Arbeitsbereich Geschichtsdidaktik / History Education, Universität Hamburg

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Gefallenenehrung in Wentorf? (2)

07. November 2009 Andreas Körber 3 Kommentare

Anmer­kung 1.12.2020: Zum Ehren­mal in Wen­torf nun auch die inten­si­ve Auf­ar­bei­tung im Pro­jekt “Denk­mal gegen den Krieg” der Nord­kir­che: https://www.denk-mal-gegen-krieg.de/kriegerdenkmaeler/schleswig-holstein-v‑z#denkmal-301

Im April die­ses Jah­res berich­te­te die Ber­ge­dor­fer Zei­tung von Plä­nen der Gemein­de Wen­torf, das dor­ti­ge Krie­ger­eh­ren­mal aus den 1920er Jah­ren, das in Bezug auf den Zwei­ten Welt­krieg nur die Ergän­zung “1939−1945” trägt, um eine neue Bron­ze­ta­fel mit den Namen Wen­tor­fer Gefal­le­ner zu ergän­zen. In dem Arti­kel und in den dort zitier­ten Äuße­run­gen der Initia­to­ren wur­de dies aus­drück­lich als beab­sich­tig­te “Ehrung”  bezeich­net. Das Denk­mal fir­miert bei der Gemein­de aus­drück­lich als “Ehren­denk­mal” (etwa hier).

Zu die­sen Plä­nen habe ich sei­ner­zeit einen Brief (Wentorf_​BZ_​Gedenken_​1) an die Gemein­de Wen­torf und auch an die BZ geschrie­ben (s. Bei­trag in die­sem Blog), der auf Grund sei­ner Län­ge jedoch nicht als Leser­brief abge­druckt wurde.

Spä­ter wur­de ‑wie­der­um in der BZ- berich­tet, dass die­se Ehren­ta­fel nun am 25.10. ein­ge­weiht wer­den soll.

Aus dem Krei­se der Initia­to­ren wird behaup­tet, Kri­tik an die­sem Vor­ha­ben ver­ken­ne die Zusam­men­hän­ge; es hand­le sich nicht um ein “Hel­den­ge­den­ken”. Dem ist aber durch­aus eini­ges entgegenzuhalten:

Denkmal in Wentorf; Zustand 6/2009; Foto: Körber
Denk­mal in Wen­torf von 1925; Ent­wurf: Fried­rich Ter­no 1 ; Zustand 6/​2009; Foto: Kör­ber; Inschrift “Dem leben­den Geist unse­rer Toten”


Denkmal in Wentorf; Zustand 6/2009; Detail (Foto: A.Körber): Inschrift auf dem Schwert: "Treue bis zum Tod". Die Inschrift auf der anderen Seite des Schwerts lautet "Vaterland"
Denk­mal in Wen­torf von 1925; Ent­wurf: Fried­rich Ter­no; Zustand 6/​2009; Detail (Foto: A.Körber): Inschrift auf dem Schwert: “Treue bis zum Tod”. Die Inschrift auf der ande­ren Sei­te des Schwerts lau­tet “Vater­land”

Nicht nur ange­sichts der Tat­sa­che, dass unter den Namen, die im April als zu “ehren­de” ver­öf­fent­licht wur­den, min­des­tens einer einen SS-Unter­schar­füh­rer bezeich­net, des­sen Tod von sei­nen Eltern in der SS-Zei­tung “Das Schwar­ze Korps” in ein­deu­tig pro­pa­gan­dis­ti­scher Manier ange­zeigt wur­de, muss sich die Gemein­de Wen­torf die Fra­ge gefal­len las­sen, ob “Ehrung” hier die rich­ti­ge Kate­go­rie des Geden­kens ist, und ob also das Geden­ken in die­ser Form und an die­sem Ort ange­mes­sen sein kann.

