Arbeitsbereich Geschichtsdidaktik / History Education, Universität Hamburg

custom header picture

Eine weitere Randbemerkung — Danke, Ranke!

21. August 2016 Andreas Körber 3 Kommentare

Print Friendly, PDF & Email

Aus einer aktu­el­len Klau­sur zum Bache­lor-Modul Geschichtsdidaktik:

Im Rah­men einer gefor­der­ten Erläu­te­rung des Begriffs der “Trif­tig­keit” for­mu­liert ein(e) Student(in):

“Der Anspruch an Geschich­te ist, dass sie objek­tiv und ganz­heit­lich ist.”

Dass man statt “Objek­ti­vi­täts-” bes­ser “Gel­tungs­an­spruch” sagen müss­te, sei nur nach­ran­gig moniert. Dass Geschich­te aber einen “Ganzheitlichkeits”-Anspruch hat, ist wohl einer popu­lä­ren, in der außer­wis­sen­schaft­li­chen (lei­der wohl nicht wirk­lich außer­schu­li­schen) Geschichts­kul­tur ver­brei­te­ten nai­ven Vor­stel­lung zu ver­dan­ken, der­zu­fol­ge Geschich­te noch immer mit “Ver­gan­gen­heit” gleich­ge­setzt wird. Dass Geschich­te gera­de nicht “ganz­heit­lich” ist, son­dern selek­tiv, par­ti­ku­lar und per­spek­ti­visch, gehört gera­de zu den Vor­be­din­gun­gen der Prü­fung ihres Gel­tungs­an­spruchs (ihrer jewei­li­gen Plau­si­bi­li­tät) mit Hil­fe der Trif­tig­keits­kri­te­ri­en nach Rüsen.

Zur irri­gen Auf­fas­sung der “Ganz­heit­lich­keit” von Geschich­te, die offen­kun­dig in schu­li­schem Unter­richt (und in die­sem Fal­le lei­der auch im BA-Stu­di­um) nicht wirk­sam her­aus­ge­for­dert wur­de, hat wohl auch die — wie Lutz Rapha­el 1 gezeigt hat, irri­ge — Wir­kung von Ran­kes For­mu­lie­rung “zu zei­gen, wie es eigent­lich gewe­sen”, bei­getra­gen. So dass man hier etwas genervt ant­wor­ten könn­te (das habe ich auf dem Blog “histo­ry accord­ing to toby” von Tobi­as Jacob gefun­den 2): “Dan­ke, Ranke!”

Anmer­kun­gen /​ Refe­ren­ces
  1.  Rapha­el, Lutz (2003): Geschichts­wis­sen­schaft im Zeit­al­ter der Extre­me. Theo­rien, Metho­den, Ten­den­zen von 1900 bis zur Gegen­wart. Mün­chen, S. 67f, spricht von einem “tri­vi­al­po­si­ti­vis­ti­schen Objek­ti­vi­täts­ide­al”, das der “für Ran­ke und sei­ne Schü­ler so prä­gen­den idea­lis­tisch-his­to­ris­ti­schen Geschichts­phi­lo­so­phie” nicht gerecht wer­de.[]
  2. Im Bei­trag “Nar­ra­ti­vi­tät — knapp vor­bei” vom 27.9.2014 []
==

Tags




3 Kommentare

  1. Matthias Bublitz sagt:

    Da hat man sich wohl ver­stan­den, Miss (alter Pen­nä­ler­witz). Jeden­falsch fin­de ich, den Ganz­heit­lich­keits- und den Objek­ti­vi­täts­an­spruch in einen Topf zu schmei­ßen, ob nun mit posi­ti­vem Bezug oder als Feindbild.

    Doch im Ernst: Das 19. Jh. ver­schwimmt immer wie­der zu einem ein­heit­li­chen Abgren­zungs­ob­jekt, um es dann guten Gewis­sens in den Ofen gackern zu kön­nen. Getrof­fen wird damit viel Erhal­tens­wer­tes, auch aus ande­ren Zei­ten, u.a. (wie ich es sehe) der Ansatz der “Bie­le­fel­der Schu­le”, der ja — ent­ge­gen den Ansich­ten Ran­kes — eine “ganz­heit­li­che­re” Sicht auf Ein­zel­fak­ten abstrebt(e), eine Ein­bet­tung des Kon­kre­ten in das Gan­ze einer Gesellschaftsentwicklung.

    Es ist scha­de, dass die Über­so­zio­lo­gi­sie­rung, die z.B. in Form der “ankla­gen­den Bil­dungs­so­zio­lo­gie” noch heu­te ange­sagt ist im Didak­tik-Main­stream, bei der Gestal­tung der Gesell­schafts­fä­cher immer öfter in eine (neo­li­be­ra­le) Unter­so­zio­lo­gi­sie­rung umschlägt. Da fehlt dann die “Ganz­heit­lich­keit” des theo­re­ti­schen Zugriffs.

    Über­haupt: Man sieht immer wie­der, dass es bes­ser wäre, Begrif­fe wie “Ganz­heit­lich­keit” und “Objek­ti­vi­tät” in einem seriö­sen, nicht-nai­ven, nicht-destruk­ti­ven Phi­lo­so­phie­un­ter­richt zu klä­ren, um dann in spä­te­ren Dis­kus­sio­nen nicht anein­an­der vorbeizureden.

    “Ganz­heit­lich­keit” hat in der Gegen­warts­spra­che ganz unter­schied­li­che Kon­no­ta­tio­nen, meist sogar posi­ti­ve. Wenn man sich eine “ganz­heit­li­che Medi­zin” wünscht, die das Gan­ze des Pati­en­ten im Blick hat, wenn man zu Recht for­dert, dass eine his­to­ri­sche Ana­ly­se ver­schie­de­ne Ebe­nen umfas­sen soll­te — ja, kann das denn Sün­de sein?

    Inso­fern fin­de ich es falsch, einer Stu­die­ren­den die­se ihre Rufe nach Objek­ti­vi­tät und Ganz­heit­lich­keit ankrei­den und aus­trei­ben zu wol­len — das wäre auto­ri­tä­re, ja tota­li­tä­re Postmoderne!

  2. Andreas Körber sagt:

    Nun ja, ich habe Ganz­heit­lich­keit ja gera­de nicht als Kon­zept Ran­kes ange­führt, son­dern dies als eine “irri­ge” Wir­kung der For­mu­lie­rung Ran­kes vom “wie es eigent­lich gewe­sen” inter­pre­tiert. Die­se For­mu­lie­rung meint ja eben­falls gera­de nicht ein nai­ves “wie es wirk­lich gewesen”

  3. Matthias Bublitz sagt:

    Die hier aus­ge­spro­che­nen Front­li­ni­en hal­te ich für falsch. Ran­ke lehn­te eine ganz­heit­li­che Sicht auf Geschich­te ab, wenn er sag­te, jede Epo­che sei unmit­tel­bar zu Gott. “Ganz­heit­lich” dach­ten eher Hegel und Marx, gegen die Ran­ke die kon­ser­va­ti­ve Waf­fe war. Die Fokus­sie­rung auf Ein­zel­fak­ten und deren Rekon­struk­ti­on aus Akten­ma­te­ri­al mag ähn­lich erkennt­nis­gläu­big sein wie der Hege­lia­nis­mus — “ganz­heit­lich” ist sie aber ganz bestimmt nicht.

Comments are closed.