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Gängige Definitonen: Überschärfe

Die star­ke Fokus­sie­rung auf die unter­stüt­zen­de Funk­ti­on von Geschichts­re­vi­sio­nis­mus für Mit­glie­der einer ver­schie­dent­lich geform­ten rech­ten Sze­ne fin­det sich bei wei­tem nicht aus­schließ­lich als Zugriff des Ver­fas­sungs­schut­zes, son­dern prägt auch gän­gi­ge Defi­ni­tio­nen des aka­de­mi­schen Diskurses.

Die öster­rei­chi­sche Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rin und His­to­ri­ke­rin Bri­git­te Bai­ler-Galan­da sprach bereits 1996 in einer seit­her viel­fach rezi­pier­ten Defi­ni­ti­on von Geschichts­re­vi­sio­nis­mus als die

„Bemü­hun­gen, Geschich­te im Sin­ne einer Ver­harm­lo­sung, Beschö­ni­gung, Recht­fer­ti­gung oder Ent­kri­mi­na­li­sie­rung des Natio­nal­so­zia­lis­mus für per­sön­li­che, vor allem aber poli­ti­sche Zwe­cke umzu­schrei­ben bzw. durch Auf­rech­nung alli­ier­ter Grau­sam­kei­ten die Ver­bre­chen des Natio­nal-sozia­lis­mus zu rela­ti­vie­ren.“[1]

Nicht unähn­lich spricht der in der Anti­se­mi­tis­mus­for­schung pro­mi­nen­te Wolf­gang Benz von einer

„Hilfs­ideo­lo­gie im Diens­te rechts­extre­mer Zie­le mit dem Anspruch, Geschich­te zu ‚ent­kri­mi­na­li­sie­ren‘ und das Geschichts­bild durch Fäl­schung und Mani­pu­la­ti­on zu schö­nen. Die ‚Ausch­witz­lü­ge‘ hat die zen­tra­le Funk­ti­on im Kon­zept des Revi­sio­nis­mus, als der Ideo­lo­gie des Negie­rens der Ver­bre­chen des NS-Staa­tes, mit der Hit­ler-Apo­lo­ge­ten, Natio­na­lis­ten sowie Alt- und Neo­na­zis das his­to­ri­sche Bild des Natio­nal­so­zia­lis­mus retu­schie­ren wol­len.“[2]

Laut der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung ist

„Revi­sio­nis­mus (prä­zi­ser: Geschichts­re­vi­sio­nis­mus) […] ein wesent­li­cher Bestand­teil rechts­extre­mer Ideo­lo­gien. Er ver­folgt das Ziel, die Geschichts­schrei­bung zum Bei­spiel über den Natio­nal­so­zia­lis­mus aus poli­ti­scher Moti­va­ti­on umzu­deu­ten und so Ver­bre­chen des NS-Regimes zu rela­ti­vie­ren. Dem Revi­sio­nis­mus geht es – anders als von sei­nen Ver­tre­tern oft behaup­tet – nicht um eine wis­sen­schaft­li­che und objek­ti­ve Aus­ein­an­der­set­zung mit Geschich­te. Statt­des­sen mani­pu­lie­ren Revi­sio­nis­ten häu­fig Fak­ten, um den Natio­nal­so­zia­lis­mus zu ver­harm­lo­sen.“[3]

 

Und auch das Wör­ter­buch Geschichts­di­dak­tik schließt sich an und nennt unter Schlag­wort Revi­sio­nis­ten folgendes:

„Seit dem Ende des NS Regimes tau­chen in Euro­pa und in den USA immer wie­der Stim­men auf, die mit publi­zis­ti­schem Auf­wand die Mas­sen­ver­bre­chen des Natio­nal­so­zia­lis­mus leug­nen. Sie möch­ten das bestehen­de Geschichts­bild revi­die­ren und nen­nen sich des­halb Revi­sio­nis­ten. Der Kern ihrer Aus­sa­gen ist die Leug­nung des mil­lio­nen­fa­chen Mor­des an den euro­päi­schen Juden.“[4]

Geschichts­re­vi­sio­nis­mus wird also gemein­hin über­fo­kus­siert auf etwas inner­halb von Rechts­extre­mis­mus, das des­sen kon­kre­te ideo­lo­gi­sche Zie­le beschreibt und exem­pla­risch typisch Aus­sa­gen bzw. Metho­den beinhal­tet. Zusam­men­fas­send lässt sich hier­bei nennen:

