Arbeitsbereich Geschichtsdidaktik / History Education, Universität Hamburg

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Sinnbildungstypen: Analytische Nutzung und Bedarf weiterer Differenzierung

30. April 2010 Andreas Körber Keine Kommentare

Bekann­ter­ma­ßen hat die Leh­re der Sinn­bil­dungs­ty­pen nach Jörn Rüsen, bei Ernst Bern­heim bereits vor­ge­prägt, meh­re­re Erwei­te­run­gen und Ver­än­de­run­gen erfah­ren. Von Bedeu­tung sind vor allem die Alter­na­tiv­for­mu­lie­run­gen von Hans-Jür­gen-Pan­del, der mit dem zykli­schen und dem orga­ni­schen zwei wei­te­re Nar­ra­ti­ons­mo­di hin­zu­fügt und das gene­ti­sche in “gegen­warts­ge­ne­ti­sches” und “teli­sches” Erzäh­len aus­dif­fe­ren­ziert 1, sowie die Anord­nung von drei­en der vier Rüsen’schen Typen in einer Spi­ra­le (samt einer ten­ta­ti­ven Erwei­te­rung nach “unten” und “oben”) und ihrer jewei­li­gen Ergän­zung durch eige­ne Kri­tik­for­men durch Bodo von Bor­ries 1988. 2

Mit Hil­fe die­ser Sinn­bil­dungs­ty­pen las­sen sich zwar nicht alle, wohl aber wesent­li­che Grund­struk­tu­ren von his­to­ri­schen Aus­sa­gen ana­ly­sie­ren und typi­sie­ren 3

Aller­dings zeigt sich in der Pra­xis recht schnell, dass es auch For­men his­to­ri­scher Sinn­bil­dung gibt, die mit den so gege­be­nen Begrif­fen eben nicht hin­rei­chend erfasst wer­den. An einem recht aktu­el­len Bei­spiel aus der Geschichts­kul­tur sein das kurz illustriert:

Joki­nen, bil­den­de Künst­le­rin und geschichts­kul­tu­rell wie geschichts­po­li­tisch täti­ge Akti­vis­tin in Ham­burg mit deut­li­chem The­men­schwer­punkt auf der Kolo­ni­al­ge­schich­te und der­je­ni­gen der Nach­ko­lo­nia­len Zeit (vgl. ihr Pro­jekt “Park post­ko­lo­ni­al”) hat Anfang des Jah­res auf der Web­site ihres Ham­bur­ger Afri­ka-Pro­jekts einen kur­zen Arti­kel über das “kolo­nia­le Herz der ‘Hafen­Ci­ty” veröffentlicht.

In ihm stellt sie zunächst die 1903 auf der Ham­bur­ger Korn­haus­brü­cke zur Ham­bur­ger Spei­cher­stadt auf­ge­stell­ten Stand­bil­der von Chris­toph Colum­bus und Vas­co da Gama (die­je­ni­gen für Magel­lan und James Cook wur­den im Zwei­ten Welt­krieg zer­stört) 4vor und ord­net ihre Ent­ste­hung  kurz in die “Hoch­zeit der kolo­nia­len Erobe­rung des afri­ka­ni­schen Kon­ti­nents” ein. Daher sind die vier “Erobe­rer­sta­tu­en” für sie auch “an pro­mi­nen­ter Stel­le Sinn­bil­der die­ser ‘Pio­nier­leis­tun­gen’ euro­päi­scher Expan­si­on, in deren Kiel­was­ser sich Ham­burgs Han­dels­her­ren sahen.”

Im wei­te­ren Arti­kel ver­weist Joki­nen auf die gleich neben­an befind­li­che Bau­stel­le der Hafen­Ci­ty und refe­riert die Namen wich­ti­ger neu­er Gebäu­de, Stra­ßen und Plät­ze: dort: ‘Hum­boldt­haus’, ‘Ves­puc­ci­haus’, ‘Kai­ser­kai’, ‘Mar­co-Polo-Ter­ras­sen’ und ‘Magel­lan-Ter­ras­sen’. Wei­ter geht es zum ‘Über­see­quar­tier’ mit nach Kolo­ni­al­wa­ren benann­ten Gebäu­den. Die Bezeich­nung ‘über­seisch’ wird (zu recht) als “tra­di­tio­nell […] beschni­gen­des Syn­onym für ‘kolo­ni­al’ cha­rak­te­ri­siert, bis der Arti­kel in die Fra­ge mün­det: “Fir­miert die ‘Hafen­Ci­ty’ jetzt als über­di­men­sio­na­ler Kolonialwarenkrämerladen?”