Trauernzeige für SS-Unterscharführer Reinhold Grieger. Aus: Das Schwarze Korps, Jg. 10, Nr. 16; 20.4.1944, S. 8.
Trau­er­an­zei­ge für SS-Unter­schar­füh­rer Rein­hold Grie­ger. Aus: Das Schwar­ze Korps, Jg. 10, Nr. 16; 20.4.1944, S. 8.

 

Man gewinnt den Ein­druck, dass hier doch, nach­dem genug Zeit ins Land gegan­gen ist, dort wie­der ange­knüpft wer­den soll, wo man in den 1950er Jah­ren nicht ein­fach wei­ter zu machen wag­te (es aber wohl eigent­lich woll­te), näm­lich bei der Glo­ri­fi­zie­rung der eige­nen Gefal­le­nen ohne hin­rei­chen­de Berück­sich­ti­gung der Zusam­men­hän­ge ihres Todes.

Gegen eine Bekun­dung von Trau­er als Ver­ar­bei­tung des mensch­li­chen Ver­lus­tes kann man sinn­vol­ler­wei­se nichts oder wenig ein­wen­den. Auch ist durch­aus nach­zu­voll­zie­hen, dass für die Ange­hö­ri­gen der­je­ni­gen, die kei­ne ande­re Grab­stät­te haben, ein kon­kre­ter Ort des Erin­nerns wich­tig ist.

Eine Wür­di­gung die­ser Män­ner als Men­schen ist wohl in den aller­meis­ten Fäl­len auch durch­aus ange­bracht — aber eine öffent­li­che sym­bo­li­sche “Ehrung” an die­sem Gefal­le­nen­eh­ren­mal muss zwangs­läu­fig auch als posi­ti­ve Wer­tung der Tat­sa­che ihres Ster­bens ver­stan­den werden.

Auch wenn das nicht expli­zit als “Hel­den­ge­den­ken” gedacht ist — die Gestal­tung des gesam­ten Denk­mals spricht trotz der expres­sio­nis­ti­schen Anklän­ge die­se Spra­che. Das Schwert im Helm als Sinn­bild für die Unmensch­lich­keit von Krieg und das Mahn­mal somit als ein Frie­dens­mal anzu­se­hen,  ist untrif­tig. Viel­mehr deu­tet es auf die Gefah­ren hin, die im Krieg lau­ern und auf die Opfer, die zu brin­gen sind.

Eine Wür­di­gung der Gefal­le­nen als “Opfer” des Krie­ges, die aus dem gan­zen Denk­mal ein Mahn­mal machen wür­de, erscheint somit unglaub­wür­dig. Wer hier nicht “Hel­den­ge­den­ken” erken­nen mag oder kann, wird doch min­des­tens an ihren Tod als ein für das Vater­land “treu” gebrach­tes “Opfer” den­ken. Opfer also im Sin­ne von “sacri­fice”, von Auf­op­fe­rung den­ken kön­nen, nicht aber im Sin­ne von unschul­di­gen “vic­tims”. Und Opfer in die­sem Sin­ne gel­ten nun ein­mal für eine “gute Sache”. — Der Zwei­te Welt­krieg auf deut­scher Sei­te — eine gute Sache?

Haben wir denn nicht end­lich gelernt zu differenzieren?

Initia­to­ren und Gemein­de müs­sen sich also fra­gen las­sen, wofür die­ses “Ehren­mal” ste­hen soll, wel­che Geschich­te es erzäh­len soll, wel­chen Bezug zum erin­ner­ten Gesche­hen es aus­drü­cken soll.

Hier soll doch wohl kein neu­er Ort für Gedenk­fei­ern ent­ste­hen, wie sie gera­de auch die NPD an sol­chen Denk­mä­lern immer noch abhält?

Gera­de weil Erin­ne­rung und Geden­ken immer poli­tisch sind und ihre öffent­li­chen Sym­bo­le immer poli­tisch gele­sen wer­den, soll­te ent­we­der eine ein­deu­ti­ge und den Wer­ten der Bun­des­re­pu­blik ent­spre­chen­de Sym­bo­lik und Ter­mi­no­lo­gie gewählt wer­den — oder man soll­te das berech­tig­te Inter­es­se der Trau­er um die eige­nen Toten doch lie­ber im pri­va­ten Rah­men belassen.