  • Geschichtsrevisionist:innen betrei­ben die Ver­harm­lo­sung der Nazi-Dik­ta­tur durch eine Gleich­set­zung mit den Ver­bre­chen ande­rer, spe­zi­ell der Alli­ier­ten. Als tu quo­que wer­den ein Bom­ben­ho­lo­caust, Ver­ge­wal­ti­gun­gen deut­scher Frau­en durch Besat­zungs­sol­da­ten oder US Inter­nie­rungs­la­gern angeführt.
  • Der rechts­extre­me Geschichts­re­vi­sio­nis­mus betreibt Schuld- bzw. Täter-Opfer-Umkehr, z.B. in Form der Prä­ven­tiv­kriegs­the­se oder Mythen zu einer jüdi­schen Weltverschwörung.
  • Zum Revi­sio­nis­mus gehört das über­be­ton­te Her­aus­stel­len posi­ti­ver Aspek­te des Natio­nal­so­zia­lis­mus, Stich­wort Hit­lers Auto­bahn.
  • Typisch revi­sio­nis­tisch ist die For­de­rung nach einer Aus­rich­tung auf Zukunft in Form des Endes von natio­nal­so­zia­lis­ti­schem Schuld­kult.
  • Revisionist:innen erhe­ben den Anspruch auf die Sag­bar­keit von Holo­caust­leug­nung unter dem Deck­man­tel der For­de­rung nach Mul­ti­per­spek­ti­vi­tät und Objek­ti­vi­tät. Sie füh­ren dabei den wis­sen­schaft­li­chen Anspruch von Revi­sio­nis­mus fort und unter­stel­len bei Wider­spruch eine ideo­lo­gi­sche Ver­fol­gung ihrer For­schung. Die­se For­schun­gen wei­sen jedoch in der Regel qua­li­ta­ti­ve Män­gel bei den Trif­tig­kei­ten auf.

 

Offene Fragen: Unschärfe

Das Auf­tau­chen von Geschichts­re­vi­sio­nis­mus wird von ver­schie­de­nen Sei­ten als Pro­blem dis­ku­tiert und ist auch im all­tags­sprach­li­chen und media­len Gebrauch, wobei er in Anwen­dung auf rech­te Nar­ra­ti­ve defi­niert wird. Unscharf bleibt dadurch, was Geschichts­re­vi­sio­nis­mus der eige­nen Natur nach sein kann und wie ande­re The­men, Akteur:innen und ideo­lo­gi­sche Funk­tio­nen unter die­sem begriff­li­chen Zugriff betrach­tet wer­den können.

Wenn Geschichts­re­vi­sio­nis­mus als Merk­mal von Rechts­extre­mis­mus ver­stan­den wird, blei­ben unter ande­re The­men außer­halb des Fokus. In Deutsch­land betrifft das ganz kon­kret die Rezep­ti­on bzw. Revi­si­on der DDR-Geschich­te im Links­extre­mis­mus, die zu den wis­sen­schaft­lich weni­ger erschlos­se­nen The­men­fel­dern zählt. Eine Sys­te­ma­tik der his­to­ri­schen Umdeu­tung aus lin­ker ideo­lo­gi­scher Absicht und das Auf­tre­ten von lin­kem Revi­sio­nis­mus bei Geschichts­ver­mitt­lung sind bis­her eine deut­li­che­re Blind­stel­le. Hin­zu kommt, dass die weni­gen Publi­ka­tio­nen mit die­sem Zugriff teils von Opfern der SED-Dik­ta­tur selbst oder mit star­ken geschichts­po­li­ti­schen Stand­punk­ten ver­fasst wur­den und des­halb in Hin­blick auf ihre Per­spek­ti­vi­tät vor­sich­tig zu behan­deln sind.

