­de. Dem scheint aber nicht so zu sein. His­to­ri­sches Den­ken nach die­sem Über­gang müss­te jedoch in bei­den Fäl­len dar­in bestehen, die Anders­ar­tig­keit der Bezie­hungs- und Wir­kungs­lo­gi­ken vor un nach die­sem Zei­ten­wan­del zu bestim­men und zu berück­sich­ti­gen, um die Art und Wei­se wie die Gren­zen, in wel­cher rekon­stru­ier­ten “älte­ren” Logi­ken der Natu­ren und Bezie­hun­gen von Umwelt und Men­schen Bedeu­tung zuge­wie­sen wer­den kann auch für die neue Situa­ti­on. Im Sin­ne einer ein­fa­chen, line­ar gerich­te­ten Ver­än­de­rung ent­lang einer Linie wird das nicht mehr gelin­gen. Es wer­den viel­mehr neue For­men der Sinn­bil­dung ent­wi­ckelt wer­den — das ist die Form, in wel­cher nie zuvor dage­we­se­ner Wan­del6 das his­to­ri­che Den­ken als Ori­en­tie­rung her­aus­for­dert, und in wel­cher auch die bis­he­ri­gen Vor­schlä­ge einer Ver­län­ge­rung der Typo­lo­gie Rüsens nach “oben” durch Bodo von Bor­ries (nächs­ter Sinn­bil­dungs­typ “evo­lu­tio­nä­res Erzäh­len”) und mich (zunächst “plu­ri-gene­ti­sches und dann evo­lu­tio­nä­res Erz­a­len”) offen­kun­dig kaum aurei­chen. 7

Ich möch­te im Fol­gen­den viel­mehr einen Vor­schla­gen machen, wie das Kon­zept his­to­ri­schen Den­kens in ande­rer Hin­sicht erwei­tert wer­den müsste.

Ein Pfeil geht von "Heute" nach links zur "Vergangenheit" und wendet sich dann wieder nach rechts zur "Zukunft". An seinem Anfang steht ein Fragezeichen, am Wendepunkt und Ende ein Ausrufezeichen in Klammern

His­to­ri­sches Den­ken aus Ver­gan­gen­heits­deu­tung, Gegen­warts­wahr­neh­mung und Erwar­tung einer offe­nen Zukunft.

Gemäß der oben skiz­zier­ten über­kom­me­nen Kon­zep­ti­on besteht his­to­ri­sche Den­ken in der Wen­dung des sich zeit­lich ori­en­tie­ren­den Blicks zur Ver­gan­gen­heit sowie dann samt gewon­ne­ner Erkennt­nis­se über Ver­gan­ge­nes in einer Rück­wen­dung in die Gegen­wart und zur nun­mehr als nicht mehr ganz so unbe­stimmt offe­nen, aber doch als Hand­lungs­feld gewon­ne­nen Zukunft (vgl. Abb. 1).

Durch die grund­le­gen­de Tat­sa­che plu­ra­ler Per­spek­ti­ven ent­steht so nicht eine ein­heit­li­che, son­dern meh­re­re his­to­ri­sche Ori­en­tie­run­gen, die mög­lichst mit­ein­an­der kom­pa­ti­bel sein soll­ten (Abb 2).

Abb. 2: Meh­re­re Pfei­le als Sym­bo­le plu­ra­ler Orientierungen

 

 

 

 

 

 

 

Ein Pfeil geht von "Heute" nach links zur "Vergangenheit" und wendet sich dann wieder nach rechts zur "Zukunft". An seinem Anfang steht ein Fragezeichen, am Wendepunkt und Ende ein Ausrufezeichen in Klammern; zudem kehrt ein anders gepunkteter Pfeil von der Zukunft zurpck zu Gegenwart

