Arbeitsbereich Geschichtsdidaktik / History Education, Universität Hamburg

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Rede des Prodekans für Lehre, Studium und Studienreform zur akademischen Abschlussfeier der erziehungswissenschaftlichen Studiengänge am 14. Juli 2011

15. Juli 2011 Andreas Körber Keine Kommentare

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Lie­be Anwe­sen­de, d.h.

  • lie­be Eltern, Part­ner, Kin­der und wei­te­re Ver­wand­te, Freun­de der­je­ni­gen, die heu­te hier fei­ern, und die wir heu­te feiern, …
  • lie­be Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen aus dem Hau­se, aus den ande­ren am Zustan­de­kom­men des hier zu fei­ern­den Ereig­nis­ses betei­lig­ten Fakul­tä­ten und Institutionen,
  • lie­be Vertreter(innen) des Präsidiums,
  • lie­be Ver­tre­ter des Ham­bur­ger Bildungswesens,
  • vor allem aber: lie­be Absol­ven­tin­nen und Absolventen. –

es ist eine erfreu­li­che Ver­pflich­tung für mich, im Namen des Deka­nats die Glück­wün­sche zum Abschluss Ihres Stu­di­ums zu über­brin­gen und Ihnen für den wei­te­ren Lebens- und Bil­dungs­weg – die wer­den ja angeb­lich immer iden­ti­scher – alles Gute zu wün­schen, und das heißt nicht nur gute wei­te­re Abschlüs­se und for­ma­le Erfol­ge, son­dern vor allem sol­che Momen­te, in denen sich eige­ne Anstren­gun­gen zu Ein­sich­ten und Erkennt­nis­sen, zu Fähig­kei­ten und Fer­tig­kei­ten ver­bin­den, die nicht ein­fach ange­lernt und über­nom­men sind, son­dern die Sie in die Lage ver­set­zen, als Sie selbst in Ihrem Leben und Beruf aktiv und wirk­sam zu sein.

Was Sie jetzt geschafft haben, ist ja zunächst „nur“ ein wei­te­rer Schritt in einer gan­zen Rei­he for­ma­ler Qua­li­fi­ka­tio­nen, die man heut­zu­ta­ge nach- und neben­ein­an­der erwirbt. So wich­tig die­se Form der Mani­fes­ta­ti­on und Doku­men­ta­ti­on von Eig­nun­gen und Befä­hi­gun­gen für unüber­sicht­li­che und dif­fe­ren­zier­te Gesell­schaf­ten ist, so sehr ist es und bleibt es auch hof­fent­lich der Anspruch aller an sol­chen Bil­dungs­pro­zes­sen Betei­lig­ten, dass in und mit die­sen for­ma­len Qua­li­fi­ka­tio­nen meh­rer­wor­ben – oder besser:ausgebildet, aus­ge­prägt, eigen­stän­dig­ent­wi­ckelt – wird als nur mess- und abprüf­ba­res Wis­sen und Können.

Dass ich eben bei „erwor­ben“ und „aus­ge­bil­det“ sowie „ent­wi­ckelt“ gezö­gert habe, ist dabei sym­pto­ma­tisch: Ein­sei­ti­ge Theo­rien oder Über­zeu­gun­gen davon, wor­in Ler­nen besteht oder bestehen kann und soll, hel­fen in Gesell­schaf­ten wie der heu­ti­gen nicht wei­ter – ganz abge­se­hen davon, dass kei­ne von ihnen die gan­ze Viel­falt der empi­ri­schen vor­find­li­chen Lern­pro­zes­se beschrei­ben kann.

