Arbeitsbereich Geschichtsdidaktik / History Education, Universität Hamburg

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Interkulturelles Geschichtslernen — einige Gedanken zum Verständnis des Konzepts

28. Januar 2010 Andreas Körber Keine Kommentare

Der Begriff “Inter­kul­tu­rel­les Ler­nen” bezeich­net eine gan­ze Grup­pe von päd­ago­gi­schen Reak­tio­nen auf Her­aus­for­de­run­gen der gegen­wär­ti­gen (west­li­chen) Gesell­schaf­ten. Ins­be­son­de­re Pro­zes­se der Deko­lo­ni­sie­rung (für Deutsch­land weni­ger bedeut­sam) und dar­aus ent­ste­hen­de post­ko­lo­nia­le Struk­tu­ren (für Deutsch­land durch­aus nicht unbe­deu­tend) sowie post­ko­lo­nia­lis­ti­sche Denk- und Refle­xi­ons­an­sät­ze, die Erfah­rung von zunächst (ver­meint­lich) zeit­wei­li­ger (“Gast­ar­bei­ter”), tat­säch­lich und immer deut­li­cher wer­dend dau­er­haf­ter Immi­gra­ti­on – und zwar auf Sei­ten der “Auto­chtho­nen” wie der Immi­gran­ten –, die Plu­ra­li­sie­rung von Immi­gra­ti­ons­grün­den und ‑anläs­sen sowie der Her­kunfts­kul­tu­ren und die dar­aus ent­ste­hen­den und im Lau­fe der Zeit sich auch tat­säch­lich und in der Wahr­neh­mung ver­än­dern­den “Pro­blem­la­gen” (und ‑zuschrei­bun­gen) haben unter­schied­li­che päd­ago­gi­sche Kon­zep­te des Umgangs mit sol­cher Hete­ro­ge­ni­tät ent­ste­hen las­sen, die ich hier nur zu nen­nen brauche:

  1. Aus­län­der­päd­ago­gik: zunächst in einer “rückkehr”-orientierten Vari­an­te als Befä­hi­gung der hier leben­den Aus­län­der­kin­der zum Agie­ren in die­ser, aber auch in ihrer Her­kunfts­ge­sell­schaft; dann in einer blei­be-ori­en­tier­ten Vari­an­te als päd­ago­gi­sche Bear­bei­tung der vor allem bei den Migran­ten loka­li­sier­ten Pro­ble­me (Defi­zi­te hin­sicht­lich der Fähig­kei­ten, die in die­ser Gesell­schaft gebraucht werden);
  2. Anti­ras­sis­ti­sche Erzie­hung: Päd­ago­gi­sche Behand­lung vor allem von ras­sis­ti­schen und aus­län­der­feind­li­chen Vor­stel­lun­gen und Hal­tun­gen auf Sei­ten der “auto­chtho­nen” Gesellschaft;