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Nach­trä­ge:

Anmer­kun­gen /​ Refe­ren­ces
  1. Zu Fried­rich Ter­no ist wenig bekannt. Aus eini­gen genea­lo­gi­schen Daten­ban­ken kön­nen die Lebens­da­ten ent­nom­men wer­den. Gebo­ren am 12. Juli 1881 in Schles­wig, evtl. als Sohn des dor­ti­gen Leh­rers, Gra­fi­kers und Schrif­stel­lers und Kul­tu­rad­mi­nis­tra­tors Emil Ter­no; 1909 in Ham­burg ver­hei­ra­tet; Kriegs­teil­nah­me zunächst als Gefr.; im 2. Jahr des 1. Welt­krie­ges Unter­of­fi­zier des in sei­ner Geburts­stadt sta­tio­nier­ten Infan­te­rie-Regi­ments Nr. 84 “von Man­stein”; am 20. Okto­ber 1915 wird er in Frank­reich leicht ver­wun­det. Dienst­grad bei Kriegs­en­de Leut­nant d.R.; Mit­te der 1920er Jah­re fir­miert Ter­no in Ham­burg, wohn­haft Claus-Groth-Stra­ße 59a, als “Maler und Bild­hau­er” und ist gemäß sei­nem Tele­fon­buch-Ein­trag als Schrift­füh­rer der “Offi­ziers-Ver­ei­ni­gung der ehe­ma­li­gen Man­stei­ner” in der Tra­di­ti­ons­pfle­ge aktiv. Er stirbt am 7. Sep­tem­ber 1925 mit 44 Jah­ren in Ham­burg; vgl. u.a. https://​ged​bas​.genea​lo​gy​.net/​p​e​r​s​o​n​/​s​h​o​w​/​1​1​3​4​1​5​2​534; Preu­ßi­sche Armee: Armee-Ver­ord­nungs­blatt; Anhang; Ver­lust­lis­ten; Preu­ßen Nr. 358; S. 9474; vorl. zugäng­lich unter http://​des​.genea​lo​gy​.net/​s​e​a​r​c​h​/​s​h​o​w​/​2​6​9​8​120; Amt­li­ches Fern­sprech­buch für die Ober­post­di­rek­ti­on Ham­burg, 1924; Hül­se­mann (1921−1929): Geschich­te des Infan­te­rie-Regi­ments von Man­stein (Schles­wig­sches) Nr. 84 1914 – 1918 in Ein­zel­dar­stel­lun­gen von Front­kämp­fern. Ham­burg (Erin­ne­rungs­blät­ter der ehe­ma­li­gen Man­stei­ner). []
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Gefallenenehrung in Wentorf (1)

12. Mai 2009 Andreas Körber 1 Kommentar

Anmer­kung 1.12.2020: Zum Ehren­mal in Wen­torf nun auch die inten­si­ve Auf­ar­bei­tung im Pro­jekt “Denk­mal gegen den Krieg” der Nord­kir­che: https://www.denk-mal-gegen-krieg.de/kriegerdenkmaeler/schleswig-holstein-v‑z#denkmal-301

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Im April die­ses Jah­res berich­te­te die Ber­ge­dor­fer Zei­tung von dem Plan, am Wen­tor­fer Ehren­mal nun auch die Namen von Gefal­le­nen und Ver­miss­ten des Zwei­ten Welt­kriegs anzubringen.