Das, was Joki­nen in ihrem Arti­kel refe­riert ist ein­deu­tig dem Typus der tra­di­tio­na­len Sinn­bil­dung zuzu­ord­nen — und zwar sowohl 1884ff und 2003ff: Die Vewei­se auf und Ver­ge­gen­wär­ti­gun­gen von Ver­gan­gen­heit sol­len Gel­tung auch für die Gegen­wart haben, sie sol­len gegen­wär­ti­ges Sein und Han­deln begrün­den. Das gilt gera­de auch für den zitier­ten Aus­spruch Ole von Beusts, dass im Über­see­quar­tier künf­tig das Herz der Hafen­ci­ty” schla­ge. Wenn dort heu­te Kreuz­fahrt­schif­fe anle­gen sol­len, so ist dar­in zwar durch­aus eine Ände­rung zu erken­nen, die mit gene­ti­scher Sinn­bil­dung hät­te ver­ar­bei­tet wer­den kön­nen (etwa im Sin­ne einer Zivi­li­sie­rung des Aus­grei­fens in die Welt vom kolo­nia­len Aus­beu­tungs­han­del zum Devi­sen brin­gen­den Tou­ris­mus), nicht aber müs­sen (es sind auch ande­re Deu­tungs­mus­ter denk­bar). Wich­tig ist viel­mehr, dass gera­de sol­che Ver­än­de­run­gen nicht the­ma­ti­siert wur­den. Die Namens­ge­bung folgt der his­to­ri­schen Logik der zwar nicht bruch­lo­sen, aber eben­falls nicht ver­än­dern­den “Anknüp­fung”.

Dass Joki­nens Arti­kel selbst die­se tra­di­tio­na­le Sinn­bil­dung kri­ti­siert, ist unüber­sehr­bar. Die Anfüh­rungs­zei­chen bei “Pio­nier­leis­tun­gen”, der z.T. iro­ni­sche Ton (“über­di­men­sio­na­ler Kolo­ni­al­wa­ren­krä­mer­la­den”) wie auch ein­deu­ti­ge­re Aus­sa­gen (etwa über den Pro­test des Eine Welt Netz­werks gegen “die impe­ria­len Namen im Stadt­raum”) machen dies deutlich.

Ist also Joki­nens Dar­stel­lung mit Bodo von Bor­ries’ Kate­go­rie der “tra­di­ti­ons-kri­ti­schen Sinn­bil­dung” zu fassen?

Die­se steht in sei­ner Bear­bei­tung von Rüsens Sinn­bil­dungs­leh­re zwi­schen der tra­di­tio­na­len Sinn­bil­dung und der exem­pla­ri­schen und bezeich­net den­je­ni­gen Modus des his­to­ri­schen Den­kens, der die tra­di­tio­na­le Logik, d.h. die ihr inne­woh­nen­de Logik der Still­stel­lung von Zeit und des Fort­schrei­bens eines Gel­tungs­an­spruchs, kri­tisch wen­det. “Tra­di­ti­ons-kri­tisch” ist die­je­ni­ge Sinn­bil­dung, die auf­zeigt, dass es nicht (mehr) aus­reicht, auf Tra­di­tio­nen zu ver­wei­sen, um Gel­tung her­zu­stel­len, dass es viel­mehr ande­rer (kom­ple­xe­rer) For­men his­to­ri­scher Kon­ti­nui­täts­vor­stel­lun­gen bedarf, um Ori­en­tie­rung zu ermög­li­chen, Sinn zu bilden.

Ist es das, was hier bei Joki­nen geschieht?