Abb. 3; Ori­en­tie­rungs­pfeil, reflexiv

Die­sem Modell nun möch­te ich ein zwei­tes ent­ge­gen­stel­len, das die Zukunft nicht ein­fach als offen, son­dern in deut­lich stär­ke­rem Maße auch als Kon­se­quenz gegen­wär­ti­gen und ver­gan­ge­nen Han­delns in den Blick bringt und damit die Kon­zep­ti­on his­to­ri­scher Ori­en­tie­rung ver­än­dert. Die­ses Modell könn­te gedacht wer­den, wie in Abb. 3 skiz­ziert. Es ergänzt das in die Zukunft als eige­nes Hand­lungs­feld gerich­te­te Den­ken um einen Pfeil, der eine anti­zi­pier­te Retro­spek­ti­ve künf­ti­ger Gene­ra­tio­nen auf das heu­ti­ge, eige­ne Den­ken sym­bo­li­siert. Nicht mehr vor­nehm­lich oder aus­schließ­lich “wer sind wir ange­sichts der Ver­gan­gen­heit” und “was kön­nen wir heu­te tun” bzw. “was soll­ten wir ange­sichts der Erfah­run­gen in und aus der Ver­gan­gen­heit, lie­ber ver­mei­den” lau­tet die his­to­ri­sche Ori­en­tie­rungs­fra­ge, son­dern “wer wer­den wir für die Men­schen jener Zukunft, in die hin­ein wir han­deln gewe­sen sein?” und “wer wol­len wir in ihren Augen gewe­sen sein?“8 His­to­ri­sche Ori­en­tie­rung und dar­auf gerich­te­tes His­to­ri­sches Den­ken muss nicht nur für die Zukunft ori­en­tie­ren, son­dern auch ange­sichts einer Ver­ant­wor­tung gegen­über der Zukunft.9

Abb. 4 Meh­re­re Pfei­le als Sym­bo­le plu­ra­ler Ori­en­tie­run­gen . reflexiv

Auch die­se erwei­ter­te Form his­to­ri­scher Ori­en­tie­rung ist nicht für alle Men­schen gleich, son­dern je nach Per­spek­ti­ve unterschiedlich.

In die­sem Sin­ne ist die­ses his­to­ri­sche Den­ken als “refle­xiv” zu cha­rak­te­ri­sie­ren. Nicht nur, weil es die der jewei­li­gen Gegen­wart des his­to­ri­schen Den­kens zur Ver­fü­gung ste­hen­den Kon­ven­tio­nen nicht nur anwen­det, son­dern sie ihrer­seits reflek­tiert, son­dern vor­nehm­lich dadurch, dass es die eige­ne Posi­ti­on im (nar­ra­tiv zu kon­stru­ie­ren­den) his­to­ri­schen Pro­zess nicht nur als Mög­lich­keits- son­dern auch als Ver­ant­wor­tungs­raum denkt. Die Zukunft des His­to­ri­schen Den­kens wird so um die Per­spek­ti­ve eines Futur 2 erwei­tert.10

Auch hier lässt sich “reflek­tiert” und “refle­xiv” unter­schei­den: Das über­kom­men­de Kon­zept his­to­ri­scher Ori­en­tie­rung und his­to­ri­schen Den­kens ist wie­der­um inso­fern “reflek­tiert”, als es das Gege­be­ne — in die­sem Fall die re-kon­stru­ier­ten Ein­sich­ten in Ver­gan­ge­nes und sei­ne Zusam­men­hän­ge unter­ein­an­der sowie mit der Gegen­wart — für die Kon­struk­ti­on von Erwar­tun­gen, Hoff­nun­gen, Befürch­tun­gen nutzt; “refle­xiv” hin­ge­gen ist das erwei­ter­te onzept, inso­fern die eige­ne Posi­ti­on des Den­kens im Zeit­ver­lauf und auch als poten­ti­el­le Ursa­che für Künf­ti­ges in den Blick nimmt.

Schließ­lich kön­nen bei­de For­men von Reflek­tiert­heit und Refle­xi­vi­tät auf­ein­an­der bezo­gen und mit­ein­an­der ver­schränkt wer­den. So, wie das “reflek­tier­te”, auf die offe­ne Zukunft gerich­te­te his­to­ri­sche Den­kens auf unter­schied­li­chen Qua­li­täts­ni­veaus voll­zo­gen wer­den kann (basal: unter Anwen­dung nicht-sys­te­ma­ti­sier­ter, nicht-kon­sis­ten­ter, spon­ta­ner Kon­zept­bil­dun­gen; inter­me­di­är unter Anwen­dung und ela­bo­riert unter Refle­xi­on der kon­ven­tio­nel­len Kon­zep­te), ist dies auch für das refle­xi­ve His­to­ri­sche Den­ken und Geschichts­be­wusst­sein möglich.