Vgl. hier­zu — mit Bil­dern — den Bei­trag Gefal­le­nen­eh­rung in Wen­torf (2)

Ich schrieb in die­sem Zusam­men­hang den fol­gen­den Brief an die Ber­ge­dor­fer Zei­tung und eini­ge für das Pro­jekt Verantwortliche:

Dr. Andre­as Körber⋅Am Golf­platz 6a ⋅ D‑21039 Esche­burg
An die Gemein­de Wen­torf
Haupt­stra­ße 16
21465 Wen­torf
nach­richt­lich:
• Ber­ge­dor­fer Zei­tung
Curs­la­cker Neu­er Deich 50
21029 Ham­burg
• Dr. Bill Boehart; Archiv­ge­mein­schaft
Schwar­zen­bek; Rit­ter-Wulf-Platz 1
21493 Schwar­zen­bek
• Wen­torf im Blick; Bür­ger­ver­ein Wen­torf
c/​o Jan Chris­tia­ni
Müh­len­stra­ße 62a
21465 Wen­torf
Ihr Zei­chen:
Mein Zei­chen: Wentorf_BZ_Gedenken_1.odt
D‑21039 Esche­burg, den 12. Mai 2009

Ehren­mal für im Zwei­ten Welt­krieg gefal­le­ne Wen­tor­fer?
Sehr geehr­te Damen und Her­ren,
die Ber­ge­dor­fer Zei­tung berich­te­te in ihrer Aus­ga­be vom 22. April 2009 unter dem Titel „Spä­te nament­li­che Wür­di­gung“ über Plä­ne, am 1925 errich­te­ten Krie­ger­denk­mal nun auch eine Bron­ze­plat­te mit Namen im Zwei­ten Welt­krieg gefal­le­ner Wen­tor­fer anzu­brin­gen. In „Wen­torf im Blick“ wird dies als „Ehren­mal“ bezeich­net, und auch der BZ-Arti­kel spricht von einer Ehrentafel.

Dr. Boehart ver­weist im BZ-Arti­kel auf die unter­schied­li­chen Umgangs­wei­sen mit der „Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung“ nach 1919 und 1945. In letz­te­rem Fal­le habe man „vie­ler­orts nur die Daten ‚1939 – 1945‘ ergänzt“. Der Tenor des Arti­kel ist, dass man nun nach­ho­len kön­ne und sol­le, was man damals nicht getan habe. Aus Ver­säum­nis ? Aus Scham? Oder aus berech­tig­ten Gründen?

Und sind die Initia­to­ren und die Wen­tor­fer der Auf­fas­sung, dass even­tu­el­le Grün­de, nicht die Namen zu nen­nen, heu­te obso­let gewor­den sind? Ist es an der Zeit, nun die eige­nen Gefal­le­nen zu „ehren“? Ist end­lich genü­gend Zeit ins Land gegangen?

Auf­schluss­reich ist auch die von der BZ berich­te­te Ant­wort Dr. Boeharts (sonst der erin­ne­rungs­po­li­ti­schen Ver­ein­nahm­bar­keit eini­ger­ma­ßen unver­däch­tig) auf die Fra­ge nach dem Geden­ken an die Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus: „Ange­spro­chen auf die Opfer der Natio­nal­so­zia­lis­ten herrscht zunächst Schwei­gen. Boehart stellt schließ­lich fest: ‚Opfer der NS-Gesell­schaft hat es auch in Wen­torf gege­ben. Doch das Ehren­mal wür­de für ihr Geden­ken nicht pas­sen, das geht in eine ande­re Rich­tung. Das Anlie­gen müss­te aber eben­so von den Bür­gern kom­men wie die Ehrentafel.‘“

Offen­kun­dig ist auch den Initia­to­ren durch­aus (unter-)bewusst, dass es so ein­fach nicht ist: Das all­mäh­li­che Ver­schwin­den der Erleb­nis­ge­nera­ti­on auf Sei­ten der Opfer macht kei­nes­wegs des Weg frei zu einem befrei­ten Hel­den­ge­den­ken. Haben Sie, Herr Dr. Boehart, die Fra­ge der Repor­te­rin ernst­haft so ver­stan­den, ob man die Namen von NS-Opfern umstand­los auf dem glei­chen Gedenk­stein, in der glei­chen Sym­bo­lik benen­nen könn­te? Das leh­nen Sie zu Recht ab. Aber ist nicht viel eher und völ­lig zu Recht gemeint gewe­sen, ob man denn wie­der anfan­gen könn­te, der eige­nen Gefal­le­nen zu geden­ken (zumal sie zu „ehren“) ohne min­des­tens auch der Opfer zu geden­ken – der Opfer der eige­nen Taten? Es geht also nicht nur um das Wie und die Fra­ge danach, ob man das am glei­chen Ort tun kann, son­dern auch um das grund­sätz­li­che Ver­hält­nis der bei­den Ehrungen.