Die letz­ten zwei Sät­ze des Arti­kels (gleich nach der Fra­ge nach dem “über­di­men­sio­nier­ten Kolo­ni­al­wa­ren­krä­mer­la­den”) geben nähe­ren Aufschluss:

“Oder kann es Ein­sicht geben, Stra­ßen, Plät­ze, Denk­mä­ler den­je­ni­gen zu wid­men, die Opfer des aus Ham­burg maß­geb­lich betrie­be­nen Kolo­nia­lis­mus wur­den” Und den­je­ni­gen, die Wider­stand leis­te­ten gegen die aus­grei­fen­de Macht?”

Wie sind die­se bei­den Sät­ze ein­zu­ord­nen? Wel­ches Licht wer­fen Sie auf die Sinn­bil­dung im Arti­kel selbst?

Ganz deut­lich wird erkenn­bar, dass Joki­nen nicht die Logik der Tra­di­ti­on kri­ti­siert, son­dern die kon­kre­te impe­ria­le Tra­di­ti­on. Sie ver­weist auch nicht auf Regel­haf­tig­kei­ten oder auf Ver­än­de­run­gen, etwa auf einen wie auch immer gear­te­ten Fort­schritt (s.o.). Nein, sie emp­fiehlt viel­mehr den Wech­sel der Tra­di­ti­on von der­je­ni­gen der Pio­nie­re zu der­je­ni­gen ihrer Opfer. Es geht also um eine “Gegen-Tra­di­ti­on”.

Inso­fern die­ses Ansin­nen eine in der Geschich­te der Geschichts- und Erin­ne­rungs­kul­tur recht jun­ge Art des Umgangs mit der eige­nen Ver­gan­gen­heit mar­kiert, nament­lich die Anfor­de­rung, nicht die pro­blem­los der eige­nen “Wir-“Gruppe zuzu­rech­nen­den Hel­den dar­zu­stel­len, zu erin­nern und zu ehren, auch nicht die eige­nen Opfer der Taten ande­rer, son­dern die Opfer der eige­nen Taten unter den Ande­ren, ist es durch­aus mög­lich, eine gene­ti­sche Sinn­bil­dung dar­über zu bil­den, also etwa die­se Form geschichts­kul­tu­rel­ler Sinn­bil­dung als einen Fort­schritt der selbst-refle­xi­ven Post­mo­der­ne gegen­über der auf die För­de­rung des Eigen­grup­pen­stol­zes ange­wie­se­nen oder erpich­ten Moder­ne zu deu­ten — aber dar­um geht es hier nicht. Es ist nicht die Fra­ge, ob Joki­nens Geshichts­be­wusst­sein “fort­schritt­li­cher” ist als das der Erbau­er der Korn­haus­brü­cke, son­dern wel­che Sinn­bil­dungs­form sich in ihrem Text aus­drückt (und ob dar­aus Kon­se­quen­zen für die Theo­rie der Sinn­bil­dungs­ty­pen gezo­gen wer­den können).

Joki­nens For­de­rung nach Benen­nung von Stra­ßen, Plät­zen, Gebäu­den und nach Denk­mä­lern für die Opfer des Kolo­nia­lis­mus ist sei­ner­seits tra­di­tio­nal struk­tu­riert. Es geht ihr offen­kun­dig dar­um, eine pro­ble­ma­tisch “gewor­de­ne” (oder inzwi­schen als pro­ble­ma­tisch erkann­te) Tra­di­ti­on abzu­lö­sen und eine neue dane­ben zu stel­len, die neue Iden­ti­täts- und Ori­en­tie­rungs­an­ge­bo­te macht.