Die Trä­ger eines lin­ken Geschichts­re­vi­sio­nis­mus schei­nen vor allem dog­ma­ti­sche Linksextremist:innen und ehe­ma­li­ge DDR Funktionsträger:innen zu sein, wäh­rend die links­au­to­no­me Sze­ne nur bedingt in Erschei­nung tritt. Zu den dog­ma­ti­schen Lin­ken zäh­len Par­tei­en wie die DKP, MLPD oder der extre­mis­ti­sche Flü­gel der Par­tei DIE LINKE und die dar­an ange­schlos­se­nen Orga­ne, wie die Geschichts­kom­mis­sio­nen, die Kom­mu­nis­ti­sche Platt­form oder das Mar­xis­ti­sche Forum. Sie agie­ren revi­sio­nis­tisch über Pro­gramm­schrif­ten, Auf­tre­ten in Par­la­men­ten, die Tages­pres­se und Par­tei­zeit­schrif­ten, wie die Rote Fah­ne der MLPD.[5]

 

Abb: Aus­schnitt aus einem Bei­trag der Roten Fah­ne gegen die Dämo­ni­sie­rung der DDR durch den Wes­ten, der sich spe­zi­ell der Ver­harm­lo­sung des Schieß­be­fehls und der Auf­wer­tung der Rol­le der Grenz­trup­pen bei der Mau­er­öff­nung wid­met.[6]

 

Abb: Pro­test­ak­ti­on von Mit­glie­dern der Schwe­ri­ner SDAJ, der DKP, des Rot­Fuchs, der PdL sowie par­tei­lo­ser Lin­ker gegen eine Kunst­ak­ti­on von Alex­an­der Bau­ers­feld, des­sen geplan­te Ver­hül­lung der Schwe­ri­ner Lenin-Sta­tue einen „Angriff auf Lenin als his­to­ri­sche Per­son ver­übt, […] auf die Leis­tun­gen der inter­na­tio­na­len Arbei­ter­be­we­gung und den Marxismus/​Leninismus ins­ge­samt sowie als Ver­ächt­lich­ma­chung der Lebens­leis­tung vie­ler Bür­ger in der ehe­ma­li­gen DDR zu wer­ten [sei].“[7]

 

Ana­log zu den Zeit­schrif­ten der rech­ten Sze­ne gibt es außer­dem wei­te­re mar­xis­tisch-leni­nis­ti­sche Print­me­di­en aber auch zivil­ge­sell­schaft­li­che Grup­pie­run­gen tre­ten augen­schein­lich auf. Dar­un­ter nur exem­pla­risch die zwi­schen­zeit­lich auf­ge­lös­te Gesell­schaft zum Schutz von Bür­ger­recht und Men­schen­wür­de, bestehend aus ehe­ma­li­gen DDR-Wissenschaftler:innen und Funktionär:innen, die gegen Sie­ger­jus­tiz und Ren­ten­straf­recht vor­ge­hen woll­ten,[8] da den Betei­lig­ten an Repres­sio­nen die Ver­sor­gungs­an­sprü­che gekürzt oder gestri­chen wer­den soll­ten. Dem wid­met sich auch die Initia­tiv­ge­mein­schaft zum Schutz der sozia­len Rech­te ehe­ma­li­ger Ange­hö­ri­ger bewaff­ne­ter Orga­ne und der Zoll­ver­wal­tung der DDR. Das Insi­der-Komi­tee zur För­de­rung der kri­ti­schen Aneig­nung der Geschich­te des MfS orga­ni­siert vor allem Demons­tra­tio­nen und Publi­zis­tik gegen SED-Gedenk­stät­ten, die eine Dis­kri­mi­nie­rung Ost­deut­scher dar­stel­le.[9]

Abb: Pop-up auf der Inter­net­sei­te der Initia­tiv­ge­mein­schaft zum Schutz der sozia­len Rech­te ehe­ma­li­ger Ange­hö­ri­ger bewaff­ne­ter Orga­ne und der Zoll­ver­wal­tung der DDR, das die Mit­glie­der als Frie­dens­ver­si­che­rer wie­der­holt.[10]

 

Teil­wei­se wer­de der lin­ke Revi­sio­nis­mus auf einer brei­te­ren Ebe­ne von ehe­ma­li­gen DDR-Bürger:innen auf­ge­grif­fen, die dort ohne Unter­drü­ckungs­er­fah­rung poli­tisch sozia­li­siert wur­den und die eige­ne Lebens­leis­tung als nicht wert­ge­schätzt emp­fän­den. Gera­de hier­zu bedarf es aber noch einer Bestä­ti­gung durch empi­ri­sche Studien.