Weder kön­nen Sie Wis­sen und Kön­nen ein­fach „erwer­ben“ im Sin­ne einer Über­nah­me von einem „Geber“ (von einem Erwerb im Sin­ne eines Kaufs mag ich gar nicht reden) – noch befrie­digt es, davon aus­zu­ge­hen, dass im Lau­fe Ihrer Bil­dungs­bio­gra­phien ein­fach „ent­wi­ckelt“ wird, was schon vor­her da war (und das, was nicht da war, dann eben auch nicht ent­wi­ckelt wer­den könn­te), oder dass gar ande­re an Ihnen etwas „aus­bil­den“: Ler­nen und sich ent­wi­ckeln sind kom­ple­xe Pro­zes­se die weder allein im stil­len Käm­mer­lein oder einem Elfen­bein­turm gelin­gen kön­nen – ohne all’ die sys­te­ma­ti­schen und unsys­te­ma­ti­schen, die for­mel­len und infor­mel­len, die geplan­ten und unge­plan­ten „Ein­flüs­se“ und Rück­mel­dun­gen aus der Gesell­schaft, von rele­van­ten Ein­zel­nen und Grup­pen, aber auch Insti­tu­tio­nen. Noch sind es Pro­zes­se, die nur von die­sen an Ihnen (und uns allen) voll­zo­gen wer­den kön­nen. Ler­nen ist also immer ein indi­vi­du­el­ler, aber eben­so sozi­al ein­ge­bun­de­ner Pro­zess. Für gelin­gen­des wie für schei­tern­des Ler­nen kann man wohl nur in den sel­tens­ten Fäl­len nur eine Sei­te loben, ankla­gen oder ver­ant­wort­lich machen. Die­se dop­pel­te Ver­an­ke­rung soll nun mei­ne wei­te­ren Aus­füh­run­gen leiten:

Zunächst zum indi­vi­du­el­len Anteil:

Gera­de auch in Gesell­schaf­ten mit aus­ge­präg­tem for­ma­len Qua­li­fi­ka­ti­ons­sys­tem gilt, dass das ler­nen­de Indi­vi­du­um immer auch für sich selbst ver­ant­wort­lich bleibt und blei­ben muss, dass sowohl im Pro­zess wie auch unter den Zie­len der Bil­dung die Kom­pe­tenz des Ler­nen­den zen­tral sein muss. Sie haben offen­kun­dig – sonst wären Sie heu­te nicht hier – die­se indi­vi­du­el­le Ver­ant­wor­tung wahr­ge­nom­men, die­je­ni­ge für sich selbst, wie die dar­in auch lie­gen­de für die Gesell­schaft. Dazu kann und will ich Ihnen heu­te herz­lich gra­tu­lie­ren. Aber ich hät­te durch­aus ein Pro­blem damit, sie ein­fach dazu zu beglück­wün­schen, dass Sie getan hät­ten, was man von Ihnen verlangte.

Der eben schon ver­wen­de­te Begriff der „Kom­pe­tenz“, der Ihnen in den letz­ten Jah­ren in Ihrem Stu­di­um oft begeg­net sein dürf­te, ist für mich dabei beson­ders rele­vant. Viel­leicht wun­dern Sie sich, dass ich ihn gera­de dafür in Anspruch neh­men möch­te, Sie nicht nur dazu beglück­wün­schen, dass Sie als Stu­die­ren­de in die­sem Sys­tem „funk­tio­niert“ hät­ten, dass Sie „die Anfor­de­run­gen“ bewäl­tigt haben, die ande­re – wir – Ihnen gestellt haben. In man­cher­lei Zusam­men­hang gera­de in der Bil­dungs­steue­rung und auch zuwei­len in der Bil­dungs­for­schung gerät die­ser Begriff ja auch dazu (oder wird so wahr­ge­nom­men), dass er die Befä­hi­gung zur Aus­übung stan­dar­di­sier­ter Fähig­kei­ten bezeich­net, Fähig­kei­ten und Fer­tig­kei­ten, die den Ein­zel­nen in die Lage ver­set­zen, die ihm gestell­ten Auf­ga­ben mög­lichst selbst­stän­dig und effi­zi­ent aus­zu­füh­ren. Viel­leicht sind Sie auf der Basis eines sol­chen Ver­ständ­nis­ses ja auch zu einer Kri­ti­ke­rin oder einem Kri­ti­ker der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung gewor­den. Viel­leicht arbei­ten Sie ja auch bereits dar­an, die­se über­win­den zu helfen.