Hal­ten Sie die Ver­gan­gen­heit für „bewäl­tigt“ im zu Recht seit lan­gem kri­ti­sier­ten Sin­ne des „Mit-ihr-fer­tig-Seins“, so dass man nun wie­der anfan­gen kann, ver­meint­lich unbe­las­tet die eige­nen Gefal­le­nen zu „ehren“? Das wird spä­tes­tens dann pro­ble­ma­tisch, wenn bekannt ist, dass min­des­tens einer der nament­lich zu „ehren­den“ SS-Unter­schar­füh­rer war, Trä­ger des EK 2. Klas­se, der Ost­me­dail­le und des gol­de­nen HJ-Abzei­chens, wie sei­ne Fami­lie in der Trau­er­an­zei­ge im SS-Blatt „Das schwar­ze Korps“ stolz auf­führt. – Ehren? Ist „ehren“ hier wirk­lich der rich­ti­ge Modus des Gedenkens?

Gegen Geden­ken im All­ge­mei­nen ist nichts ein­zu­wen­den. Trau­ern um die Väter und Groß­vä­ter ist auch dann zuläs­sig und not­wen­dig, wenn die­se an einem ver­bre­che­ri­schen Krieg teil­ge­nom­men haben und/​oder Mit­glied einer ver­bre­che­ri­schen Orga­ni­sa­ti­on gewe­sen sind – um so mehr, wenn das nicht der Fall ist. Das braucht auch nicht nur pri­vat zu gesche­hen – aber „Ehrung“ und „Wür­di­gung“?

Denk­mal­set­zun­gen sind gesell­schaft­li­che Hand­lun­gen. Sie tra­gen Sym­bol­cha­rak­ter. „Autoren“ des Denk­mals sind nicht die ein­zel­nen Hin­ter­blie­be­nen, son­dern die Gemein­de Wen­torf als Gan­ze. Daher die Fra­ge an die Gemein­de, d.h. an alle Wentorfer:

Ist es wirk­lich an der Zeit, die Taten der Gefal­le­nen zu „wür­di­gen“? Ist die Betei­li­gung am Ost­feld­zug wie­der „wür­dig“ im Modus des Hel­den­ge­den­kens ver­ewigt zu wer­den? Ich hal­te die­ses für kei­nes­wegs ange­bracht. Ist es das, was die Wen­tor­fer sich und ihren Gäs­ten zei­gen wol­len? Seht her, wel­che ruhm­rei­chen Taten unse­re Söh­ne voll­bracht haben?

Was unse­re Gesell­schaft offen­kun­dig braucht, ist deut­lich mehr Kom­pe­tenz im Umgang mit dem Geden­ken und der öffent­li­chen Erin­ne­rung. Unter­schei­den zu kön­nen zwi­schen dem (auch sym­bo­li­schen) Hel­den­ge­den­ken und der nega­ti­ven Erin­ne­rung als der Erin­ne­rung an die Opfer der eige­nen Taten; zwi­schen Opfer­ge­dächt­nis, Sie­ger- und Ver­lie­rer­ge­dächt­nis, ist drin­gend nötig.

Nötig wäre zudem, die mit sol­chen Erin­ne­rungs­for­men ver­bun­de­nen Gefüh­le und Emo­tio­nen anspre­chen und aus­spre­chen zu kön­nen. „Stolz“ auf die „tap­fe­ren eige­nen Sol­da­ten“ in einem (womög­lich „hel­den­haf­ten“) Kampf für „Füh­rer“ (wie es in der Trau­er­an­zei­ge heißt) „Volk und Vater­land“ – ist das der beab­sich­tig­te Modus ?