In ins­ge­samt deut­lich gerin­ge­rem Umfang und mit weni­ger Gewalt­po­ten­zi­al nut­zen lin­ke Akteur:innen ähn­li­che revi­sio­nis­ti­sche Mit­tel bzw. Metho­den, wie die zuvor erläu­ter­ten. Es schei­nen sich hier vor allem fol­gen­de Punk­te zu ergeben:

  • Auch in Dar­stel­lun­gen zur DDR gibt es die Über­be­to­nung der Errun­gen­schaf­ten des SED-Staa­tes, hier die sozia­le Sicher­heit, Bil­dung, Kin­der­be­treu­ung etc.
  • Die Leug­nung oder Rela­ti­vie­rung von Ver­bre­chen fin­det in Form der Ver­harm­lo­sung von Sta­si-Haft mit­tels KZ-Ver­glei­chen oder der Nie­der­schla­gung des Volks­auf­stands 1953, der Leug­nung des Mas­sen­mor­des im GULAG oder des Schieß­be­fehls an der Mau­er sowie durch die Dar­stel­lung von HVA und MfS als Frie­dens­si­che­rer statt.
  • Eine Schuld­um­kehr fin­det sich ganz kon­kret im anti­fa­schis­ti­schen Grün­duns­gmy­thos der DDR und dem Mau­er­bau als prä­ven­ti­vem Akt, eben­so wie in der Beschul­di­gung der BRD, die Ein­schrän­kung der Rei­se­frei­heit von DDR-Bürger:innen durch den Allein­ver­tre­tungs­an­spruch ver­ur­sacht zu haben.
  • Auch die lin­ke Sei­te bean­sprucht unter Ver­fol­gungs­be­haup­tun­gen und Mul­ti­per­spek­ti­vi­tät die Sag­bar­keit die­ser Aspekte.

 

Das Ziel scheint auch hier ganz all­ge­mein zu sein, eine ideo­lo­gi­sche Sicht­wei­se in die Mehr­heits­ge­sell­schaft ein­zu­brin­gen. Nun zu ver­ste­hen als Ver­harm­lo­sung des SED-Regimes und Ver­klä­rung der DDR. Abwei­chend kommt die Siche­rung der eige­nen Ren­ten- und Ver­sor­gungs­be­zü­ge als per­sön­li­ches Ziel eini­ger Akteur:innen hin­zu.[11]

Die Defi­ni­ti­on von Geschichts­re­vi­sio­nis­mus unter der Prä­mis­se von deut­schem Rechts­extre­mis­mus macht den Begriff zudem schwie­ri­ger für inter­na­tio­na­le Per­spek­ti­ven und deren kri­ti­sche Refle­xi­on ope­ra­tio­na­li­sier­bar. Dies betrifft die Mög­lich­keit, Geschichts­re­vi­sio­nis­mus als Ana­ly­se­zu­gang für popu­lä­re Äuße­run­gen oder insti­tu­tio­nel­le Publi­ka­tio­nen, wie die Ver­öf­fent­li­chun­gen der 2020 durch den ehe­ma­li­gen Prä­si­den­ten Donald Trump gegrün­de­ten 1776 Com­mis­si­on zu nut­zen, die einen „his­to­ric and scho­lar­ly step to res­to­re under­stan­ding of the great­ness of the Ame­ri­can foun­ding“[12] unter­neh­men soll­te, ein­schließ­lich „res­to­ring patrio­tic edu­ca­ti­on that tea­ches the truth about Ame­ri­ca.“[13] Die Com­mis­si­on posi­tio­nier­te sich als Alter­na­ti­ve zur behaup­te­ten Indok­tri­na­ti­on des kri­ti­schen 1619 Pro­ject und soll­te über Geschich­te die patrio­ti­sche Gesin­nung bei Schüler:innen för­dern. Der Bericht wur­de aller­dings unter ande­rem von der Ame­ri­can His­to­ri­cal Socie­ty in einem State­ment mit 47 wei­te­ren unter­zeich­nen­den his­to­ri­schen Orga­ni­sa­tio­nen scharf kritisiert:

„The report actual­ly con­sists of two main the­mes. One is an homage to the Foun­ding Fathers, a sim­pli­stic inter­pre­ta­ti­on that reli­es on fal­se­hoods, inac­cu­ra­ci­es, omis­si­ons, and mis­lea­ding state­ments. The other is a screed against a half-cen­tu­ry of his­to­ri­cal scho­lar­ship, pre­sen­ted lar­ge­ly as a series of cari­ca­tures, using sin­gle examp­les (most nota­b­ly the “1619 Pro­ject”) to repre­sent broa­der his­to­rio­gra­phi­cal trends.”[14]

Ein ande­res mög­li­ches Bei­spiel, das ana­ly­tisch genau­er zu betrach­ten und ein­zu­ord­nen wäre, wäre bezo­gen auf die Kon­tro­ver­sen um die Ein­füh­rung eines neo­na­tio­na­lis­ti­schen und revi­sio­nis­ti­schen japa­ni­schen Schul­buchs, das sich gegen eine maso­chis­ti­sche und an Schuld ori­en­tier­te Geschichts­schrei­bung wen­det sowie die japa­ni­sche Rol­le im 2. Welt­krieg rela­ti­viert.[15] Auch zu den­ken wäre an den Text zur „Ein­heit der Rus­sen und der Ukrai­ner“ des rus­si­schen Prä­si­den­ten Vla­di­mir Putin in Bezug auf den Angriffs­krieg gegen die Ukrai­ne.[16] Schließ­lich wird auch die Fra­ge, ob bzw. inwie­weit Geschichts­re­vi­sio­nis­mus in der Ver­gan­gen­heit betrie­ben wur­de durch die gegen­wär­ti­ge pri­mä­re Set­zung ausgeklammert.

 

Ein vorsichtiges Fazit

Aus den vor­he­ri­gen Schil­de­run­gen hat sich für mich zum einen erge­ben, dass Geschichts­re­vi­sio­nis­mus als ana­ly­ti­sche Kate­go­rie durch­aus Poten­zi­al zur Aus­ein­an­der­set­zung mit Geschich­te hat. Hier­zu möch­te ich zum ande­ren für eine the­ma­tisch offe­nen und pro­zess­be­zo­ge­ne Defi­ni­ti­on zu dem, was ein ille­gi­ti­mer Geschichts­re­vi­sio­nis­mus ist, plädieren.

Ganz grund­le­gend wäre ein ille­gi­ti­mer Geschichts­re­vi­sio­nis­mus in die­sem Sin­ne die absichts­vol­le Umdeu­tung eines eta­blier­ten Geschichts­bil­des – spe­zi­ell durch Rela­ti­vie­rung, Leug­nung und/​oder Apo­lo­gie einer vor­ma­lig hege­mo­nia­len Grup­pe – mit­tels nicht trif­ti­ger Nar­ra­tio­nen, mit dem Ziel der Eta­blie­rung eines bestimm­ten ideo­lo­gi­schen Geschichts­bil­des, das mora­li­sie­ren­de Leit­wer­te für die jewei­li­ge Gegen­warts­ge­sell­schaft beinhal­tet. Er stellt eine Form der Aus­ein­an­der­set­zung mit Ver­gan­gen­heit und Geschich­te dar, bei der es nicht um einen ergeb­nis­of­fe­nen Erkennt­nis­ge­winn geht, son­dern bei dem die Deu­tun­gen bereits durch die ideo­lo­gi­sche Hal­tung der Akteur:innen vor­ge­ge­ben sind. Dabei wird ent­spre­chend ein nor­ma­tiv gül­ti­ger und/​oder wis­sen­schaft­lich fun­dier­ter his­to­ri­scher Kennt­nis­stand ver­wor­fen. Wäh­rend sich die Metho­den häu­fig ähneln, unter­schei­den sich die betei­lig­ten Akteur:innen, die his­to­ri­schen Gegen­stän­de, auf die Bezug genom­men wird und die spe­zi­fisch ver­folg­ten Ideologien.