  3. Mul­ti­kul­tu­rel­le Erzie­hung: An “alle” betei­lig­ten Grup­pen und Kul­tu­ren gerich­te­te Erzie­hung zur gegen­sei­ti­gen Tole­ranz und Aner­ken­nung unter der Prä­mis­se, dass die jewei­li­gen Kul­tu­ren unter­schied­lich, in ihrer Unter­schied­lich­keit aber gleich­wer­tig sind. Prä­mis­sen waren ein Kon­zept rela­tiv homo­ge­ner “Kul­tu­ren” mit einem Eigen­wert und einem Recht auf Authen­ti­zi­tät und Bewah­rung und die Idee eines Zusam­men­le­bens der Kulturen.
  4. Inter­kul­tu­rel­le Erzie­hung und Bil­dung: Auf die Befä­hi­gung der Mit­glie­der der­art hete­ro­ge­ner Gesell­schaf­ten zum Umgang mit der Unter­schied­lich­keit und mit den kon­kre­ten Unter­schie­den gerich­te­te Päd­ago­gik. In eini­gen Vari­an­ten auch hier unter der Prä­mis­se homo­ge­ner Kul­tu­ren und rela­tiv ein­deu­ti­ger Zugehörigkeiten;
  5. Trans­kul­tu­rel­le (im Sin­ne von W. Welsch) Erzie­hung, nicht mehr von vor­ge­ge­be­nen, real exis­tie­ren­den “Kul­tu­ren” als rela­tiv homo­ge­nen Enti­tä­ten aus­geht, wohl aber von der Wirk­mäch­tig­keit die­ser Vor­stel­lung bei vie­len Akteu­ren. Dem Kon­zept liegt viel­mehr die Vor­stel­lung von Kul­tu­ren als Kon­struk­ten zu Grun­de, die ver­än­der­lich und viel­fäl­tig sind: Alle Men­schen ent­wi­ckeln ihre Kul­tu­ra­li­tät durch eine Viel­zahl unter­schied­li­cher, ein­an­der durch­drin­gen­der und über­lap­pen­der Sozia­li­sa­tio­nen /​Enkulturationen und gehö­ren somit immer einer Mehr­zahl von Kultur(en) gleich­zei­tig an – und ver­än­dern ihre Kul­tu­ra­li­tät stän­dig. Dahin­ter steht ein “moder­ner” Kul­tur­be­griff, wie ihn etwa Klaus-Peter Han­sen und Ste­pha­nie Rath­je for­mu­liert haben. Gleich­zei­tig bedeu­tet das nicht, dass die Men­schen sich die­ser Plu­ra­li­tät und Kon­strukt­haf­tig­keit ihrer Kul­tu­ra­li­tät bewusst sind und sie affir­ma­tiv aner­ken­nen. Die Vor­stel­lung von qua­si von­ein­an­der sepa­rier­ten Kul­tu­ren und rela­tiv ein­deu­ti­ger Zuge­hö­rig­kei­ten bleibt sowohl für Selbst- wie auch (vor allem?) für Fremd­zu­schrei­bun­gen wirk­mäch­tig. Authen­ti­zi­täts- und Selbst­stän­dig­keits­an­sprü­che von kul­tu­rel­len Grup­pen wie auch Ansprü­che an die Zuge­hö­rig­keit und ent­spre­chen­des Ver­hal­ten ihrer Mit­glie­der blei­ben rele­vant (Extrem­bei­spiel: Ehren­mor­de), prä­gen aber auch beson­ders Erwar­tun­gen von Ange­hö­ri­gen jeweils ande­rer Kulturen.