Hier nun stellt sich ein Ter­mi­no­lo­gie-Pro­blem. Joki­nens Sinn­bil­dungs­mus­ter ist offen­kun­dig “tra­di­tons-kri­tisch” — aber gera­de nicht in dem Sin­ne, wie von Bor­ries es in der Erwei­te­rung von Rüsen mein­te. Sie kri­ti­siert eine Tra­di­ti­on, nicht Tra­di­ti­on an sich. Ist also die Bezeich­nung “tra­di­ti­ons-rkti­sche Sinn­bil­dung” bei von Bor­ries gut gewählt? Gilt das glei­che für “exem­pel-kri­tisch” und “gene­se-kri­tisch”? Die Tat­sa­che, dass die­se Ter­mi­ni vom Sprach­ge­fühl her auf Sinn­bil­dun­gen pas­sen, die gar nicht die Logik des Traditionalen/​Exemplarischen/​Genetischen, son­dern “nur” jeweils kon­kre­te Traditionen/​Exempel/​Genesen kri­ti­se­ren und ande­re Bei­spie­le der­sel­ben Klas­se emp­feh­len, lässt dies verneinen.

Wir brau­chen offen­kun­dig eine wei­te­re Dif­fe­ren­zie­rung im Modell, die hier nur skiz­ziert wer­den kann:

  • anthro­po­lo­gisch konstant
  • kon­stanz-kri­tisch
    • tra­di­ti­ons-kri­tisch (eine bestimm­te Tra­di­ti­on kri­ti­sie­rend, aber in der Logik tra­di­tio­na­len Den­kens verbleibend)
    • tra­di­tio­na­li­täts-kri­tisch (die Logik tra­di­tio­na­ler Sinn­bil­dung kritisierend)
  • exem­pla­risch
    • exem­pel-kri­tisch (die Gel­tung und Ori­en­tie­rungs­kraft eines bestimm­ten Bei­spiels bzw. einer Rei­he von Bei­spie­len für die eige­ne Gegen­wart kri­ti­sie­rend, aber inner­halb der Logik der exem­pla­ri­schen Sinn­bil­dung ver­blei­bend, d.h. ande­re, bes­se­re Bei­spie­le und Regeln für mög­lich haltend.)
    • exem­pla­rik-kri­tisch (die Logik der exem­pla­ri­schen Sinn­bil­dung, aus ver­gan­ge­nen Bei­spie­len Regeln für die Bewäl­ti­gung von Gegen­wart und Zukunft ablei­ten zu wol­len, kritisierend)
  • gene­tisch
    • gene­se-kri­tisch (eine bestimm­te skiz­zier­te Ent­wick­lungs­rich­tung kri­ti­sie­rend, aber inner­halb der Logik gene­ti­schen Den­kens ver­blei­bend, d.h. ande­re, ver­bes­ser­te Vor­stel­lun­gen einer gerich­te­ten Ent­wick­lung für mög­lich haltend)
    • gene­tik-kri­tisch (die Logik der gene­ti­schen Sinn­bil­dung kri­ti­sie­ren, d.h. die Vor­stel­lung aus Rei­hen ver­gan­ge­ner Bei­spie­le eine für Gegen­wart und Zukunft gül­ti­ge Ent­wick­lungs-/Ver­laufs­rich­tung ablei­ten zu kön­nen, kritisierend)
Anmer­kun­gen /​ Refe­ren­ces
  1. PANDEL, HANS-JÜRGEN (2002): “Erzäh­len und Erzähl­ak­te. Neue­re Ent­wick­lun­gen in der didak­ti­schen Erzähl­theo­rie.” IN: DEMANTOWSKY, MARCO; SCHÖNEMANN, BERND (Hrsg.; 2002): Neue­re geschichts­di­dak­ti­sche Posi­tio­nen. Bochum: Pro­jekt-Ver­lag (Dort­mun­der Arbei­ten zur Schul­ge­schich­te zur und his­to­ri­schen Didak­tik; 32), S. 39 – 56. []
  2. BORRIES, BODO VON (1988): Geschichts­ler­nen und Geschichts­be­wußt­sein. empi­ri­sche Erkun­dun­gen zu Erwerb und Gebrauch von His­to­rie.; 1. Aufl.; Stutt­gart: Klett, S. 59 – 96.[]
  3. Dabei ist natür­lich zu beach­ten, dass  kaum eine rea­le Nar­ra­ti­on jeweils nur einen die­ser Typen in Rein­form ent­hält.[]
  4. Vgl. auch die kur­ze Erläu­te­rung im “Ham­burg Web” sowie Eifin­ger, Mari­on (2007): Restau­rie­rungs-Bericht.[]
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