Aus der Fest­stel­lung der defi­ni­to­ri­schen Unschär­fe und Über­schär­fe erge­ben sich mei­ner Mei­nung nach inter­es­san­te For­schungs­an­sät­ze. Die Unter­su­chung, wie ver­schie­de­ne Aktuer:innen, ins­be­son­de­re Geschichtsvermittler:innen, den Begriff Geschichts­re­vi­sio­nis­mus mit Inhalt fül­len und wel­che Kon­zep­te sie die­sem zuord­nen wäre eben­so inter­es­sant zu unter­su­chen, wie die Fra­ge, wel­che Funk­ti­on das Her­an­zie­hen von Geschichts­re­vi­sio­nis­mus in eige­nen Argu­men­ta­ti­on, z.B. in Social Media, erfüllt. Ein gewis­ser Ansatz in die­se Rich­tung wur­de mit dem Daten­satz zur Aus­ein­an­der­set­zung des poli­ti­schen Leit­or­gans Deut­scher Bun­des­tag mit dem Begriffs­feld des Geschichts­re­vi­sio­nis­mus (DeBuG)[17] gemacht. Die­ser ent­stand im Zuge einer empi­ri­schen Unter­su­chung zur Aus­ein­an­der­set­zung des poli­ti­schen Leit­or­gans Deut­scher Bun­des­tag mit dem Begriffs­feld des Geschichts­re­vi­sio­nis­mus und steht im Sin­ne einer Open Sci­ence zur all­ge­mei­nen und wei­ter­füh­ren­den Nut­zung zur Ver­fü­gung. Es steht außer­dem ein beglei­ten­des Wiki zur Ver­fü­gung, in dem neben dem Kon­text des Daten­sat­zes auch die zugrun­de­lie­gen­den Fra­ge­stel­lun­gen und die Metho­de zur Daten­er­he­bung und Auf­be­rei­tung für das Fund­stel­len­kor­pus trans­pa­rent gemacht sowie die inhalt­li­chen Bestand­tei­le des Daten­sat­zes und Bedin­gun­gen der Nach­nut­zung erläu­tert wer­den. Die aus der Aus­en­an­der­set­zung ent­stan­de­nen Kate­go­rien der Ver­wen­dung von Geschichts­re­vi­sio­nis­mus sowie zuge­hö­ri­gen Daten­vi­sua­li­sie­run­gen sind aktu­ell noch zur Ver­fü­gung gestellt.

 

 

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[1] (Bai­ler-Galan­da (1996), 19.)

[2] Benz (2016), 211).

[3] Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche BIl­dung (Hrsg.): online Glossar.)

[4] Krau­se-Vil­mar, Diet­frid: „Revi­so­nis­mus“. In: Ulrich May­er et al. (Hrsg.): Wör­ter­buch Geschichts­di­dak­tik. Frank­furt a.M. 2022, 193 – 194.

[5]     Sie­he hier­zu Baron, Udo: Die DDR im Spie­gel des Links­extre­mis­mus. Nur wer die Ver­gan­gen­heit kennt, kann die Zukunft gestal­ten. In: Argu­men­te und Mate­ria­li­en zum Zeit­ge­sche­hen 104 (2016), 25 – 32; und Fri­cke, Karl: Geschichts­re­vi­sio­nis­mus aus MfS-Per­spek­ti­ve. Ehe­ma­li­ge Sta­si-Kader wol­len ihre Geschich­te umdeu­ten. In: Deutsch­land Archiv 3 (2006), 490 – 495.

[6]     Rote Fah­ne 5 (2009), 2 – 3.

[7]     DKP Schwe­rin: „Anti­kom­mu­nis­mus und Geschichts­re­vi­sio­nis­mus“, 23.07.2014. URL: https://​www​.dkp​-mv​.de/​a​n​t​i​k​o​m​m​u​n​i​s​m​u​s​-​u​n​d​-​g​e​s​c​h​i​c​h​t​s​r​e​v​i​s​i​o​n​i​s​mus/​

[8]     Zur Ein­ord­nung der Begrif­fe sie­he Lan­nert, Chris­ti­an: „Vor­wärts und nicht ver­ges­sen”? Die Ver­gan­gen­heits­po­li­tik der Par­tei DIE LINKE und ihrer Vor­gän­ge­rin der PDS. Göt­tin­gen 2012 , 161f. Die Dar­stel­lun­gen der Gesell­schaft selbst fin­den sich exem­pla­risch in Gesell­schaft zum Schutz von Bür­ger­recht und Men­schen­wür­de (Hrsg.): Unrecht im Rechts-Staat. Straf­recht und Sie­ger­jus­tiz im Bei­tritts­ge­biet (=Weiß­buch 5). Ber­lin 1995.