Ein paar Wor­te zum Kul­tur­be­griff 1:

“Kul­tur” bezeich­net im Sin­ne der moder­nen Kul­tur­theo­rie und inter­kul­tu­rel­len Päd­ago­gik nicht das “gepfleg­te” und “ela­bo­rier­te” Ver­hal­ten von Men­schen im Sin­ne der “Hoch­kul­tur” im Gegen­satz zu “kul­tur­lo­sem” Ver­hal­ten und Geschmack. Der Begriff hat in die­sem Zusam­men­hang die Kon­no­ta­ti­on des “gepfleg­ten” und “geheg­ten” und somit qua­li­ta­tiv Höher­wer­ti­gen weit­ge­hend abge­legt zu Guns­ten einer ana­ly­ti­schen Aus­rich­tung. “Volks­kul­tur” lässt sich mit ihm somit eben­so erfas­sen wie “Hoch­kul­tur” (das ist übri­gens in den Kon­zep­ten der “Geschichts­kul­tur” und der “Erin­ne­rungs­kul­tur” durch­aus anders, die sowohl die ana­ly­ti­sche Unter­schei­dungs­fä­hig­keit wie auch den Aspekt der Ela­bo­ra­ti­on ent­hal­ten kön­nen – wenn etwa davon die Rede ist, dass eine Gesell­schaft für ihren Umgang mit einer dik­ta­to­ri­schen Ver­gan­gen­heit kei­ne For­men und Kate­go­rien ent­wi­ckelt habe). Wich­ti­ger im moder­nen anthro­po­lo­gi­schen Kul­tur­be­griff ist die eben­falls in der Vor­stel­lung der “Hege” gegrün­de­te Vor­stel­lung, dass “Kul­tur” all das bezeich­net, was den Men­schen von der “Natur” unter­schei­det. Dabei spielt weni­ger die Vor­stel­lung eine Rol­le, dass ihn das von der “toten” oder “unbe­seel­ten” Natur abhe­be, son­dern mehr die Vor­stel­lung, dass die­se ent­wi­ckel­ten For­men des Ver­hal­tens zum einen kon­tin­gent sind, d.h. dass sie einer­seits nicht deter­mi­niert sind, so dass für gleich­ar­ti­ge “Auf­ga­ben” ganz unter­schied­li­che Lösun­gen und For­men gefun­den wer­den kön­nen und wur­den, und dass ande­rer­seits die­se For­men aber eben­so­we­nig völ­lig zufäl­lig vari­ie­ren zwi­schen Indi­vi­du­en, son­dern dass zusam­men leben­de Men­schen durch ihre Inter­ak­ti­on gemein­sa­me For­men her­aus­bil­den. Die so ent­ste­hen­den Ver­hal­tens­wei­sen sind somit kon­tin­gent grup­pen­spe­zi­fisch, inso­fern jede zusam­men leben­de Grup­pe sie anders aus­bil­det, die ein­zel­nen For­men aber nicht per se qua­li­ta­tiv unter­schied­lich sind, son­dern zunächst als gleich­wer­tig – aber eben “anders” – ange­se­hen wer­den müs­sen. Es ist leicht ersicht­lich, dass die­ser Begriff von “Kul­tur” dazu geeig­net ist, sowohl die Unter­schied­lich­keit von Grup­pen zu pos­tu­lie­ren wie die Zuge­hö­rig­keit des Ein­zel­nen zu jeweils einer Grup­pe. Es ist ein Kon­zept, dass den extrem rechts­kon­ser­va­ti­ven Posi­tio­nen, wie sie in Nati­on & Euro­pa pos­tu­liert wer­den, also dem sog. “Eth­nop­lu­ra­lis­mus”, eben­so eig­net, wie den Vor­stel­lun­gen des “Mul­ti­kul­ti”. Ras­sis­ti­sche, “eth­nop­lu­ra­lis­ti­sche” und mul­ti­kul­tu­rel­le Posi­tio­nen unter­schei­den sich dann vor allem dadurch, dass ers­te­re, nicht nur die Ungleich­heit, son­dern auch die Ungleich­wer­tig­keit der unter­schied­li­chen kul­tu­rel­len For­men behaup­ten, die ande­ren bei­den dage­gen (im “Eth­nop­lu­ra­lis­mus” viel­leicht auch nur als Lip­pen­be­kent­nis) die Gleich­wer­tig­keit behaup­ten, unter­ein­an­der aber wie­der­um dadurch unter­schie­den sind, dass nur letz­te­re Posi­ti­on ein Zusam­men­le­ben der­art defi­nier­ter Kul­tu­ren zur glei­chen Zeit im glei­chen Raum für mög­lich und wün­schens­wert erachtet.

Der moder­ne, anthro­po­lo­gi­sche Kul­tur­be­griff geht jedoch noch dar­über hin­aus. Er pos­tu­liert, wie gesagt, nicht nur die Gleich­wer­tig­keit und Kom­pa­ti­bi­li­tät der­ar­ti­ger kul­tu­rel­ler Aus­prä­gun­gen, son­dern deren Kon­strukt­cha­rak­ter: Men­schen wer­den durch ihre Sozia­li­sa­ti­on in Grup­pen geprägt, nicht aber im Sin­ne der “Enkul­tu­ra­li­sie­rung” in eine homo­ge­ne Grup­pe, son­dern im Sin­ne der Aneig­nung unter­schied­li­cher kul­tu­rel­ler Stan­dards durch ver­schie­de­ne Sozia­li­sa­ti­ons­in­stan­zen zur glei­chen Zeit. In die­sem Sin­ne trä­fe der Begriff “trans­kul­tu­rell” wohl eher. 2

Die­se Ver­än­de­rung des Kul­tur­be­griffs hat dann auch Kon­se­quen­zen für die Vor­stel­lun­gen inter­kul­tu­rel­len (oder: trans­kul­tu­rel­len) Ler­nens – die wie­der­um in der Debat­te heu­te wei­ter­hin mun­ter durch­ein­an­der gehen:

Inter­kul­tu­rel­les Ler­nen im heu­ti­gen Sin­ne ver­eint zumeist Vor­stel­lun­gen einer Befä­hi­gung der Ler­nen­den zum zusätz­li­chen Den­ken “in” den Stan­dards einer ande­ren Kul­tur, basiert also zu wei­ten Tei­len noch auf den Vor­stel­lun­gen qua­si homo­ge­ner Kul­tu­ren. Das ist immer dort der Fall, wo “inter­kul­tu­rel­les Ler­nen” etwa als Mehr-Schritt-Pro­gramm der Dezen­tra­li­sie­rung von der “eige­nen” und des Ver­ste­hens “frem­der” Kul­tu­ren kon­zi­piert ist. Vie­le “Inter­kul­tu­rel­le Trai­nings” gehö­ren die­sem Typ an. Auch die Vor­stel­lun­gen der Befä­hi­gung zu einem “swit­ching” am Ende eines inter­kul­tu­rel­len Lern­pro­zes­ses gehö­ren in die­se Kate­go­rie. 3

Für das Geschichts­ler­nen 4 wür­den hier­hin Vor­stel­lun­gen gehö­ren, dass Immi­gran­ten ler­nen müss­ten, das his­to­ri­sche Den­ken der Ziel­ge­sell­schaft ihrer Migra­ti­on (also bei uns kon­kret das Mas­ter Nar­ra­ti­ve der Deut­schen Natio­nal­ge­schich­te) zu ver­ste­hen, wenn nicht gar zu erwer­ben. “Natio­nal­ge­schich­te als Entrée­bil­lett” haben Vio­la Geor­gi und Bodo von Bor­ries die­se Vor­stel­lung genannt. Im Rah­men der The­ma­ti­sie­rung des Natio­nal­so­zia­lis­mus und des Holo­caust in Schu­le wie auch in der außer­schu­li­schen (Gedenkstätten-)pädagogik könn­te das etwa den Anspruch begrün­den, dass Migran­ten ler­nen, dass, war­um und wie die “Täter­ge­sell­schaft” spe­zi­fi­sche For­men der The­ma­ti­sie­rung der eige­nen Ver­gan­gen­heit ent­wi­ckelt hat, die ihre eige­ne Schuld oder Ver­ant­wor­tung (Schul­dig­keit) in den Mit­tel­punkt stel­len, und die even­tu­ell von in den “Her­kunfts­kul­tu­ren” der Migran­ten übli­chen For­men der The­ma­ti­sie­rung eige­ner Geschich­te (Sie­ger­ge­dächt­nis, Täter­ge­dächt­nis) deut­lich abwei­chen. Die Enkul­tu­ra­li­sie­rung zur “nega­ti­ven Erin­ne­rung” wäre eine Form inter­kul­tu­rel­len Ler­nens die­ser Art.

Dane­ben exis­tie­ren aber auch wei­te­re Kon­zep­tio­nen inter­kul­tu­rel­len Ler­nens, wel­che von der Kon­stru­iert­heit, Varia­bi­li­tät und Kom­ple­xi­tät kul­tu­rel­ler Zuge­hö­rig­kei­ten aus­ge­hen. “Inter­kul­tu­rel­les” Ler­nen ist dann nicht die Befä­hi­gung des ein­zel­nen, kul­tu­rel­len For­men und Stan­dards des Den­kens und Ver­hal­tens der jeweils “ande­ren” Kul­tur zu ent­spre­chen, son­dern viel­mehr die Befä­hi­gung des Ein­zel­nen, mit der Unter­schied­lich­keit sol­cher Stan­dards als sol­cher umzu­ge­hen – und zwar rea­lis­ti­scher­wei­se nicht in Bezug auf eine “Ziel­kul­tur”, son­dern auch die Plu­ra­li­tät der “Kul­tu­ren”, die mit­ein­an­der agie­ren müs­sen. Es geht dann mehr um die Bewusst­ma­chung der Kul­tur­spe­zi­fik ele­men­ta­rer Denk‑, Wer­tungs- und Ver­hal­tens­wei­sen und die Befä­hi­gung zur Refle­xi­on auf die­se Unter­schie­de, wie auch dar­um, die­se ver­schie­de­nen For­men sowohl in eini­ger Ver­tie­fung ken­nen­zu­ler­nen, sie grund­sätz­lich als kon­tin­gen­te Mög­lich­kei­ten zu akzep­tie­ren, aber auch dar­um, die eige­ne (kul­tu­rel­le) in Annä­he­rung an und Abgren­zung von ande­ren Posi­ti­on zu klä­ren und zu ent­wi­ckeln (also nicht: zu ler­nen, was “das Eige­ne ist”, son­dern mehr, was “das Eige­ne sein kann und soll”). Inter­kul­tu­rel­les Ler­nen ist dann ein Pro­gramm, das sich an Migran­ten und “Auto­chtho­ne” rich­tet, aber nicht im bila­te­ra­len Ver­hält­nis (“die Ein­hei­mi­schen müs­sen ler­nen, die Migran­ten zu akzep­tie­ren und die­se, die Ein­hei­mi­schen”), son­dern eben­so an die Migran­ten unter­ein­an­der. Das Ziel inter­kul­tu­rel­len Ler­nens die­ses Ver­ständ­nis­ses ist die Befä­hi­gung der vie­len Ein­zel­nen in ihrer mul­ti­plen kul­tu­rel­len Prä­gung zum Zusam­men­le­ben mit Men­schen, die in viel­fa­cher Wei­se anders geprägt sind.