Dem möch­te ich aber ent­ge­gen­hal­ten, dass die­ses eher instru­men­tel­le Ver­ständ­nis, so oft man es fin­det, eine Ver­kür­zung dar­stellt. Wenn immer Kom­pe­ten­zen gemes­sen wer­den sol­len, geht es ja dar­um, von der tat­säch­li­chen Lösung stan­dar­di­sier­ter Auf­ga­ben wei­ter­zu­schlie­ßen auf die dahin­ter ste­hen­den Fähig­kei­ten, mit immer neu­en Her­aus­for­de­run­gen umzu­ge­hen. Aber das ist es nicht allein. Wesent­li­cher und lei­der oft­mals eben­falls ver­ges­sen, ist, dass „Kom­pe­tenz“ eben nicht nur dem Wort­sin­ne, son­dern auch dem Kon­zept nach das Ele­ment der „Zustän­dig­keit“ beinhaltet.

Wenn Insti­tu­tio­nen und Leh­ren­de es sich ange­le­gen sein las­sen, die die „Kom­pe­ten­zen“ der Ler­nen­den zu för­dern, zu ent­wi­ckeln, dann muss es ihnen, wol­len sie dem Begriff (d.h. dem Gedan­ken hin­ter dem Wort) gerecht wer­den, auch dar­um gehen, die Ler­nen­den zu befä­hi­gen, selbst­stän­dig zu wer­den in der Fra­ge, ob und wie sie ihre Fähig­kei­ten einsetzen.

Nun ste­hen gera­de die Uni­ver­si­tä­ten in den letz­ten Jah­ren unter dem Schlag­wort der Bolo­gna-Reform nicht gera­de im Ruf, die­se „Eigen­stän­dig­keit“ eines nicht auf vor­ge­ge­be­ne Zwe­cke fokus­sier­ten Ler­nens für die kri­ti­sche Refle­xi­on der gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren zu för­dern. Oft­mals ist davon die Rede, das gan­ze Stu­di­um sei mit den neu­en Stu­di­en­ord­nun­gen und ‑struk­tu­ren eben den­je­ni­gen Prin­zi­pi­en der „öko­no­mi­schen Ver­wert­bar­keit“ unter­wor­fen wor­den, die dem ein­zel­nen gera­de nicht den so wesent­li­chen Aspekt der Zustän­dig­keit für sein eige­nes Han­deln belas­sen wol­len – und unter den gegen­wär­ti­gen Struk­tu­ren sei es auch gar nicht vor­ge­se­hen, gera­de die­se „Fähig­keit zur Zustän­dig­keit“ mit zu entwickeln.

Ich bezweif­le, dass das der Fall ist. Bache­lor und Mas­ter sind als sol­che weder bes­ser noch schlech­ter als ande­re Sys­te­me. Oder anders­her­um: Auch eine Rück­kehr zu den alten Stu­di­en­sys­te­men garan­tiert kei­nes­wegs, dass alles (wie­der) bes­ser wird. Natür­lich ist eine Reform der Reform ange­bracht (und bereits unter­wegs) dort, wo inner­halb des neu­en Sys­tems Rah­men­vor­ga­ben zu restrik­tiv oder gar unsin­nig sind, wo es sich zeigt, dass Über­re­gu­lie­run­gen das eigen­stän­di­ge Stu­di­um erschwe­ren, usw. Auch im gegen­wär­ti­gen Stu­di­en­sys­tem gilt jedoch mei­nes Erach­tens, dass die genann­te eige­ne Zustän­dig­keit den aller­meis­ten Leh­ren­den sehr wohl am Her­zen liegt. Ich wün­sche mir (und hier kom­me ich zurück zum Glück­wunsch), dass Sie das auch so erfah­ren konn­ten – und noch mehr, dass Sie es auch im wei­te­ren Lebens­weg erfah­ren, und dass Sie, sofern Sie selbst ein­mal einen leh­ren­den Beruf ergrei­fen, es sich bewah­ren und als eigen­stän­dig den­ken­de und urtei­len­de, hand­lungs­fä­hi­ge Bür­ge­rin­nen und Bür­ger sich selbst die kri­ti­sche letz­te Instanz den­ken (kön­nen), die für das eige­ne Tun ver­ant­wort­lich zeichnet.