Es gäbe ande­re und sinn­vol­le­re. Was Erin­ne­rungs­kul­tur sein kann, hat gera­de der Volks­bund Kriegs­grä­ber­für­sor­ge in Ham­burg gezeigt, der erst­mals auf einer (von Schü­lern erar­bei­te­ten) Gedenk­plat­te an die Opfer des Luft­krie­ges auch die Namen der dabei ums Leben gekom­me­nen Zwangs­ar­bei­ter ver­zeich­net wur­den. Eben­so haben Stu­die­ren­de der Hel­mut-Schmidt-Uni­ver­si­tät im Novem­ber auf dem Fried­hof Ohls­dorf eine Gedenk­ta­fel für die in deut­scher Kriegs­ge­fan­gen­schaft umge­kom­me­nen sowje­ti­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen aufgestellt.

Wozu soll also Erin­ne­rung und Geden­ken die­nen? Wem ist damit gedient, nun vol­ler Kennt­nis der Ergeb­nis­se zeit­his­to­ri­scher For­schung über die Wehr­macht und die S S, den Cha­rak­ter des Zwei­ten Welt­krie­ges (zumal im Osten), den alten Modus des Hel­den­ge­den­ken wie­der auf­zu­grei­fen? Geht es dar­um, die­sen Krieg und sei­ne Teil­neh­mer umzu­in­ter­pre­tie­ren in einen „nor­ma­len“ Krieg?

Soll eine Tra­di­ti­ons­li­nie unver­än­der­ter „nor­ma­ler“ deut­scher Kriegs­füh­rung von Ers­tem Welt­krieg, Zwei­tem Welt­krieg und Aus­lands­ein­sät­zen der Bun­des­wehr her­ge­stellt wer­den (wie die Wor­te des Bür­ger­meis­ters in der BZ nahe­le­gen)? Und das noch posi­tiv, „ehren­voll“? Dass über mög­li­che „Ehrun­gen“ oder (bes­ser) ein Geden­ken an die im Aus­lands­ein­satz gestor­be­nen Bun­des­wehr­sol­da­ten nach­ge­dacht wer­den muss, ist wohl unum­gäng­lich. Dazu aber die Bun­des­wehr in eine unver­brüch­li­che Tra­di­ti­ons­li­nie deut­schen Sol­da­ten­tums zu stel­len und dies zudem unter nor­ma­li­sie­ren­der Ein­ord­nung des Zwei­ten Welt­krie­ges, ist unerträglich.

Die Bun­des­wehr hat allen Grund, sich nicht als Fort­set­zung die­ser Tra­di­ti­on zu ver­ste­hen, son­dern als Par­la­ments­ar­mee einer Demo­kra­tie mit einem ganz ande­ren Auf­trag: näm­lich der Frie­dens­si­che­rung und ggf. ‑schaf­fung im Rah­men einer Welt­ge­sell­schaft, die auf Men­schen­rech­te ver­pflich­tet ist. Das ist schwie­rig und pro­ble­ma­tisch genug (und zu Recht strit­tig). Wer dazu aber die Tra­di­ti­on deut­schen Sol­da­ten­tums bemüht, muss sich ent­we­der fra­gen las­sen, ob er die alten Tra­di­tio­nen deut­schen Mili­ta­ris­mus und einer Erobe­rungs­ar­mee der Bun­des­wehr wie­der anemp­feh­len will, oder ob er „nur“ in die­sem neu­en Licht die Geschich­te umschrei­ben will.

Ich hof­fe, dass sich Wen­torf und die Wen­tor­fer das noch ein­mal gut über­le­gen.
Mit freund­li­chen Grüßen

Andre­as Körber

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hier das Faksimile:

Wentorf_​BZ_​Gedenken_​1