Inwie­fern die­se Erwei­te­rung des Kon­zepts von Geschichts­be­wusst­sein und his­to­ri­schem Den­ken selbst bereits ein neu­es Sinn­bil­dungs­mus­ter eta­bliert, ist eine kur­ze Erwä­gung wert.11 Es erscheint zunächst attrak­tiv, es als ein sol­ches neu­es Sinn­bil­dungs­mus­ter aus­zu­wei­sen. “Refle­xi­vi­tät” wäre dann nicht so sehr Auf­ga­be jeg­li­chen his­to­ri­schen Erzäh­lens, son­dern die­ses beson­de­ren Typs. Das aber erscheint wenig sinn­voll. Auch die Auf­ga­be refle­xi­ven Erzäh­lens kann for­mal mit­tels der bis­he­ri­gen Sinn­bil­dungs­mus­ter erfol­gen — etwa tra­di­tio­nal: “Unse­re Nach­kom­men wer­den in unse­rem Han­deln den Ursprung von XXX” (ver­mut­lich: ihres Unglücks hin­sicht­lich des Kli­mas) “erbli­cken”; exem­pla­risch: “Wie künf­ti­ge Gene­ra­tio­nen unser Han­deln ein­schät­zen wer­den, hängt wie immer davon ab, wie sie gesell­schaft­lich orga­ni­siert sind”; oder gene­tisch: “Was immer wir heu­te tun — es wird wei­te­re Ent­wick­lun­gen in die­ser Rich­tung ansto­ßen, die wir aber nicht abse­hen kön­nen”), In die­sem Sin­ne kon­sti­tu­iert die Anfor­de­rung der Refle­xi­vi­tät nicht einen neu­en Sinn­bil­dungs­typ, son­dern eine beson­de­re Anfor­de­rung an his­to­ri­sche Erzäh­lun­gen. Mit mehr Recht als bei den Sinn­bil­dungs­ty­pen könn­te man über­le­gen, ob nicht ein wei­te­ren Trif­tig­keits­kri­te­ri­um for­mu­liert wer­den soll­te, näm­lich die Fra­ge, inwie­fern heu­ti­ge Geschichts­er­zäh­lun­gen künf­ti­ge Gene­ra­tio­nen und Gesell­schaf­ten nicht nur als unmün­di­ge Erben der Kon­se­quen­zen unse­res Han­delns unter­stel­len, son­dern sie als Akteu­re eige­nen his­to­ri­schen Den­kens berück­sich­ti­gen, des­sen Sinn­bil­dungs­ma­te­ri­al unter ande­rem aus unse­rem Tun und Las­sen besteht.

Die­se Erwei­te­rung der Zeit­kom­po­nen­te des Geschichts­be­wusst­seins und des His­to­ri­schen Den­kens um das Futur II besteht aber nicht nur dar­in, retro­spek­ti­ve Sinn­bil­dun­gen kom­men­der Gene­ra­tio­nen zu anti­zi­pie­ren. Sie müs­sen viel­mehr — wie auch der Rück­blick in die Ver­gan­gen­heit — zur Ver­ar­bei­tung der zeit­li­chen Kon­tin­genz genutzt werden:

  • In Anwen­dung des Mus­ter tra­di­tio­na­ler Sinn­bil­dung wer­den so nicht nur die Gegen­wart und die Zukunft als eine Zeit gedacht wer­den, in der in einer Ver­gan­gen­heit auf­ge­kom­me­ne Zustän­de (sei es durch Erfin­dung, Ent­wick­lung, Gewin­nung eines neu­en Zustan­des oder auch durch Ver­lust eines frü­he­ren) wei­ter gel­ten, son­dern letz­te­re auch als eine Zeit, die unter den Bedigun­gen der Gel­tung die­ser seit­her still gestell­ten Zeit­lich­keit ihrer­seits in ihre ver­gan­gen­heit und damit auch auf unse­re Gegen­wart schaut. Nar­ra­tiv tra­di­tio­na­le Aus­prä­gun­gen die­ses um das Futur II ergänz­te des Geschichts­be­wusst­seins bewir­ken also eine Ver­stär­kung der im klas­si­schen Geschichts­be­wusst­seins-Kon­zept schon erzeug­ten Ori­en­tie­rung als Sta­bi­li­tät: Künf­ti­ge Gene­ra­tio­nen kön­nen und wer­den einem sol­chen Den­ken zufol­ge uns wie unse­re gemein­sa­me Ver­gan­gen­heit nicht unter ledig­lich struk­tu­rell ver­gleich­ba­ren, aber ande­ren (exem­pla­ri­sche Sinn­bil­dung) oder gar kon­sti­tu­tiv wei­ter ent­wi­ckel­ten Gesichts­punk­ten (gene­ti­sche Sinn­bil­dung) betrach­ten und beurteilen.
  • Exem­pla­ri­sche Sinn­bil­dungs­mus­ter hin­ge­gen ent­wi­ckeln bei der Hin­zu­nah­me der Futur II-Per­spek­ti­ve His­to­ri­schen Den­kens eine an Ori­en­tie­rungs­kraft. In Anwen­dung aus der Betrach­tung (mög­lichst vie­ler) ver­gan­ge­ner Fäl­le und der Ent­wick­lung einer Vor­stel­lung von die jeweils kon­kre­ten Unter­schie­de der­sel­ben gemein­sam unter­füt­tern­den Regel­haf­tig­kei­ten, müss­te sie unser his­to­ri­sches Den­ken dahin­ge­hend infor­mie­ren, dass künf­ti­ge Gene­ra­tio­nen unse­re Zei­ten anders betrach­ten wer­den als wir selbst es wür­den, näm­lich in der­sel­ben Wei­se, wie wir Ver­gan­ge­nes unter der Ori­en­tie­rung auf Regel­kom­pe­tenz nicht so sehr als kon­kre­te Ursprün­ge unse­rer Lebens­welt, son­dern viel­mehr hin­sicht­lich der die zei­ten über­dau­ern­den Reg­len “dahin­ter” unter­su­chen. Eine Schluss­fol­ge­rung dar­aus könn­te lau­ten, dass klu­ge ori­en­tie­rung auf erkann­te Mecha­nis­men mensch­lich-gesell­schaft­li­chen Zusam­men­le­bens geeig­net sei, auch den künf­ti­gen Urtei­len über unser Tun Rech­nung zu tragen.
  • Gene­ti­sche Sinn­bil­dung schließ­lich wird unter­stel­len müs­sen, dass künf­ti­ge Gene­ra­tio­nen nicht unter will­kür­lich, aber doch deut­lich ande­ren Gesichts­punk­ten auf die Ver­gan­gen­hei­ten und damit auch auf uns schau­en wer­den. Die­se aber sei­en auch als Ergeb­nis unse­res Han­delns in die­sem Strom gerich­te­ter Ver­än­de­rung zu ver­ste­hen. Will man vor der Zukunft bestehen, wird man die Ent­wick­lun­gen aus der Ver­gan­gen­heit in die Zukunft extra­po­lie­ren müs­sen, und zwar nicht nur als Opti­on, son­dern auch als Verpflichtung.

 

 