[9]     Sie­he Mül­ler Zet­sche, Marie: DDR-Geschich­te im Klas­sen­zim­mer. Deu­tung und Wis­sens­ver­mitt­lung in Deutsch­land und Frank­reich nach 1990. Frankfurt/​M 2020, 63.

[10] Eine archi­vier­te Ver­si­on ist abruf­bar unter URL: https://web.archive.org/web/20220617024406/https://www.isor-sozialverein.de/cms/der-verein.html

[11] Sie­he Baron: Die DDR im Spie­gel des Links­extre­mis­mus; und Fri­cke: Geschichts­re­vi­sio­nis­mus aus MfS-Perspektive.

[12]   “1776 Com­mis­si­on Takes His­to­ric and Scho­lar­ly Step to Res­to­re Under­stan­ding of the Great­ness of the Ame­ri­can Foun­ding„ Janu­ary 18, 2021. URL https://​trump​whi​te​house​.archi​ves​.gov/​b​r​i​e​f​i​n​g​s​-​s​t​a​t​e​m​e​n​t​s​/​1​7​7​6​-​c​o​m​m​i​s​s​i​o​n​-​t​a​k​e​s​-​h​i​s​t​o​r​i​c​-​s​c​h​o​l​a​r​l​y​-​s​t​e​p​-​r​e​s​t​o​r​e​-​u​n​d​e​r​s​t​a​n​d​i​n​g​-​g​r​e​a​t​n​e​s​s​-​a​m​e​r​i​c​a​n​-​f​o​u​n​d​i​ng/

[13] The President’s Advi­so­ry 1776 Com­mis­si­on: The 1776 Report. Online Ver­öf­fent­li­chung 2021, 16. URL: https://​upload​.wiki​me​dia​.org/​w​i​k​i​p​e​d​i​a​/​c​o​m​m​o​n​s​/​7​/​7​2​/​T​h​e​-​P​r​e​s​i​d​e​n​t​s​-​A​d​v​i​s​o​r​y​-​1​7​7​6​-​C​o​m​m​i​s​s​i​o​n​-​F​i​n​a​l​-​R​e​p​o​r​t​.​pdf

[14] Ame­ri­can His­to­ri­cal Asso­cia­ti­on: AHA Con­demns Report of the Advi­so­ry 1776 Com­mis­si­on, 20.01.2021. URL: https://​www​.his​to​ri​ans​.org/​n​e​w​s​-​a​n​d​-​a​d​v​o​c​a​c​y​/​a​h​a​-​a​d​v​o​c​a​c​y​/​a​h​a​-​s​t​a​t​e​m​e​n​t​-​c​o​n​d​e​m​n​i​n​g​-​r​e​p​o​r​t​-​o​f​-​a​d​v​i​s​o​r​y​-​1​7​7​6​-​c​o​m​m​i​s​s​i​o​n​-​(​j​a​n​u​a​r​y​-​2​021)

[15]   Sie­he Rich­ter, Stef­fi: Alle vier Jah­re wie­der und nichts Neu­es? Das umstrit­te­ne „Neue Geschichts­lehr­buch“ für japa­ni­sche Mit­tel­schu­len. In: Inter­na­tio­na­le Schul­buch­for­schung  27 (2005) H. 1, 91 – 98; sowie die Bei­trä­ge des Sam­mel­ban­des Rich­ter, Steffi/​Höpken, Wolf­gang (Hrsg.): Ver­gan­gen­heit im Gesell­schafts­kon­flikt. Ein His­to­ri­ker­streit in Japan. Köln 2003.

[16]   Sie­he Putin, Vla­di­mir: Über die his­to­ri­sche Ein­heit der Rus­sen und der Ukrai­ner. Über­setzt von Andrea Hute­rer. In: Ost­eu­ro­pa 7 (2021), 51 – 66.

[17] Sie­he Bor­muth, Hei­ke (2023): Daten­satz zur Aus­ein­an­der­set­zung des poli­ti­schen Leit­or­gans Deut­scher Bun­des­tag mit dem Begriffs­feld des Geschichts­re­vi­sio­nis­mus (DeBuG). Link zum Daten­satz und beglei­ten­dem Wiki https://​doi​.org/​1​0​.​1​7​6​0​5​/​o​s​f​.​i​o​/​n​9​26g

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