Für Geschichts­ler­nen könn­te dar­aus gefol­gert wer­den, dass eine Sozia­li­sa­ti­on der Migran­ten zur Mehr­heits­ge­schich­te hin kom­bi­niert mit dem Anspruch, “den” Ange­hö­ri­gen der Mehr­heits­kul­tur “die” Her­kunfts­ge­schich­ten näher­zu­brin­gen, nicht aus­reicht, son­dern dass viel­mehr allen gemein­sam eine gemein­sa­me neue his­to­ri­sche Iden­ti­tät zumin­dest anzu­bie­ten ist – etwa im Sin­ne eines Kos­mo­po­li­tis­mus und einer men­schen­recht­lich-uni­ver­sa­len Kul­tur. 5 Ande­re Schluss­fol­ge­run­gen erschei­nen jedoch weit­aus plau­si­bler – so die Kon­zep­ti­on, Geschichts­ler­nen soll­te weni­ger die Ler­nen­den zu einer mehr oder weni­ger homo­ge­nen Gemein­schaft zusam­men­schwei­ßen, also weder die Migran­ten zu Mit­glie­dern der als unver­än­dert gedach­ten Ziel­kul­tur machen, noch alle zusam­men zu einer neu­en Gesell­schaft glei­chen Typs, son­dern viel­mehr dazu bei­tra­gen, dass alle in die Lage ver­setzt wer­den, als gleich­be­rech­tig­te Mit­glie­der an einer neu­en Form von Gesell­schaft zu par­ti­zi­pie­ren, die weni­ger auf Homo­ge­ni­tät auf­ge­baut ist als mehr auf der Befä­hi­gung aller zum Umgang mit Hete­ro­ge­ni­tät, mit Anders­ar­tig­keit. Dazu könn­te etwa bei­tra­gen, dass die unter­schied­li­chen Her­kunfts-Kul­tu­ren nicht als sol­che (und nicht nur für die jeweils aus ihnen stam­men­den), son­dern in ihren gegen­sei­ti­gen sach­li­chen (=”real­ge­schicht­li­chen”) wie per­spek­ti­vi­schen Bezie­hun­gen the­ma­ti­siert wer­den, und somit dem Ein­zel­nen die Mög­lich­keit gebo­ten wird, sei­ne eige­ne his­to­ri­sche Iden­ti­tät zu reflek­tie­ren und somit (neu) zu begrün­den. 6 Auch die Kon­zep­ti­on, die Migra­ti­ons­er­fah­rung (bzw. die Erfah­rung, (ver­meint­lich) erst­mals mit Migran­ten zu tun zu haben) selbst zum Aus­gangs­punkt his­to­ri­schen Fra­gens und Ler­nens zu machen. In die­sem Sin­ne erfor­dert his­to­ri­sches Ler­nen in der Migra­ti­ons­ge­sell­schaft, aber auch in der glo­ba­li­sier­ten Welt weni­ger die “Ver­mitt­lung” ein­heit­li­cher Geschichts­bil­der (auch nicht das lin­ke und libe­ra­le der nega­ti­ven Erin­ne­rung), son­dern mehr die “Ver­mitt­lung” zwi­schen den Ori­en­tie­rungs­be­dürf­nis­sen, Fra­gen, Kon­zep­ten und den aus ihnen ent­sprin­gen­den Erzäh­lun­gen aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven. Es erfor­dert die Umstel­lung his­to­ri­schen Ler­nens auf de Ent­wick­lung der Fähig­keit, in die­ser Viel­falt his­to­ri­scher Fra­gen und Erzäh­lun­gen, sowohl die jeweils ande­ren ernst zu neh­men, gleich­zei­tig aber auch die eige­nen Fra­gen und Bedürf­nis­se, die eige­nen Wer­te und Ori­en­tie­run­gen zu schär­fen, und sich nicht in einem rela­ti­vis­ti­schen “any histo­ry goes” zu ver­lie­ren. Die zu ent­wi­ckeln­de Fähig­keit besteht viel­mehr dar­in, inner­halb einer diver­si­fi­zier­ten und kon­tro­ver­sen Geschichts- und Erin­ne­rungs­kul­tur par­ti­zi­pa­tons- und hand­lungs­fä­hig zu sein im Sin­ne einer Betei­li­gung an der Aus­hand­lung ver­nünf­ti­ger Geschichts­kon­zep­te. Es geht dar­um, im eigen­stän­di­gen his­to­ri­schen Den­ken “kom­pe­tent” zu werden.