Anmer­kun­gen /​ Refe­ren­ces
  1. Kör­ber, Andre­as; Heu­er, Chris­ti­an; Schrei­ber, Wal­traud (2021 [unpubl.]): Begrün­dung und Ent­schei­dung: Refle­xi­on und Refle­xi­vi­tät als Ele­men­te geschichts­di­dak­ti­scher Pro­fes­sio­na­li­tät. “Refle­xi­on und Refle­xi­vi­tät in Unter­richt, Schu­le und Lehrer*innen­bildung”. Deut­sche Gesell­schaft für Erzie­hungs­wis­sen­schaft. Deut­sche Gesell­schaft für Erzie­hungs­wis­sen­schaft; Sek­ti­on Schul­päd­ago­gik. Online, 23.09.2021 [unpubl.]. Online ver­füg­bar unter https://​www​.dgfe​-sek​ti​ons​ta​gung​-schul​paed​ago​gik​-2020​.de/, https://​www​.con​f​tool​.pro/​d​g​f​e​-​s​c​h​u​l​p​a​e​d​a​g​o​g​i​k​2​0​2​0​/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​p​a​g​e​=​b​r​o​w​s​e​S​e​s​s​i​o​n​s​&​f​o​r​m​_​s​e​s​s​i​o​n​=​103.[]
  2. Rüsen, Jörn (1983): His­to­ri­sche Ver­nunft. Grund­zü­ge einer His­to­rik I: Die Grund­la­gen der Geschichts­wis­sen­schaft. Göt­tin­gen: Van­den­hoeck & Ruprecht (Klei­ne Van­den­hoeck-Rei­he, 1489), S. 26.[]
  3. Ebda. S. 50.[]
  4. Ebda. S. 52[]
  5. Hara­ri, Yuval Noaḥ (2017): Homo deus. A brief histo­ry of tomor­row. First U.S. edi­ti­on. New York, NY: Har­per.[]
  6. Vgl. Simon, Zol­tán Bol­diz­sár (2021): Histo­ry in Times of Unpre­ce­den­ted Chan­ge.[]
  7. Bor­ries, Bodo von (1988): Geschichts­ler­nen und Geschichts­be­wusst­sein. Empi­ri­sche Erkun­dun­gen zu Erwerb und Gebrauch von His­to­rie. 1. Aufl. Stutt­gart: Klett, S. 61 mit dem Vor­schlag einer “evo­lu­tio­nä­ren” Sinn­bil­dung sowie ihrer Dif­fe­ren­zie­rung nach innen und Erwei­te­rung zunächst als “plu­ri-gene­tisch” bei Kör­ber, Andre­as (2013): His­to­ri­sche Sinn­bil­dungs­ty­pen. Wei­te­re Dif­fe­ren­zie­rung. Online ver­füg­bar unter http://​www​.pedocs​.de/​v​o​l​l​t​e​x​t​e​/​2​0​1​3​/​7​2​64/. Sie sind schon dadurch pro­ble­ma­tisch, dass eine ein­fa­che Ver­län­ge­rung der­sel­ben ihrer­seits im Mus­ter einer gene­ti­schen (gerich­te­ten) Ver­än­de­rung ver­blei­ben, damit aber nicht der Anfor­de­rung gerecht wer­den, einen nächs­ten Sinn­bil­dungs­mo­dus nach des­sen Kri­tik skiz­zie­ren zu kön­nen. Der von Jakob Kra­me­rit­sch vor­ge­schla­ge­ne fünf­te Sinn­bil­dungs­typ des “situ­ier­ten” oder “situa­ti­ven Erzäh­lens” in der “flüch­ti­gen Moder­ne” über­zeugt eher nicht, inso­fern er den Zusam­men­hang zwi­schen den Zei­ten eher auf­hebt, deren je spe­zi­fi­sche Kon­struk­ti­on jedoch gera­de das pro­pri­um von Sinn­bil­dungs­mus­tern aus­macht. Vgl. Kra­me­rit­sch, Jakob (2009): Die fünf Typen des his­to­ri­schen Erzäh­lens – im Zeit­al­ter digi­ta­ler Medi­en. In: Zeit­his­to­ri­sche Forschungen/​Studies in Con­tem­po­ra­ry Histo­ry 8 (3), S. 413 – 432. Online ver­füg­bar unter http://​www​.zeit​his​to​ri​sche​-for​schun​gen​.de/​f​i​l​e​/​3​0​0​2​/​d​o​w​n​l​o​a​d​?​t​o​k​e​n​=​l​G​G​U​9​jqH.[]
  8. Vgl. Wil­lem­sen, Roger (2016): Wer wir waren. Zukunfts­re­de. Frankfurt/​Main: S. Fischer.[]
  9. Das ist inzwi­schen auch Grund­ge­dan­ke einer höchst­rich­ter­li­chen Ent­schei­dung; vgl. BVerfG, Beschluss des Ers­ten Senats vom 24. März 202; ‑1 BvR 2656/​18 -, http://​www​.bverfg​.de/​e​/​r​s​2​0​2​1​0​3​2​4​_​1​b​v​r​2​6​5​6​1​8​.​h​tml; Leit­satz 1; 4; Rn.[]
  10. Vgl. bereits Kör­ber, Andre­as (2019): Exten­ding his­to­ri­cal con­scious­ness. Past futures and future pas­ts. In: His­to­ri­cal Encoun­ters. A Jour­nal of His­to­ri­cal Con­scious­ness, His­to­ri­cal Cul­tures, and Histo­ry Edu­ca­ti­on 6 (1), S. 29 – 39. Online ver­füg­bar unter https://​www​.hej​-her​mes​.net/​_​f​i​l​e​s​/​u​g​d​/​f​0​6​7​e​a​_​0​5​4​b​0​6​d​d​0​b​7​7​4​7​c​e​a​0​e​a​7​6​8​8​1​2​b​1​5​b​0​5​.​pdf.[]
  11. Ich dan­ke Dani­el Fastl­a­bend-Var­gas für das Auf­wer­fen und ein ers­tes Dis­ku­tie­ren die­ser Fra­ge[]