Wenn es uns gelun­gen ist, Ihnen im Rah­men Ihrer unter­schied­li­chen Stu­di­en die­se Per­spek­ti­ve zu eröff­nen, dass Sie Eigen­ver­ant­wort­lich­keit gera­de in erzie­hungs­wis­sen­schaft­li­chen und päd­ago­gi­schen Hand­lungs­fel­dern zwar als Her­aus­for­de­rung, aber nicht als Belas­tung, nicht als Bür­de, son­dern als Chan­ce begrei­fen, wenn es uns gelun­gen ist, Ihnen dabei zu hel­fen, die wei­te­ren for­ma­len Schrit­te und Qua­li­fi­ka­tio­nen, die Sie noch ange­hen wer­den, nicht als unver­bun­de­ne, abzu­ha­ken­de Ein­hei­ten anzu­se­hen, son­dern als Bau­stei­ne Ihres nur von Ihnen in Gän­ze zu ent­wi­ckeln­den „pro­fes­sio­nel­len“ Selbst, dann bin ich zufrie­den. Dann haben auch wir unse­re Prü­fung bestanden.

In die­sem Sin­ne kann und darf Ihr Abschluss mit vol­lem recht gefei­ert wer­den. Und zwar nicht nur von Ihnen selbst, son­dern – jetzt kom­me ich zur ande­ren Sei­te des anfäng­li­chen Argu­ments – gera­de auch von (und mit) den­je­ni­gen, die Ihnen bei­gestan­den haben, Sie unter­stützt, gele­gent­lich getrös­tet, ermu­tigt, gefor­dert: Auch Sie haben Ihren Teil dazu bei­getra­gen – und zwar nicht nur zur indi­vi­du­el­len Ent­wick­lung eines Men­schen, son­dern auch zur Ent­wick­lung der Gesell­schaft. Gera­de wenn es gilt, dass sol­che Bil­dungs­sys­te­me nicht die „her­an­wach­sen­de Genera­ti­on“ nach dem Bil­de der Vor­an­ge­gan­ge­nen for­men sol­len, son­dern jene befä­hi­gen und her­aus­for­dern, über die­se hin­aus­zu­wach­sen, neue Situa­tio­nen und Pro­ble­me mit neu­em Den­ken und Han­deln anzu­ge­hen, dann tut jeder ein gutes Werk, der einem her­an­wach­sen­den Men­schen hilft, sich selbst in die­se Gesell­schaft so ein­zu­brin­gen, dass er bei­des ist: eigen­stän­di­ges, aber auch für die ande­ren sicht­ba­res, erkenn­ba­res und anschluss­fä­hi­ges Indi­vi­du­um. Also: Fei­ern Sie in den Absol­ven­ten auch ein wenig sich selbst. Dar­auf darf man stolz sein.

An die Absol­ven­ten geht nun natür­lich der glei­che Rat: Fei­ern Sie, sei­en Sie auch ein wenig stolz, atmen Sie durch. Aber ich möch­te auch die Bit­te anschlie­ßen: Kom­men Sie wie­der oder blei­ben Sie uns gewo­gen, nicht nur wenn Sie wei­ter stu­die­ren wol­len, son­dern als eine wei­te­re Genera­ti­on her­aus­for­dern­der, den­ken­der Mit­glie­der unse­rer Gesellschaft.

Ich dan­ke Ihnen

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