Anmer­kun­gen /​ Refe­ren­ces
  1. vgl. auch HANSEN, KLAUS PETER (2003): Kul­tur und Kul­tur­wis­sen­schaft. Eine Ein­füh­rung.; 3. Aufl.; Tübin­gen, Basel: Francke.[]
  2. Vgl. etwa WELSCH, WOLFGANG (1997): “Trans­kul­tu­ra­li­tät.” In: Uni­ver­si­tas 52,1; S. 16 – 24;[]
  3. Wit­te, Arnd (2006): “Über­le­gun­gen zu einer (inter)kulturellen Pro­gres­si­on im Fremd­spra­chen­un­ter­richt.” In: Fremd­spra­chen leh­ren und ler­nen 35, S. XX.[]
  4. vgl. auch KÖRBER, ANDREAS (2001): “Geschich­te und inter­kul­tu­rel­les Ler­nen. Begrif­fe und Zugän­ge.” In: Geschich­te in Wis­sen­schaft und Unter­richt 52; 5 – 6; S. 292 – 304 bzw. KÖRBER, ANDREAS (2001): “Inter­kul­tu­rel­les Geschichts­ler­nen — eine Ein­füh­rung.” In: KÖRBER, ANDREAS (Hrsg.; 2001): Inter­kul­tu­rel­les Geschichts­ler­nen. Geschichts­un­ter­richt unter den Bedin­gun­gen von Ein­wan­de­rung und Glo­ba­li­sie­rung. Kon­zep­tio­nel­le Über­le­gun­gen und prak­ti­sche Ansät­ze. Müns­ter: Wax­mann (Novem­ber­aka­de­mie; 2), S. 5 – 25.[]
  5. Bodo von Bor­ries nennt das “Men­schen­rechts­ge­schich­te als Ersatz­re­li­gi­on”. Sie­he Bor­ries, Bodo von (2001): “Inter­kul­tu­rel­les Geschichts­ler­nen — ja sicher, aber wie?” In: Kör­ber, Andre­as (Hrsg.; 2001): Inter­kul­tu­rel­les Geschichts­ler­nen. Geschichts­un­ter­richt unter den Bedin­gun­gen von Ein­wan­de­rung und Glo­ba­li­sie­rung. Kon­zep­tio­nel­le Über­le­gun­gen und prak­ti­sche Ansät­ze. Müns­ter: Wax­mann (Novem­ber­aka­de­mie; 2), S. 73 – 96., S. XX.[]
  6. Dazu ein Bei­spiel: Das erfor­der­te etwa, beim The­ma “Ent­de­ckun­gen” und “Kolo­nia­lis­mus” kon­se­quent sowohl die Poli­ti­ken der euro­päi­schen Staa­ten und der in/​aus ihnen Täti­gen Han­dels­kom­pa­gni­en (auch in ihrer Riva­li­tät unter­ein­an­der), aber auch ver­schie­de­ner Inter­es­sen­grup­pen in die­sen Staa­ten (inklu­si­ve Kri­ti­kern), als auch unter­schied­li­cher Akteu­re in den zu kolonisierenden/​kolonisierten Gebie­ten­zu the­ma­ti­sie­ren (Mul­ti­per­spek­ti­vi­tät im enge­ren Sin­ne) – und es erfor­der­te, die His­to­rio­gra­phien der unter­schied­li­chen “Kul­tu­ren” dazu kon­tras­tiv zu ver­wen­den (“Kon­tro­ver­si­tät”).[]
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